«Und warum, Mr. Drury? Das Beste haben Sie anscheinend vergessen.»
«Ein Segel, Sir«, erwiderte der Junge verwirrt.»In Nordwest.»
Bolitho sprang auf.»Danke. «Er eilte zur Tür.»Ich könnte ja Trute Bescheid sagen, daß er Sie später in meiner Kajüte herumführt, Mr. Drury. Aber im Moment haben wir zu tun.»
Errötend rannte Drury hinter ihm her, und so kamen sie zusammen auf Deck an.
Bickford war der Vierte Offizier. Er nahm seine Dienstpflichten sehr ernst, war aber völlig humorlos.
«Der Ausguck hat soeben ein Segel gemeldet, Sir. Im Nordwesten.»
Bolitho ging nach Luv hinüber und suchte die Kimm ab. Sie war hart und silberweiß wie eine Säbelschneide. Doch der Wind wehte stetig; wenigstens etwas. Immerhin konnte er bis zum Morgen erheblich auffrischen. Dann würde es lange dauern, bis sie wieder beim
Geschwader waren und mit Draffen an Bord der Restless Verbindung aufnehmen konnten.
Bickford hielt Bolithos Schweigen für Unsicherheit.»Meiner Überzeugung nach ist es die Coquette, Sir«, sagte er mit leicht erhobener Stimme, um bei Drury und einem zweiten dabeistehenden Midship-man Eindruck zu schinden.»Das wäre am wahrscheinlichsten.»
Bolitho hob den Kopf und starrte auf die gebauschten Marssegel oben, den heftig knatternden Windanzeiger. Wie eine Riesenpeitsche. Er dachte an die schwindelerregende Kletterei, das furchtbare Vibrieren der Wanten.
«Soso, Mr. Bickford. Danke sehr.»
Der Leutnant nickte bestimmt.»Schon weil es ein einzelnes Schiff ist und so zuversichtlich herankommt.»
Bolitho sah immer noch in die vibrierenden Rahen. Eben kam Ke-verne die Kampanjeleiter herauf und eilte zu ihnen.
«Mr. Keverne, entern Sie mit einem Glas auf. So schnell Sie können. Da ist ein Schiff an Backbord — vielleicht allein. «Er warf Bick-ford einen raschen Blick zu.»Vielleicht auch nicht.»
Bickford und die anderen erstarrten plötzlich und traten zurück — also mußte Broughton an Deck gekommen sein.
«Äh, Bolitho — warum diese Aufregung?»
«Ein Segel, Sir«, sagte Bolitho und deutete über die Finknetze zum Horizont.
«Hmhm. «Broughton wandte sich um und sah Keverne nach, der leichtfüßig in die Wanten aufenterte.»Wer mag das sein?»
«Ich glaube«, sagte Bickford rasch,»daß es die Coquette ist, Sir.»
Ohne mit der Wimper zu zucken, sagte der Admiral zu Bolitho:»Wollen Sie bitte diesem Herrn klarmachen: wenn ich jemals in die schlimme Lage komme, daß ich eine völlig wertlose Ansicht brauche, wird er der erste sein, der es erfährt.»
Bolitho lächelte, als Bickford in die Gruppe an der Reling zurückwich.»Ich glaube, er hat Sie schon verstanden, Sir.»
Seltsam, daß sie alle äußerlich so ruhig waren, dachte er. Bestimmt hatte Broughton, der so tat, als interessiere ihn das Ganze nur beiläufig, den Kopf bereits voller Probleme und Kalkulationen. Ob er wohl diesmal den Flaggkapitän nach seiner Meinung fragen würde?
Keverne kam die Pardune heruntergerutscht, landete platschend an Deck und eilte herbei. Auf seinem brünetten Gesicht arbeitete es erregt.»Kauffahrer, Sir. Aber gut bewaffnet, fünfzig Geschütze, würde ich sagen. Steht direkt vorm Wind, hat aber keine Bramsegel gesetzt. «Er merkte, daß Broughton ihn ungeduldig anstarrte, und schloß:»Spanier, Sir. Kein Zweifel.»
Broughton biß sich auf die Lippe.»Hol' ihn der Teufel!»
Bolitho dachte laut nach.»Selbst ohne Bramsegel könnten wir ihn nur schwer erwischen, Sir. Aber wenn wir ihn schnappen, bekommen wir vielleicht Informationen. «Broughtons steife Haltung verriet seine innere Spannung.»Informationen, die Sie weitergeben können, sofern Sie es für richtig halten.»
Das saß. Mit blitzenden Augen fuhr Broughton herum.
«Bei Gott, ich sehe direkt Sir Hugos Gesicht vor mir, wenn er mit leeren Händen zurückkommt, während wir ihm was Neues erzählen können!«Er seufzte.»Aber es hat ja keinen Zweck. Bis Sie diese Elefantenkuh von Schiff gewendet haben, ist der Don schon halb zu Hause. Und eine lange Verfolgung, die mich noch weiter vom Geschwader wegbringt, kann ich mir nicht leisten.»
«Ich glaube, wir alle haben ein wichtiges Detail übersehen, Sir«, erwiderte Bolitho und schlug die Faust in die Handfläche.»In gewissem Sinne hatte Mr. Bickford gar nicht so unrecht. «Lächelnd blickte er zu den anderen hinüber. Bickford hielt sich im Hintergrund, als hätte er Angst vor einem Anschnauzer. Bolitho fuhr fort:»Der Don denkt, die Euryalus ist ein Franzose!«Er blickte Broughton an, der jetzt nicht mehr so zweifelnd und enttäuscht, sondern ein bißchen hoffnungsvoll aussah.»Warum auch nicht, Sir? Wie die Dinge liegen, kann doch niemand annehmen, daß sich ein einzelnes britisches Schiff hier im Mittelmeer herumtreibt. Und in der kurzen Zeit können sie noch gar nicht erfahren haben, daß wir von Gibraltar ausgelaufen sind.»
Broughton trat an die Netze und stieg auf einen Poller. Starr blickte er zur Kimm hinüber, als wolle er den Spanier beschwören, sich ihm zu zeigen.
«Schiff läuft immer noch vorm Wind, Sir«, rief der Ausguck herunter.
Broughton kam wieder und rieb sich das Kinn.»Sie müssen uns gesehen haben! So blind sind nicht mal die Dons.»
«Aber sowie wir Segel wegnehmen oder auf ihn zudrehen, wissen sie Bescheid!»
«Verdammt, Bolitho! Erst machen Sie mir Hoffnung, und dann zerschlagen Sie sie wieder!»
«Ich kann sie sehen, Sir! Zwei Strich vorlicher als querab!«Drury hing in den zitternden Wanten, ein Teleskop fest vorm Auge.
Bolitho nahm ein Glas aus der Halterung und balancierte es gegen die Schiffsbewegung aus. Dann sah er es ebenfalls: ein blasses Dreieck an der Kimm. Mit allen Segeln holte ihr Steuermann aus der frischen Brise heraus, was sie hergab.
«Sie kommt schnell auf, Sir.»
Wieder überlegte er, ob er selbst auf entern sollte. Aber statt dessen fragte:»Fünfzig Kanonen meinen Sie, Mr. Keverne?»
«Aye, Sir. Ich kenne den Typ. Gut bewaffnet gegen Piraten und dergleichen. Wir könnten sie Meile um Meile einholen, aber wahrscheinlich ist sie zu wendig für uns.»
«Damit kommen wir auch nicht weiter«, fuhr Broughton wütend dazwischen.
«Wir müssen sie dicht herankommen lassen, Sir. «Rasch ging Bolitho zum Rad hinüber und wieder zurück, ohne es recht zu merken.»Aber wir müssen den Windvorteil behalten. Sonst können wir uns bald ihr Heck besehen.»
«Vielleicht sollten wir die französische Flagge hissen, Sir?«schlug Partridge vor.
Der Admiral hieb sich vor Ungeduld auf den Schenkel.»Viel zu auffällig!»
Er sah Hauptmann Giffard und seinen Leutnant mit Teleskopen auf dem Achterdeck stehen und das fremde Schiff betrachten.»Weg mit diesen Offizieren da! Rotröcke auf einem französischen Kriegsschiff — was bilden Sie sich eigentlich ein, Giffard?»
Die beiden Marine-Infanteristen verschwanden wie der Blitz.
«Mann über Bord, Sir«, sagte Bolitho langsam.
«Wie war das?«Broughton starrte ihn an, als sei er verrückt geworden. »Mann über Bord?»
«Der einzige Grund, weshalb ein Schiff auf hoher See halsen kann, ohne Verdacht zu erregen.»
Broughton öffnete den Mund und schloß ihn wieder. Unsicherheit und Zweifel überwältigten ihn fast.
«Wir brauchen einen guten Schwimmer«, fuhr Bolitho mit sanfter Überredung fort.»Und die Besatzung der Jolle muß schon bereitstehen. Wir können sie später wieder aufgreifen. Ist einen Versuch wert, Sir«, schloß er mit zuversichtlichem Nicken.
Schweigend überlegte Broughton.»Es könnte klappen«, sagte er schließlich.»Und wir hätten Zeit, um…«Er stampfte auf die Planken.»Jawohl, bei Gott! Wir probieren es!»
Bolitho atmete tief.»Mr. Keverne, holen Sie die Breitfock ein. Wir bleiben unter Marssegel und Klüver. Das ist bei diesem Kurs ganz normal, sie werden nicht groß darauf achten. «Keverne eilte hinweg, und Bolitho wandte sich an Partridge.»Das wird unsere Fahrt ein bißchen mindern. Wir wollen auch nicht zu sehr vor ihren Bug kommen.»