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Von dem Boot und dem Schwimmer war nichts zu sehen. Hoffentlich, so hatte Bolitho gerade noch Zeit zu denken, hielt jemand nach ihnen Ausschau.

«Geben Sie durch, Mr. Keverne: untere Batterie ausrennen!»

Die Stückpforten flogen auf, drohend knarrten und quietschten die Geschützschlitten; er konnte sich vorstellen, wie die Männer tief unter seinen Füßen fluchten und keuchten, während sie die schweren Kanonen die Schräglage hinauf und ans Sonnenlicht zerrten.

«Flagge zeigen, Mr. Tothill!»

Er hörte Broughtons Stimme und fuhr herum.»Das war ja eine kühne Wende, Bolitho! Ich dachte schon, Sie reißen ihr die Masten aus. «Er war in seinem goldbetreßten Rock an Deck gekommen, den wunderbaren Degen an der Seite, wie zur Geschwaderinspektion.

Ein dumpfer Knall, und eine Rauchwolke trieb von der Kampanje des Spaniers ab. Die mußten ein geladenes Geschütz in Bereitschaft gehabt haben, dachte Bolitho; aber er konnte nicht sehen, wohin die Kugel ging.

«Bramsegel setzen, Mr. Keverne! Der will uns entwischen!»

Beide Schiffe lagen jetzt auf Parallelkurs, die Euryalus etwa zwei Kabellängen achteraus.

Noch ein Knall; jemand schnappte vor Schreck nach Luft, denn eine Kugel fuhr durch das Fockmarssegel und platschte weit in Luv ins Meer.

Das spanische Schiff hatte ein stark gerundetes Heck, und Bolitho rechnete damit, daß dort ein paar kräftige Kanonen montiert waren, um Verfolger abzuwehren.

«Noch länger zu warten, hat keinen Sinn«, knurrte Broughton.

Bolitho nickte. Jeden Moment konnte eine Kugel eine lebenswichtige Spiere herunterreißen.»Mittlere Batterie, Mr. Keverne. Einzelfeuer!«Und zu Partridge:»Luven Sie noch einen Strich weiter an!»

Die Euryalus drehte etwas von ihrem Opfer ab, und vom mittleren Geschützdeck stiegen braune Rauchwolken hoch. Von vorn nach achtern, alle zwei Sekunden, krachte ein schwerer Vierund-zwanzigpfünder und glitt nach binnenbords zurück, wenn die glühende Zunge des Mündungsfeuers herausgefahren war.

Bolitho beobachtete die aufspringenden Wassersäulen, die an und hinter dem Achterdeck des Spaniers lagen; aber mehrere Kugeln hatten auch getroffen: splitternd flogen Holzteile von der Schanz hoch. Von unten klang das Triumphgeschrei der Kanoniere herauf, und das wütende Quietschen der Geschützschlitten, denn die Bedienungen wetteiferten miteinander, um die Kanonen wieder auszufahren. Ke-verne sah Bolitho an, die Augen dunkel vor Spannung und Erregung.»Sie streicht die Flagge nicht, Sir.»

Bolitho biß sich auf die Lippe. Die rot-gelbe spanische Flagge wehte noch über der Kampanje, schon wieder krachte ein Geschütz, und eine Kugel flog kreischend wie eine gemarterte Seele in der Hölle dicht über die Masten der Euryalus hinweg.

Er hatte erwartet, daß sich der Spanier beim Anblick der britischen Flagge ergeben würde. Es war etwa eine Kabellänge Distanz zwischen ihnen, und mit ihren gut ziehenden Bramsegeln holte die Euryalus in jeder Minute mehr auf.

Dann sah er die Jolle schwarz gegen die glitzernde See; die Ruderer, und Williams hoffentlich auch, standen aufrecht und schrien hurra zu dieser einseitigen Schlacht.

Wieder spuckte die Achterdecksbatterie des Spaniers hellrote Flammen; diesmal hatten drei, vielleicht vier Kanonen gefeuert; und ehe sich der Rauch verzogen hatte, spürte Bolitho, wie das Deck unter seinen Füßen zuckte: eine Kugel war wie ein Hammer in den Rumpf der Euryalus eingeschlagen.

«Einen Strich anluven, Mr. Partridge!«Was tat dieser Narr von einem Spanier? Es war absoluter Irrsinn, noch weiterzukämpfen. Lief er weiter vorm Wind, mußte die Euryalus ihn überholen. Drehte er ab, konnte er in Sekundenschnelle entmastet und das Heck zerschmettert sein.

Wieder blitzte es; und diesmal pflügte eine Kugel in den Steuerborddecksgang. Zwei Matrosen rollten schreiend und um sich schlagend an Deck, von herumfliegenden Splittern niedergestreckt.

«Untere Batterie, Mr. Keverne«, sagte Bolitho. Er hielt inne und blickte auf die trotzige Flagge. Würde sie…»Breitseite!«stieß er wütend hervor.

Die beiden unteren Geschützdecks hatten reichlich Zeit gehabt. In aller Ruhe hatten die Geschützführer ihre Bedienungen mustern und einweisen können, die Leutnants waren auf und ab geschritten und hatten durch die offenen Geschützpforten gespäht, während sich die Euryalus würdevoll etwas vom Gegner abgedreht und die Doppelreihe ihrer Geschütze wie schwarze Zähne gebleckt hatte. Dann pfiffen die Leutnants» Feuer«, die Geschützführer zogen die Reißleinen ab, alle Rohre brüllten gleichzeitig auf, und das ganze Schiff erzitterte, als sei es knirschend auf ein unter Wasser liegendes Riff gelaufen.

Vom Achterdeck aus beobachtete Bolitho, wie der Rauch zu dem Spanier hinübertrieb und sah dort den Besanmast wanken und über die

Kampanje stürzen; er hörte das Krachen und Brechen trotz des Widerhalls der Breitseite, der noch wie Donner über die See rollte.

Als sich der Rauch verzogen hatte, sah er auch die klaffenden Löcher im Rumpf längs des Achterdecks, die herabhängende Masse der zerfetzten Takelage und gebrochenen Spieren. Trunken schwankte das Schiff im Wind; das hohe Heck bot sich dem letzten vernichtenden Schlage dar.

Doch da gellte eine Stimme:»Sie streicht die Flagge!«Und das Triumphgeschrei wurde von den unteren Decks aufgenommen, wo die Geschützbedienungen schon wieder die Rohre ausputzten und für die nächste Breitseite luden.

«Ein tapferer Kommandant«, sagte Bolitho.

«Ein Dummkopf!«Broughton spähte zu dem spanischen Schiff hinüber, das hilflos unter Rauchwolken dahintrieb — vor kurzem noch so zuversichtlich und lebensvoll, jetzt ein mitleiderregendes Wrack.

«Wir nehmen gleich Segel weg, damit sie in Lee von uns bleibt, Mr. Keverne. «Bolitho wartete ab, bis Keverne die entsprechenden Befehle gegeben hatte, und sagte dann:»Jetzt werden wir vielleicht herausbekommen, warum der Mann sich so verzweifelt gewehrt hat — er muß ja etwas ganz Wichtiges an Bord haben!»

VIII Die Prise

Vizeadmiral Broughton riß dem Midshipman der Wache das Teleskop aus der Hand, trat flotten Schritts neben Bolitho und richtete das Glas auf den Spanier, der eine halbe Kabellänge in Lee der Euryalus steuerlos trieb.»Was, zum Teufel, machen die eigentlich so lange da drüben?»

Bolitho antwortete nicht. Auch er musterte das rollende Schiff, auf dem der endlich gehißte weiße Wimpel vom Masttopp flatterte — also hatte Leutnant Meheux mit seinem Prisenkommando wenigstens etwas zustande gebracht.

Er sah zu seinen killenden Segeln und losen Schoten hoch. Es war fast eine Stunde her, seit die Boote abgefiert worden waren, die Me-heux und seine Männer zu der Prise hinübergebracht hatten; und inzwischen hatte sich das Wetter deutlich und besorgniserregend verändert. Der Himmel bezog sich sehr schnell, die See wurde bleiern und glanzlos, die schnellen, weißmützigen Wellen waren jetzt schmutziggrau und drohend. Nur die Kimm blieb klar und kaltglänzend wie Stahl, als würde sie von einem anderen Licht als der untergehenden

Sonne erhellt. Ohne auf den Stander zu sehen, wußte Bolitho, daß der Wind gedreht hatte und jetzt fast genau von Westen kam; mit jeder Minute frischte er bedrohlich auf.

Ein Sturm war im Anzug. Angesichts des manövrierunfähigen spanischen Schiffes und der Ungewißheit über Meheux kam er zur allerungünstigsten Zeit.

«Endlich kehrt die Jolle zurück — wird auch verdammt Zeit!«schimpfte Broughton. Es sah gefährlich aus, wie das kleine Boot durch den hohen Seegang stampfte; schon daran merkte man deutlich, wie sehr sich das Wetter verschlechtert hatte.

Die anderen Boote waren bereits zurückgerufen und an Bord gehievt worden. Die Jolle war Meheux' letzte Verbindung zum Flaggschiff. In der Ducht saß sprungbereit Midshipman Ashton. Er und ein Steuermannsmaat, dazu ein verläßlicher Unteroffizier und eine Anzahl Matrosen waren unter Meheux als Prisenkommando hinübergeschickt worden.