sie, wenn mir der endogene Antrieb fehlt, mich ihrer zu bemächtigen? Kein
bewußter Wille wird je auf die Dauer den Lebenstrieb ersetzen. Dieser Trieb
tritt uns von innen her als ein Muß oder Wille oder Befehl entgegen, und
wenn wir ihn, wie das sozusagen von jeher geschehen ist, mit dem Namen
eines persönlichen Daimonions bezeichnen, so haben wir die psychologische
Sachlage wenigstens treffend ausgedrückt. Und wenn wir gar versuchen, den
Ort, wo uns das Daimo -nion anfaßt, durch den Begriff des Archetypus näher
zu umschreiben, so haben wir nichts weggeräumt, sondern nur uns selber der
Lebensquelle näher gerückt.
Es ist nichts als natürlich, daß mir als Psychiater (was «Seelenarzt»
bedeutet) eine derartige Auffassung naheliegt, denn es interessiert mich in
erster Linie, wie ich meinen Kranken helfen kann, wieder ihre gesunde Basis
zu finden. Dazu ist, wie ich erfahren habe, vielerlei Kenntnis nötig! Der
Medizin im allgemeinen ist es ja auch nicht anders gegangen. Sie hat ihre
Fortschritte nicht dadurch gemacht, daß sie endlich den Trick des Heilens
herausgefunden und dadurch ihre Methoden verblüffend vereinfacht hat. Sie
ist im Gegenteil in eine unübersehbare Kompliziertheit hineingewachsen,
nicht zum mindesten dadurch, daß sie Anleihen auf allen möglichen Gebieten
aufgenommen hat. So liegt es auch mir keineswegs daran, anderen
Disziplinen etwas beweisen zu wollen, sondern ich versuche bloß, ihre
Kenntnisse für mein Gebiet nutzbar zu machen. Natürlich liegt es mir ob,
über diese Verwendung und ihre Folgen Bericht zu erstatten. Man macht
nämlich Entdeckungen, wenn man Erkenntnisse des einen Gebietes zu
praktischer Verwendung in ein anderes überträgt. Was wäre alles verborgen
geblieben, wenn man
die Röntgenstrahlen in der Medizin nicht verwendet hätte, weil sie eine physikalische Entdeckung waren? Wenn die Strahlentherapie unter Umständen gefährliche Folgen haben kann, so ist das für den Arzt interessant, aber nicht notwendigerweise für den Physiker, der seine Strahlen in ganz anderer Weise und für andere Zwecke verwendet. Er wird auch nicht der Meinung sein, daß der Mediziner ihm etwas am Zeug flicken wolle, wenn ihn dieser auf gewisse schädigende oder hilfreiche Eigenschaften der
Durchleuchtung aufmerksam macht.
Wenn ich z. B. historische oder theologische Erkenntnisse im Ge biet der
Psychotherapie verwende, so erscheinen sie natürlich in einer anderen
Beleuchtung und führen zu anderen Schlüssen, als wenn sie auf ihr
Fachgebiet, wo sie anderen Zwecken dienen, beschränkt bleiben. Die Tatsache also, daß der seelischen Dynamik eine Polarität zu
grundeliegt, bringt es mit sich, daß die Gegensatzproblematik im weitesten
Sinne in die psychologische Diskussion gezogen wird, mit allen ihren
religiösen und philosophischen Aspekten. Letztere verlieren dabei den
selbständigen Charakter ihres Fachgebietes und zwar notwendigerweise, weil
sie mit einer psychologischen Fragestellung angegangen werden, d. h. sie
werden hier nicht mehr unter dem Gesichtswinkel der religiösen oder
philosophischen Wahrheit angesehen, sondern vielmehr auf ihre
psychologische Begründung und Bedeutung hin untersucht. Ungeachtet ihres
Anspruchs auf selbständige Wahrheit besteht nämlich die Tatsache, daß sie
empi. risch, d. h. naturwissenschaftlich betrachtet, in erster Linie einmal
psychische Phänomene sind. Diese Tatsache erscheint mir unbestreitbar. Daß
sie eine Begründung in und durch sich selber beanspruchen, gehört mit in die
psychologische Betrachtungsweise und wird von letzterer nicht etwa als
unberechtigt ausgeschlossen, sondern im Gegenteil mit besonderer
Aufmerksamkeit berücksichtigt. Die Psychologie kennt Urteile wie «nur
religiös» oder «nur philosophisch» nicht, im Gegensatz zu dem Vorwurf von
«nur psychisch», den man namentlich von der theologischen Seite her nur
allzuhäufig hört.
Alle Aussagen, die überhaupt erdenkbar sind, werden von der Psyche gemacht. Sie erscheint u. a. als ein dynamischer Prozeß, der auf der Grundlage der Gegensätzlichkeit der Psyche und ihrer Inhalte beruht und ein Gefälle zwischen ihren Polen darstellt. Da Erklärungsprinzipien nicht über die Not hinaus vermehrt werden
sollen und sich die energetische Betrachtungsweise als allgemeines Erklärungsprinzip der Naturwissenschaften bewährt hat, so haben wir uns auch in der Psychologie auf sie zu beschränken. Es liegen auch keine sicheren Tatsachen vor, die eine andere Auffassung als passender erscheinen ließen, und zudem hat sich die Gegensätzlichkeit oder Polarität der Psyche und ihrer Inhalte als ein wesentliches Ergebnis der psychologischen Empirie erwiesen.
Wenn nun die energetische Auffassung der Psyche zu Recht besteht, sind Aussagen, welche die durch die Polarität gesetzte Grenze zu überschreiten suchen - also z. B. Aussagen über eine metaphysische Wirklichkeit - nur noch als Paradoxa möglich, wenn sie auf irgendwelche Gültigkeit Anspruch erheben sollten.
Die Psyche kann nicht über sich selber hinausspringen, d. h. sie kann keine absoluten Wahrheiten statuieren; denn die ihr eigene Polarität bedingt die Relativität ihrer Aussage. Wo immer die Psyche absolute Wahrheiten proklamiert - also z. B. «das ewige Wesen ist Bewegung» oder «das ewige Wesen ist das Eine» - fällt sie no-lens volens in den einen oder anderen der Gegensätze. Es könnte ja ebensogut heißen: «Das ewige Wesen ist Ruhe» oder «das ewige Wesen ist das All». In ihrer Einseitigkeit zersetzt die Psyche sich selber und verliert die Fähigkeit zu erkennen. Sie wird zu einem unreflektierten (weil nicht reflektierbaren) Ablauf psychischer Zustände, von denen jeder sich in sich selber begründet wähnt, weil er einen anderen nicht oder noch nicht sieht.
Damit ist selbstverständlich keine Wertung ausgesprochen, sondern vielmehr die Tatsache formuliert, daß sehr oft und sogar unvermeidlicherweise die Grenze überschritten wird, denn «Alles ist Übergang». Auf die Thesis folgt die Antithesis, und zwischen den beiden entsteht als Lysis ein Drittes, das zuvor nicht wahrn ehmbar war. Mit diesem Prozeß hat die Psyche nur wieder einmal mehr ihre Gegensätzlichkeit bekundet und ist nirgends wirklich über sich selber hinausgeraten.
Mit meiner Bemühung, die Begrenztheit der Psyche darzutun, meine ich nun eben gerade nicht, daß es nur Psyche gebe. Wir können bloß nicht über die Psyche hinaussehen, wo und insofern es sich um Wahrnehmung und Erkenntnis handelt. Davon, daß es ein nicht psychisches, transzendentes Objekt gibt, ist die Naturwissenschaft stillschweigend überzeugt. Sie weiß aber auch, wie schwierig es ist, die wirkliche Natur des Objektes zu erkennen, namentlich dort, wo das Organ der Wahrnehmungen versagt oder gar fehlt, und wo passende Denkformen nicht vorhanden sind, beziehungsweise erst noch erschaffen werden müssen. In jenen Fällen, wo weder unsere Sinnesorgane noch deren künstliche Hilfsapparate das Vorhandensein eines realen Objektes verbürgen, wachsen die Schwierigkeiten ins Ungeheure, so daß man sich versucht fühlt zu behaupten, es sei überhaupt kein reales Objekt vorhanden. Diesen voreiligen Schluß habe ich nie gezogen, denn ich war nie der Meinung, daß unsere Wahrnehmung alle Seinsformen zu erfassen vermöchte. Ich habe daher sogar das Postulat aufgestellt, daß das Phänomen archetypischer Gestaltungen, also exquisit psychischer Ereignisse, auf dem Vorhandensein einer psychoiden Basis, also einer nur bedingt psychischen, beziehungsweise anderen Seinsform beruhe. Aus Ermangelung empirischer Daten habe ich weder Wis sen noch Erkenntnis von solchen Seinsformen, die man gemeiniglich als «geistig» bezeichnet. In Ansehung der Wissenschaft ist es irrelevant, was ich darüber glaube. Ich muß mich mit meiner Unwissenheit begnügen. Insofern sich aber Archetypen als wirksam erweisen, sind sie mir wirklich, wenn ich schon nicht weiß, was ihre reale Natur ist. Dies gilt natürlich nicht nur von den Archetypen, sondern von der Natur der Psyche überhaupt. Was sie auch immer von sich selber aussagen mag, nie wird sie sich selber übersteigen. Alles Begreifen und alles Begriffene ist an sich psychisch, und insofern sind wir in einer ausschließlich psychischen Welt hoffnungslos eingeschlossen. Trotzdem haben wir Grund genug, hinter diesem Schleier das uns bewirkende und beeinflussende, aber unbegriffene absolute Objekt als seiend vorauszusetzen, auch in jenen Fällen - insbesondere in dem der psychischen Erscheinungen - wo keine realen Feststellungen gemacht werden können. Aussagen über Möglichkeit und Unmöglichkeit gelten überhaupt nur innerhalb von Fachgebieten, außerhalb derselben sind sie bloße Anmaßungen.