Ich ziehe daher den Terminus «das Unbewußte» vor, wohl wis send, daß ich ebensogut \on «Gott» und «Dämon» reden könnte, wenn ich mich mythisch ausdrücken wollte. Insofern ich mich aber mythisch ausdrücke, geschieht es mit dem Bewußtsein, daß «Mana», «Dämon» und «Gott» Synonyme des Unbewußten sind, indem wir von ersteren genau so viel oder so wenig wissen wie von letzterem. Man glaubt nur viel mehr von den ersteren zu wissen, was für gewisse Zwecke allerdings nützlicher und wirksamer ist als ein wissenschaftlicher Begriff.
Der große Vorteil der Begriffe «Dämon» und «Gott» liegt darin, daß sie eine viel bessere Objektivierung des Gegenüber, nämlich die
Personifikation, ermöglichen. Ihre emotionale Qualität verleiht ihnen Leben und Wirkung. Haß und Liebe, Furcht und Verehrung betreten den Schauplatz der Auseinandersetzung und dramatisieren diese in höchstem Maße. Damit wird das bloße «Vorgezeigte» zum «Gehandelten»7. Der ganze Mensch wird herausgefordert und tritt mit seiner ganzen Wirklichkeit in den Kampf. Nur auf diese Weise kann er ganz werden und kann «Gott geboren» werden, d. h. in die menschliche Wirklichkeit eintreten und dem Menschen in der Gestalt des «Menschen» sich zugesellen. Durch diesen Akt der Inkarnation wird der Mensch, d. h. sein Ich, innerlich durch «Gott» ersetzt, und Gott wird äußerlich zum Menschen, entsprechend dem Logion: «Wer mich sieht, siehet den Vater.»
Mit dieser Feststellung tritt der Nachteil der mythischen Terminologie zu Tage. Die durchschnittliche Vorstellung des christlichen Menschen von Gott ist die eines allmächtigen, allwissenden und allgütigen Vaters und Schöpfers der Welt. Wenn dieser Gott Mensch werden will, bedarf es allerdings einer unerhörten Keno-sis (Entleerung8), bei der die Allheit auf infinitesimales Menschenmaß reduziert ist, und auch dann noch sieht man schwer ein, warum der Mensch durch die Inkarnation nicht zersprengt wird. Die dogmatische Spekulation hat daher begreiflicherweise Jesus mit Eigenschaften ausrüsten müssen, die ihn dem gewöhnlichen Menschsein entheben. Ihm fehlt vor allem die macula peccati (der Makel der Erbsünde), und schon darum ist er zumindest ein Gottmensch oder ein Halbgott. Das christliche Gottesbild kann sich im empirischen Menschen nicht ohne Widerspruch inkarnieren, ganz abgesehen davon, daß der äußere Mensch nur wenig geschickt zu sein scheint, einen Gott zu veranschaulichen.
Der Mythus muß endlich mit dem Monotheismus ernst machen und seinen (offiziell verleugneten) Dualismus aufgeben, welcher bis anhin neben dem allmächtigen Guten einen ewigen dunkeln Widersacher bestehen ließ. Er muß die philosophische complexio op-positorum eines Cusanus und die moralische Ambivalenz bei Boehme zu Wort kommen lassen. Nur dann kann dem einen Gott auch die ihm zukommende Ganzheit und die Synthese der Gegensätze gewährt werden. Wer es erfahren hat, daß «von Natur aus»
7 Vgl. «Das Wandlungssymbol in der Messe» in Ges. Werke XI, 2. Aufl. 1973, pag. 273.
8 Phil. 2, 6.
durch das Symbol Gegensätze sich so einen können, daß sie nicht mehr auseinanderstreben und sich bekämpfen, sondern sich gegenseitig ergänzen und das Leben sinnvoll gestalten, dem wird die Ambivalenz im Bild eines Natur- und Schöpfergottes keine Schwierigkeiten verursachen. Er wird im Gegenteil den Mythus von der notwendigen Menschwerdung Gottes, der essentiellen christlichen Botschaft, als schöpferische Auseinandersetzung des Menschen mit den Gegensätzen und ihre Synthese im Selbst, der Ganzheit seiner Pers önlichkeit, verstehen. Die notwendigen inneren Gegensätze im Bilde eines Schöpfergottes können in der Einheit und Ganzheit des Selbst versöhnt werden als coniunctio oppositorum der Alchemisten oder als unio mystica. In der Erfahrung des Selbst wird nicht mehr, wie früher, der Gegensatz «Gott und Mensch» überbrückt, sondern der Gegensatz im Gottesbild. Das ist der Sinn des «Gottesdienstes», d. h. des Dienstes, den der Mensch Gott leisten kann, daß Licht aus der Finsternis entstehe, daß der Schöpfer Seiner Schöpfung und der Mensch seiner selbst bewußt werde.
Das ist das Ziel oder ein Ziel, das den Menschen sinnvoll der Schöpfung einordnet und damit auch dieser Sinn verleiht. Es ist ein erklärender Mythus, der langsam im Lauf der Jahrzehnte in mir gewachsen ist. Es ist ein Ziel, das ich erkennen und würdigen kann, und das mich deshalb befriedigt.
Der Mensch ist vermöge seines reflektierenden Geistes aus der Tierwelt herausgehoben und demonstriert durch seinen Geist, daß die Natur in ihm eine hohe Prämie eben gerade auf die Bewußtseinsentwicklung gesetzt hat. Durch sie bemächtigt er sich der Natur, indem er das Vorhandensein der Welt erkennt und dem Schöpfer gewissermaßen bestätigt. Damit wird die Welt zum Phänomen, denn ohne bewußte Reflexion wäre sie nicht. Wäre der Schöpfer Seiner selbst bewußt, so brauchte Er keine bewußten Geschöpfe; auch ist es nicht wahrscheinlich, daß die höchst indirekten Wege der Schöpfung, die Jahrmillionen auf die Erzeugung ungezählter Arten und Geschöpfe verschwendet, aus zweckgerichteter Absicht hervorgehen. Die Naturgeschichte erzählt uns von einer zufälligen und beiläufigen Wandlung der Arten durch Hunderte von Millionen Jahren und von Fressen und Gefressenwerden. Von letzterem berichtet auch die biologische und politische Menschheitsgeschichte in überreichem Maß. Die Geistesgeschichte aber steht auf einem ändern Blatt. Hier schiebt sich das Wunder des reflektierenden Bewußtseins ein, der zweiten Kosmogonie. Die Be
deutung des Bewußtseins ist so groß, daß man nicht umhin kann zu vermuten, es läge in all der ungeheuren, anscheinend sinnlosen biologischen Veranstaltung irgendwo das Element des Sinnes verborgen, welcher endlich den Weg zur Manifestation auf der Stufe der Warmblütigkeit und eines differenzierten Hirns wie zufällig gefunden hat, nicht beabsichtigt und vorgesehen, sondern aus «dunkeim Drange» erahnt, erfühlt, ertastet'.
Ich bilde mir nicht ein, daß mit meinen Gedanken über Sinn und Mythus des Menschen ein Letztes gesagt sei, aber ich glaube, daß es das ist, was am Ende unseres Aeons der Fische gesagt werden kann und vielleicht gesagt werden muß, angesichts des kommenden Aeons des Aquarius (Wassermann), der eine Menschengestalt ist. Der Wassermann folgt den zwei gegensätzlichen Fischen (einer coniunctio oppositorum) und scheint das Selbst darzustellen. Souverän gießt er seinen Krug aus in den Mund des piscis austrinus10, der einen Sohn, ein noch Unbewußtes darstellt. Aus diesem geht eine, durch das Symbol des Capricornus (Steinbock) angedeutete, Zukunft nach Ablauf eines weiteren Aeons von etwas mehr als zwei Jahrtausenden hervor. Capricornus oder Aigokeros ist das Monstrum eines Ziegenfisches ", Berg und Meerestiefe vereinend, ein Gegensatz aus zwei zusammengewachsenen, d. h. ununterscheid -baren tierischen Elementen. Dieses sonderbare Wesen könnte leicht das urtümliche Bild eines Schöpfergottes sein, der dem «Menschen», dem Anthropos, gegenübertritt. Hierüber herrscht Schweigen in mir, sowohl wie in dem mir zur Verfügung stehenden Erfahrungsmaterial, d. h. in den mir bekannten Produkten des Unbewußten anderer Menschen oder historischen Dokumenten. Wenn eine Einsicht sich nicht ereignet, so ist Spekulation sinnlos. Sie hat nur dort Sinn, wo objektive Daten vorliegen, was z. B. für den Aeon des Aquarius der Fall ist.
Wir wissen nicht, wie weit der Prozeß der Bewußtwerdung reichen kann und wohin er den Menschen noch versetzen wird. Er ist ein Novum in der Schöpfungsgeschichte, für welches es keine