Die Einsicht in diesen Sachverhalt läßt es ratsam erscheinen, zu Hause zu
bleiben, d. h. die Kollektivgehege und -gehäuse nie zu verlassen, weil nur
diese einen Schutz vor inneren Konflikten versprechen. Wer nicht Vater und
Mutter verlassen muß, ist bei ihnen sicherlich am besten aufgehoben. Nicht
wenige aber finden sich auf den individuellen Weg hinausgestoßen. Sie
werden in kürzester Frist das Ja und das Nein der menschlichen Natur kennen
lernen.
Wie alle Energie aus dem Gegensatz hervorgeht, so besitzt auch die Seele
ihre innere Polarität als unabdingbare Voraussetzung ihrer Lebendigkeit, wie
schon Heraklit erkannt hat. Theoretisch sowohl
wie praktisch ist sie allem Lebendigen inhaerent. Dieser mächtigen Bedingung steht die leicht zerbrechliche Einheit des Ich gegenüber, die nur mit Hilfe unzähliger Schutzmaßnahmen allmählich im Laufe der Jahrtausende zustandegekommen ist. Daß ein Ich überhaupt möglich war, scheint davon herzurühren, daß alle Gegensätze sich auszugleichen streben. Dies geschieht im energetischen Prozeß, der im Zusammenstoß von heiß und kalt, hoch und tief usw. seinen Anfang nimmt. Die dem bewußten seelischen Leben zugrundeliegende Energie ist diesem praeexistent und darum zunächst unbewußt. Nähert sie sich aber der Bewußtwerdung, so erscheint sie zunächst projiziert in Figuren wie Mana, Götter, Dämonen usw., deren Numen die lebensbedingende Kraftquelle zu sein scheint und es praktisch darum auch ist, so lange sie in dieser Form angeschaut wird. In dem Maße aber, als diese Form verblaßt und unwirksam wird, scheint das Ich, d. h. der empirische Mensch, in den Besitz dieser Kraftquelle zu geraten und zwar in vollstem Sinne dieses zweideutigen Satzes: einerseits sucht man sich dieser Energie zu bemächtigen bzw. in deren Besitz zu gelangen oder wähnt sogar, sie zu
besitzen; anderseits ist man von ihr besessen.
Diese groteske Situation kann allerdings nur dort eintreten, wo allein die
Bewußtseinsinhalte als psychische Existenzform gelten. Wo dies der Fall ist,
kann die Inflation durch rückkehrende Projektionen nicht vermieden werden.
Wo man aber die Existenz einer unbewußten Psyche zugibt, da können die
Projektionsinhalte in angeborene instinktive Formen, die dem Bewußtsein
vorausgehen, rezipiert werden. Dadurch wird ihre Objektivität und
Autonomie erhalten und die Inflation vermieden. Die Archetypen, die dem
Bewußtsein praeexistent sind und es bedingen, erscheinen in der Rolle, die sie
in Wirklichkeit spielen, nämlich als apriorische Strukturformen des
instinktiven Bewußtseinsfundamentes. Sie stellen keineswegs ein An-Sich der
Dinge dar, sondern vielmehr die Formen, in denen sie angeschaut und
aufgefaßt werden. Natürlich sind die Archetypen nicht die einzigen Gründe
für das Sosein der Anschauungen. Sie begründen nur den kollektiven Anteil
einer Auffassung. Als eine Eigenschaft des Instinktes nehmen sie teil an
dessen dynamischer Natur und besitzen infolgedessen eine spezifische
Energie, welche bestimmte Verhaltensweisen oder Impulse veranlaßt oder
auch erzwingt, d. h. sie haben unter Umständen possedierende oder
obsedierende Gewalt (Numinosität!). Ihre Auffassung als Daimonia ist daher
durch ihre Natur gewährleistet.
Wenn jemand glauben sollte, daß durch dergleichen Formulierungen
irgend etwas an der Natur der Dinge geändert sei, kann er solches nur tun
vermöge seiner Wortgläubigkeit. Die wirklichen Tatsachen verändern sich
nicht, wenn man ihnen einen anderen Namen gibt. Nur wir selber sind davon
af fixiert. Wenn jemand «Gott» als ein «reines Nichts» auffassen sollte, so hat
das mit der Tatsache eines übergeordneten Prinzips gar nichts zu tun. Wir
sind genau so possediert wie zuvor; wir haben durch die Veränderung des
Namens nichts aus der Wirklichkeit entfernt, sondern uns höchstens verkehrt
dazu eingestellt, wenn der neue Name eine Ableugnung impliziert; umgekehrt
hat eine positive Benennung des Unerkennbaren den Erfolg, uns in eine
entsprechende positive Einstellung zu versetzen. Wenn wir daher Gott als
Archetypus bezeichnen, so ist über sein eigentliches Wesen nichts ausgesagt.
Wir sprechen damit aber die Anerkennung aus, daß «Gott» in unserer dem
Bewußtsein praeexistenten Seele vorgemerkt ist und daher keineswegs als
Erfindung des Bewußtseins gelten kann. Er wird damit nicht nur nicht
entfernt oder aufgehoben, sondern sogar in die Nähe der Erfahrbarkeit
gerückt. Letzterer Umstand aber ist insofern nicht unwesentlich, als ein Ding,
das keine Erfahrbarkeit besitzt, leicht als nicht existent verdächtigt werden
kann. Dieser Verdacht liegt dermaßen nahe, daß sogenannte Gottesgläubige in
meinem Versuch, die primitive unbewußte Seele zu rekonstruieren, ohne
weiteres Atheismus vermuten oder wenn nicht das, dann Gno-stizismus, aber
ja keine psychische Wirklichkeit, wie das Unbewußte. Wenn dieses überhaupt
etwas ist, so muß es aus entwicklungsgeschichtlichen Vorstufen unserer
bewußten Psyche bestehen. Man ist sich ziemlich einig darüber geworden,
daß die Annahme, der Mensch sei in seiner ganzen Glorie am sechsten
Schöpfungstag ohne Vorstufen geschaffen worden, doch etwas zu einfach und
zu archaisch sei, um uns noch zu genügen. In bezug auf die Psyche aber
bleiben die archaischen Auffassungen bestehen: sie hat keine archetypischen
Voraussetzungen, ist tabula rasa, entsteht neu bei der Geburt und ist nur das,
was sie sich selber einbildet zu sein.
Das Bewußtsein ist phylo- und ontogenetisch sekundär. Diese klare
Tatsache sollte endlich einmal eingesehen werden. So wie der Körper eine
anatomische Vorgeschichte von Millionen von Jahren hat, so auch das
psychische System; und wie der moderne Menschenkörper in jedem Teil das
Resultat dieser Entwicklung darstellt und überall noch die Vorstufen seiner
Gegenwart durchschim
mern läßt, so die Psyche. Wie das Bewußtsein entwicklungsgeschichtlich in
einem uns als unbewußt geltenden tierähnlichen Zustand begann, so
wiederholt jedes Kind diese Differenzierung. Die Psyche des Kindes in ihrem
vorbewußten Zustand ist nichts weniger als tabula rasa; sie ist allbereits
erkennbar individuell praefor-miert und darüber hinaus mit allen spezifisch
menschlichen Instinkten ausgerüstet, so auch mit den apriorischen
Grundlagen höherer Funktionen.
Auf dieser komplizierten Basis entsteht das Ich und wird von ihr durch das
ganze Leben getragen. Wo die Grundlage nicht funktioniert, entsteht Leerlauf
und Tod. Ihr Leben und ihre Wirklichkeit sind von vitaler Bedeutung. Ihr
gegenüber ist sogar die Außenwelt von sekundärer Bedeutung, denn was soll