Ein Leutnant stellte sich ihm in den Weg.»Verzeihung, Sir, aber ein Leichter mit Vorräten für uns legt gerade drüben ab!»
«Sind Sie der wachhabende Offizier, Mr. Flemyng? Dann machen Sie Ihre Arbeit auch richtig, Sir, oder ich suche mir jemand anderen!»
Der junge Leutnant schien vor Scham zu versinken, und Keen bereute seinen Ausbruch sofort.
«Tut mir leid, Mr. Flemyng. Mein Rang hat Privilegien, aber sein Mißbrauch ist unverzeihlich. «Erstaunt sah ihn der Offizier an.»Fragen Sie mich ruhig, sonst verstehen wir uns nicht, wenn es darauf ankommt. Aber in dem Fall informieren Sie bitte den Bootsmann und die Wache, daß Vorräte an Bord kommen.»
Der Leutnant verschwand, und Keen sah nach oben. Die Mastspitzen zeichneten winzige Kreise in den Himmel. Möwen ließen sich im Landwind treiben, spähten hungrig nach Abfallen aus.
Das also war sein Schiff!
Die leichte Kutsche, bis hoch an die Fenster mit Schlamm bespritzt, hielt auf dem Hügel an. Die beiden Pferde dampften in der Kälte.
Yovell ließ die Sitzkante los, an die er sich geklammert hatte.»Diese Wege sind eine Schande, Mylady.»
Catherine ließ die Scheibe herunter, steckte trotz des Regens, der sie von Chatham hierher begleitet hatte, den Kopf ins Freie und fragte Matthew, den Kutscher:»Wo sind wir?»
Mit hochrotem Gesicht beugte sich der junge Mann herab und antwortete:»Da drüben das Haus muß es sein, Mylady. Andere gibt es hier nicht. «Er blies die Backen auf.»Ziemlich einsam, wenn Sie mich fragen.»
«Du kennst dich hier aus?»
Er lächelte.»Gewiß, Mylady. Vor vierzehn Jahren war ich hier als Junge. Mit meinem Großvater, der auch schon bei den Bolithos diente.»
«Was hattet ihr in Kent zu tun?»
«Sir Richard war hierher abkommandiert worden, um Schmuggler zu jagen. Er schickte mich aber bald zurück nach Falmouth, als es für mich zu gefährlich wurde.»
Catherine zog den Kopf zurück.»Fahren wir weiter!«Sie schloß das Fenster, und die Kutsche rollte durch Schlamm und Pfützen hügelabwärts. In der Ferne schimmerte der Medway. Die Straße von Chatham folgte dem Fluß, der mal in großen Bögen und Windungen durch das Land floß, mal wie ein See zu ruhen schien, doch immer den Himmel spiegelte, silbern oder bleigrau mit jagenden Wolken. Catherine schauderte, als sie weit draußen Hulks liegen sah, düster und mastlos, sicherlich überquellend von Kriegsgefangenen. Das erinnerte sie an ihre eigene Zeit im Gefängnis.
Bolitho war jetzt an Bord seines neuen Flaggschiffes. Wie lange würde er noch in England bleiben können? Sie nahm sich vor, jede Minute mit ihm zu genießen. Darüber vergaß sie fast den Zweck ihrer Reise und die Sorge, ob Herricks Frau sie überhaupt empfangen würde. Sie dachte zurück an die Beisetzung Somervells auf einem Londoner Friedhof. Niemand hatte mit ihr gesprochen außer dem Pfarrer, den sie aber nicht kannte. Am Grab stand neben ihr nur Bolitho. In der Nähe am Straßenrand warteten Kutschen, aus denen sie Gesichter beobachteten, um dann später über sie zu hecheln. Ein Mann lehnte an der Mauer und war davongeeilt, als sie den Friedhof verließen: Somervells Steward.
Matthew bremste und bog langsam in eine gut gepflasterte Allee ein. Catherine spürte plötzlich ihr Herz schlagen. Sie kam uneingeladen zu Dulcie Herrick und ohne sich angemeldet zu haben. Aber eine Anmeldung hätte vielleicht eine Absage zur Folge gehabt. Es bedrückte sie, daß Herrick sie nie akzeptieren würde. Und Dulcie?
Yovell sah nach draußen.»Ein schönes Haus. Was für ein Aufstieg!«Damit spielte er wohl auf Herricks Herkunft an. Bolithos ältester Freund stammte aus ärmlichen Verhältnissen. Nur seine Ehe mit der über alles geliebten Dulcie war ihm Trost und Ansporn gewesen bei seinem schwierigen Aufstieg in der Navy. Als Yovell Catherine aus der Kutsche half, empfand sie Verbitterung. Bolitho hatte seinem Freund immer und überall zur Seite gestanden — hätte Herrick jetzt nicht loyal und tapfer zu ihnen beiden stehen müssen?
«Bleiben Sie beim Kutscher«, bat sie Yovell.»Mein Besuch wird wahrscheinlich nicht lange dauern.»
Matthew, der Kutscher, sagte:»Ich bringe die Pferde auf den Hof, da gibt's hoffentlich Wasser für sie.»
Catherine stieg die Treppe hinauf, hob einen glänzenden Messingklopfer und ließ ihn gegen das Holz fallen. Fast sofort wurde ihr geöffnet. Sie trat in einen dunklen Flur.
Als die beiden Männer in den Hof fuhren, hob Yovell entsetzt beide Hände. Zwei Stallburschen reinigten dort eine Kutsche, die kurz vor ihnen angekommen sein mußte.»Die gehört Lady Belinda, ich kenne sie! Ich muß ins Haus, zu Lady Catherine. Sir Richard würde es mir nie verzeihen…»
«Laß sie allein«, sagte der Kutscher.»Du kannst nicht zwei
Stuten gleichzeitig reiten. «Er grinste.»Ich setze jederzeit auf Lady Catherine!»
Yovell sah ihn tadelnd an und ging zur Hintertür.
Nach dem Lärm der Reise wirkte der Flur auf Catherine fast gespenstisch ruhig und kühl wie ein Grab.»Ist deine Herrin zu Hause?«fragte sie die kleine Dienerin, die ihr geöffnet hatte.
«Ja, Madam. Aber sie liegt zu Bett. «Das Mädchen deutete verlegen auf eine Tür.»Und sie hat Besuch!«Catherine lächelte.»Bitte melde mich an. Catherine Somervell — Lady Somervell.»
Sie trat in ein Vorzimmer und sah draußen zwei Männer im Garten arbeiten. Als der Regen heftiger wurde, suchten sie Schutz unter dem Fenster. Dabei merkte Catherine, daß die beiden spanisch miteinander sprachen.
Eine Tür in der Halle schlug, Schritte ertönten, die Tür zum Vorzimmer wurde aufgestoßen — und Belinda stand ihr gegenüber.
Catherina war noch nie mit ihr zusammengetroffen, erkannte sie aber sofort an der Ähnlichkeit mit ihrem Porträt in Falmouth.»Ich wußte nicht, daß Sie hier sind«, begann sie,»sonst.»
«Sonst wären Sie geblieben, wo Sie hingehören«, unterbrach Belinda sie mit großer Schärfe.»Wie können Sie es wagen, hierher zu kommen!«Ihr Blick wanderte abschätzig über Catherine und blieb an ihrem Trauerkleid aus schwarzer, glanzloser Seide hängen.»Wie unverschämt von Ihnen, Trauer zu tragen!»
Von weitem hörte man schwaches Rufen.
«Ihre Meinung darüber ist mir herzlich gleichgültig. «Catherine geriet allmählich in Zorn.»Dies ist nicht Ihr Haus, und ich besuche die Hausherrin, wenn sie es erlaubt!»
«Ich verbitte mir diesen Ton!«fuhr Belinda auf.
«Das sagen ausgerechnet Sie?«Catherine blieb hart.»Sie haben sich mit einem schurkischen Betrüger zusammengetan, um mich zu beseitigen: meinem Mann! Nein, ich trauere nicht um Somervell, sondern um Richards Freund.»
«Ich werde Richard niemals freigeben!«Belinda mußte zur Seite treten, weil Catherine auf die Tür zuging.
«Freigeben? Als ob er ihnen jemals gehört hätte!»
Wieder war die leise rufende Stimme zu hören. Catherine ging ohne ein weiteres Wort an Belinda vorbei. Sie war wie erwartet: schön und herzlos. Diese Erkenntnis machte sie ärgerlich, aber auch traurig.
Das Rufen kam aus einem großen Bett mitten im Nachbarzimmer. Herricks Frau lehnte in den Kissen und musterte die Eingetretene wie vordem Belinda — doch ohne Feindschaft.
«Ich bin gleich wieder da, liebe Dulcie!«rief Belinda von draußen.»Aber im Augenblick brauche ich dringend frische Luft. «Die Haustür fiel zu.
«Bitte verzeihen Sie meinen unangemeldeten Besuch. «Catherine fröstelte trotz des Feuers im Kamin.
Dulcie deutete mit einer Hand auf den Bettrand.»Setzen Sie sich bitte, so kann ich Sie besser sehen. Mein lieber Thomas hat mich vor ein paar Tagen verlassen und segelt jetzt zu seinem Geschwader. Er fehlt mir überall. «Ihre Hand tastete sich auf Catherines zu und ergriff sie.»Ja, Sie sind wirklich schön, Lady Somervell. Ich verstehe, daß Richard Sie liebt.»