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Plötzlich fiel ihm sein Haus in Falmouth ein und die beiden Porträts, die einander gegenüberhingen. Er empfand eine gewisse Rührung, weil er ohne Kummer und Bitterkeit daran denken konnte. Es war fast, als hätte er jemanden dort, der auf seine Rückkehr wartete.

Unbewegten Gesichts kam Keverne wieder.»Zwei Mann stehen heute nachmittag zur Bestrafung an, Sir.»

«Was?«Bolitho fuhr auf und starrte den Leutnant an.»Ach so. Ja, ist gut.»

Der kurze Augenblick des Friedens war vorbei. Doch als er zur Achterdeckreling ging, wünschte er sich heiß und innig, er möge wiederkehren.

Um sechs Uhr desselben Tages saß Bolitho an seinem Schreibtisch und sah durch das Heckfenster, den Kopf voller Gedanken. Trute, der Kajütsteward, stellte ihm einen Topf frischgebrühten Kaffee hin und trat wortlos wieder ab. Er hatte sich an die Launen seines Kommandanten gewöhnt, der anscheinend unbedingt allein sein wollte, auch wenn er sich seinen Kaffee selbst eingießen mußte. Auch daß sein Schreibtisch nach achtern blicken mußte, und daß er, wenn irgend möglich, lieber dort aß als an seinem schönen Eßtisch in der Nebenkajüte. Trute hatte bisher drei Kommandanten betreut, aber so einer war nicht darunter gewesen. Alle drei hatten hinten und vorn, zu jeder Tages- und Nachtzeit, bedient werden wollen. Alle drei konnten sehr schnell sehr unangenehm werden, wenn etwas nicht nach Wunsch ging. Aber sosehr er Bolitho als gerechten und rücksichtsvollen Vorgesetzten schätzte, hatte er sich doch bei seinen Vorgängern wohler gefühlt. Wenigstens hatte er bei denen die meiste Zeit gewußt, was sie gerade dachten.

Bolitho nippte an dem glühendheißen Kaffee. Auch der würde eines Tages, wie so manches andere, ein Luxusartikel werden. Man wußte nie genau, wann ein Schiff in bezug auf Lebensmittel und Trinkwasser die Sicherheitsgrenze überschritt.

Vier Glasen wurden angeschlagen; irgendwo hörte er eilige Schritte poltern, vielleicht war es ein Deckoffizier, der eingeduselt war und jetzt rennen mußte, um rechtzeitig für die zweite Hundewache abzulösen.

Bolitho hatte den Nachmittag über viel zu tun gehabt, und zwar hauptsächlich in Angelegenheiten seines eigenen Schiffes, nicht des Geschwaders. Es hatte sich viel angesammelt. Eine endlose Prozession von Leuten wartete, die alle etwas von ihm wollten.

Grubb, der Schiffszimmermann, grauhaarig, immer argwöhnisch und pessimistisch auf der Jagd nach dem Erzfeind aller Schiffe, der Fäule. Nicht daß er bei seinen täglichen maulwurfsgleichen Streifzügen durch die Eingeweide des Rumpfes, die er nie anders gesehen hatte oder sehen würde als bei Laternenlicht, etwas gefunden hätte.

Er wollte wohl nur Bolitho vor Augen führen, wie unermüdlich er um das Schiff besorgt war.

Ein paar Minuten hatte er Clove, dem Küfer, gewidmet, weil sich der Zahlmeister vor einiger Zeit über den Zustand mehrerer Wasserfässer beklagt hatte. Aber Zahlmeister Nathan Buddle beklagte sich oft und gern, wenn es sich um Dinge handelte, für die jemand anderer zuständig war. Er war ein dünner, hinterhältig aussehender Mann mit pergamentener Haut und ewig ängstlicher Miene, hinter der, wie Bo-litho argwöhnte, etwas ganz anderes stecken mochte als ein paar angefaulte Wasserfässer. Fairerweise mußte er zugeben, daß Buddles Abrechnungen bisher immer gestimmt hatten; aber man mußte ihm, wie allen Zahlmeistern, ständig auf die Finger sehen.

Und, wie Keverne schon gemeldet hatte, zwei Mann wurden zum Strafvollzug nach achtern gebracht; wie immer sahen alle dabei zu, die nicht gerade Wache gingen.

Bolitho haßte diese Schauspiele, obwohl er wußte, daß sie unvermeidbar waren. Es dauerte immer so lange. Die Grätings wurden auf-geriggt, die Delinquenten ausgezogen und festgezurrt, und dann kam seine eigene Stimme, die, das Brausen von Wind und Leinwand übertönend, die Kriegsartikel verlas.

Der eigentliche Strafvollzug interessierte die Zuschauer gar nicht so sehr.

Der erste Mann, der sich ein Dutzend Hiebe eingehandelt hatte, war beim Kameradendiebstahl erwischt worden. Man war der Meinung, daß er billig weggekommen wäre im Vergleich zu dem, was seine

Messekameraden mit ihm angestellt hätten, wäre nicht der Schiffskorporal zur rechten Zeit dazwischengekommen. Wie Bolitho gehört hatte, sollte es vorgekommen sein, daß Männer, die ihre Kameraden bestohlen hatten, nachts über Bord geworfen wurden; ja, einer sollte tatsächlich ohne die Hand, die gestohlen hatte, aufgefunden worden sein. In der brodelnden, ständig unter Druck stehenden Welt des Zwischendecks gab es für einen Dieb wenig Sympathie.

Der zweite Matrose bekam zwei Dutzend wegen Nachlässigkeit im Dienst und Insubordination. Sawle, der jüngste Leutnant, hatte ihn gemeldet. In diesem besonderen Fall gab sich Bolitho selbst die Schuld. Er hatte Sawle vor etwa sechs Monaten zum Leutnant befördert; aber hätte er nicht unter dem kranken Admiral Thelwall so viel mit Geschwaderangelegenheiten zu tun gehabt, so hätte er sich das, wie ihm heute klar war, zweimal überlegt. Sawle schien das Zeug zu einem guten Offizier zu haben, aber das war nur äußerlich. Er war ein mürrisch aussehender junger Mann von achtzehn Jahren, und Bolitho hatte Keverne gesagt, er solle aufpassen, daß seine Neigung zum Schikanieren sich in Grenzen hielt. Vielleicht hatte Keverne sein Bestes getan; vielleicht hatte er auch gedacht, das sei alles nicht so schlimm, solange Sawle sonst seinen Dienst versah.

Sei dem wie ihm wolle; der blutige Rücken des Mannes war Bolitho eine grimmige Mahnung, Sawle in Zukunft ständig im Auge zu behalten. Wenn Meheux, der lustige, rundgesichtige Zweite Offizier, oder Weigall, der Dritte, an Stelle von Sawle gewesen wären, dann wäre es jedenfalls nicht so weit gekommen. Meheux war beliebt wegen seines grobschlächtigen Nordlandhumors. Er rühmte sich mit gutem Grund, daß er genauso klettern und spleißen könne wie jeder Matrose, und so hätte er schlimmstenfalls zu dem Mann gesagt:»Mal sehen, wer's besser macht!«Weigall, der den Körperbau, aber leider auch die Intelligenz eines Preisboxers besaß, hätte den Mann mit seiner massiven Faust auf die Planken geschmettert und dann die ganze Geschichte völlig vergessen. Weigall war bei seiner Division nicht unbeliebt, aber meistens ging man ihm aus dem Wege. Er hatte das mittlere Geschützdeck unter sich und war unglücklicherweise seit einem Gefecht mit einem Blockadebrecher sehr schwerhörig. Manchmal bildete er sich ein, die Leute redeten hinter seinem Rücken über ihn, und dann setzte es beim geringsten Anlaß Strafexerzieren.

Bolitho lehnte sich im Sessel zurück und starrte achteraus auf das blasige Kielwasser der Euryalus, die in dem steifen Nordwest stetige Fahrt machte.

Er schenkte sich noch Kaffee ein und verzog das Gesicht. Bald würde das Schiff drehen und mehr Segel setzen, denn das Geschwader mußte möglichst rasch wieder gefunden werden. An diesem einen Nachmittag und Abend relativer Freiheit hatte er Zeit gehabt, über die Männer nachzudenken, mit denen er am engsten zusammenarbeiten mußte, die aber durch Rang und Stellung von ihm getrennt waren. Broughton ließ ihn völlig in Ruhe; Calvert hatte verlauten lassen, der Admiral säße entweder über den Karten oder lese immer wieder seine Geheimorder durch, als suche er etwas darin, das ihm bisher entgangen sei.

Es klopfte, und der Posten draußen brüllte:»Midshipman der Wache, Sir!»

Es war Drury. Der ging Strafwache wegen der Mißhelligkeiten, die er mit seinem Leutnant wegen der Laterne gehabt hatte.

«Mr. Bickford läßt Sie mit allem Respekt bitten, Sir, an Deck zu kommen.»

Bolitho lächelte über die Neugier des jungen Mannes, dessen Blicke eifrig in der Kajüte herumhuschten, damit er nachher in der wesentlich bescheideneren Fähnrichsmesse eine möglichst detaillierte Beschreibung liefern konnte.