Bolitho sagte:»Lassen Sie meine Barkasse zu Wasser und bitten Sie den Schiffsarzt zu mir. Die Benbow braucht Hilfe. Der Erste Offizier soll mich begleiten!«Kopfschüttelnd erinnerte er sich und ging auf Keen zu.»Tut mir leid, Val, ich habe nicht mehr daran gedacht.»
Cazalet war im ersten Schußwechsel gefallen. Eine Kugel hatte ihn fast zerteilt, als er Männer zu Reparaturen im Rigg nach oben schickte.
Wieder ertönten Hurrarufe und nahmen schier kein Ende. Wie große fallende Blätter sanken die Flaggen aus dem Rigg der San Mateo herab. Die Stückmannschaften traten von ihren Kanonen zurück.
«Sie hat die Flagge gestrichen«, sagte Keen erleichtert. Man merkte ihm an, daß er die Beschießung nicht gern fortgesetzt hätte.
Die Barkasse wurde übers Schanzkleid ausgeschwenkt und langsam zu Wasser gelassen.
«Wir sind soweit, Sir Richard. «Keen sah ihn forschend an.»Soll ich Ihren Mantel holen?»
Bolitho drehte sich um und kniff die Augen zusammen, als ihn ein Sonnenstrahl traf.»Ich brauche ihn nicht.»
Julyan, der Master, rief fragend:»Und Ihren Hut, Sir?«Man hörte ihm an, wie erleichtert er war. Viele waren gefallen, er nicht. Wieder einmal hatte er überlebt, und wieder war es ein Schritt nach oben.
Durch den Rauch sah Bolitho ihn forschend an.»Sie haben doch einen Sohn, nicht wahr? Schenken Sie ihm den Hut. «Schnell schritt er zur Pforte.»Laßt uns aufbrechen!»
Die Überfahrt zur Benbow verlief schweigend. Nur das Quietschen der Riemen in den Dollen und das Keuchen der Rudergasten waren zu hören. Als der große Schatten des zerschossenen Rumpfes über ihnen hing, fragte sich Bolitho, ob er noch die Kraft für die nächsten Minuten aufbringen würde. Hilfesuchend berührte er das Medaillon unter seinem Hemd.
Vor allen anderen kletterte er an Bord. Von der Gangway bis zur Wasserlinie war die Benbow mit Einschußlöchern übersät. Ihr Rigg trieb in der See. Tote hatten sich darin verfangen wie Tang. Aus einigen Stückpforten starrten hohläugige, bleiche Gesichter, aus anderen hingen Leichen.
Das Achterdeck wirkte ohne den Schutz von Kreuz- und Großmast nackt und leer. Bolitho hörte den Schiffsarzt der Black Prince Befehle geben, er war in einem zweiten Boot längsseits gekommen. Doch auf der Poop war Bolitho ganz allein.
Um das zerschossene Rad lagen die toten Rudergänger wie blutige Stoffbündel, ihre Gesichter drückten noch das Entsetzen und die Wut über ihren gewaltsamen Tod aus. Ein Bootsmannsgehilfe hatte offenbar gerade versucht, dem Flaggleutnant das verletzte Bein zu verbinden, als eine Kartätsche sie beide niedergemäht hatte. Ein Signalgast lag auf einer Flagge, die er hatte heißen wollen. Die Flaggleine war gerissen, als der Mast über Bord gestürzt war. Am Kompaßhäuschen lehnte mit angewinkeltem Bein Herrick und war kaum noch bei Bewußtsein.
Er wedelte mit einer Pistole und neigte lauschend den Kopf, als sei sein Trommelfell zerrissen.»Seesoldaten zu mir!«krächzte er.»Der Feind flieht. Zielt gut, Freunde!»
Allday flüsterte:»Guter Gott, seht euch das an!»
Herricks Seesoldaten bewegten sich nicht mehr. Sie lagen, vom Sergeanten bis zum Rekruten, wie umgefallene Spielzeugsoldaten da, ihre Bajonette auf einen unsichtbaren Feind gerichtet.
Bolitho stieg über einen ausgestreckten Arm in scharlachroter Uniform, nahm Herrick die Pistole sanft aus der Hand und gab sie Allday; dieser merkte erschreckt, daß sie geladen und gespannt war.
«Wir sind da, Thomas, und helfen euch. «Bolitho hob Herricks Arm und wartete, bis seine Augen ihn erkannten.»Hörst du die Hurrarufe? Das Gefecht ist vorbei — der Sieg ist unser.»
Herrick ließ sich aufhelfen. Er starrte das zersplitterte Deck an, die verlassenen Kanonen und die Toten. Wie von weit weg sagte er:»Also bist du doch noch gekommen, Richard. «Der Schock des Gefechts und die Erschöpfung hatten bewirkt, daß er kaum noch wußte, was er sagte.»Wieder ein Sieg für dich!»
Bolitho erhob sich und bat den Schiffsarzt:»Bitte kümmern Sie sich um den Konteradmiral. «Der Wind wühlte im Haar des toten Sergeanten, seine Augen blickten so starr, als höre er aufmerksam zu. Bolithos Blicke glitten über die lange Reihe wartender Schiffe.
«Das stimmt nicht ganz, Thomas. Gesiegt hat hier allein der Tod.»
Epilog
Das Tag und Nacht andauernde Bombardement Kopenhagens brachte das erwartete Ergebnis: Am 5. September schickte der Gouverneur der Stadt, General Peyman, einen Parlamentär mit weißer Flagge. Über die Bedingungen würde man sich noch einigen, wenn möglich den tapferen Verteidigern ihre Ehre lassen, doch die Kämpfe gingen zu Ende.
Während Bolitho und seine Männer ihre Prisen übernahmen und sich um die Toten und Verwundeten kümmerten, im Konvoi und auf den eroberten französischen Schiffen, wurden in Kopenhagen die Bedingungen ausgehandelt. Voraussetzung für den Waffenstillstand war die Übergabe aller dänischen Schiffe samt Ersatzteilen und Vorräten. Alle Schiffe, an denen gerade gebaut wurde, mußten aus den Werften entfernt werden. Lord Cathcarts Truppen würden die Zitadelle und die anderen Festungen sechs Wochen lang besetzt halten, bis die Flotte übergeben war. Man zweifelte anfangs daran, daß die englische Marine diese Aufgabe trotz ihrer Erfahrung und ihres Könnens in so kurzer Zeit überhaupt bewältigen konnte, doch selbst die größten Zweifler mußten die Flotte schließlich bewundern und stolz ihre Leistung anerkennen.
In den sechs Wochen wurden sechzehn Linienschiffe, Fregatten, Korvetten und zahlreiche kleinere Einheiten nach England geschafft; die Sorge Albions, die Blockade Frankreichs wegen des Mangels an Schiffen nicht mehr aufrechterhalten zu können, wurde damit zerstreut. Die britischen Geschwader kehrten auf ihre Stationen zurück, einige wurden aufgelöst oder warteten auf neue Befehle. Nach dem spektakulären Sieg von Trafalgar brauchte das verwöhnte englische Volk einige Zeit, bis es begriff, was in der zweiten Schlacht von Kopenhagen geleistet worden war. Erst langsam wurde allen klar, daß Englands hölzerne Mauern, die von den Kanalhäfen bis in die Biskaya und von Gibraltar bis zur italienischen Küste reichten, Napoleon auf dem Festland gefangen hielten. Das neue Jahr brach an, und mit ihm kamen einige der Sieger nach Hause.
Für einen späten Januartag war das Wetter in Cornwall erstaunlich mild und friedlich. Man sagte, das sei ein gutes Vorzeichen, denn dieser Teil des Landes war mit schönen Tagen nicht gerade gesegnet. Das kleine Dorf Zennor lag an der Nordküste der Halbinsel und war mit Falmouth an der lieblicheren Südküste nicht zu vergleichen. An der wilden Nordküste fielen die Felsen steil ab, umtost von einer nie einschlafenden Brandung. Manches Schiff war schon an dieser düsteren Küste gestrandet. Zennor lebte vom Ackerbau. An die Narren, die dennoch hier Fischfang betrieben, erinnerten viele Grabsteine in der Kirche.
Trotz des kühlen, feuchten Wetters ließ sich niemand im Dorf das große Ereignis entgehen: Eine der Ihren heiratete. Den Vater der Braut hatte man damals fälschlich angeklagt und gehängt, weil er zu laut über die Rechte der Landarbeiter gesprochen hatte.
Solch ein Fest hatte das Dorf noch nie erlebt. Auf den ersten Blick sah es so aus, als gebe es hier mehr Pferde und teure Kutschen als Dorfbewohner. Das Blau und Weiß der Marineuniformen war durchsetzt vom Scharlachrot der Seesoldaten und Offiziere aus der benachbarten Garnison. Auch so elegante Damenroben hatte man hier noch nie gesehen.
Die kleine Kirche aus dem zwölften Jahrhundert, die sonst nur bäuerliche Feste und kleine Hochzeiten kannte, war bis auf den letzten Platz gefüllt. Trotz der Bänke und Stühle, die noch überall hinzugestellt worden waren, fand nicht jeder drinnen Platz. Viele mußten draußen auf dem Friedhof bleiben.
Ein junger Leutnant verbeugte sich vor Catherine, als sie am Arm Adam Bolithos die Kirche betrat.»Wenn Sie mir bitte folgen wollen, Mylady?«Die Orgel spielte leise, als er sie auf ihren reservierten Platz führte. Viele Gäste beugten sich vor, um sie zu beobachten, flüsterten miteinander und genossen den neuesten Klatsch.