Obwohl es von einem objektiven Standpunkt aus gesehen verboten ist. Aussagen ins Blaue hinaus, d. h. ohne zureichenden Grund, zu machen, so gibt es doch solche, die anscheinend ohne ob-jektive Gründe gemacht werden müssen. In diesem Fall handelt es sich aber um eine psychodynamische Begründung, die man gewöhnlich als subjektiv bezeichnet und als bloß persönlich ansieht. Man begeht damit den Fehler, daß man nicht unterscheidet, ob die Aussage wirklich nur von einem vereinzelten Subjekt ausgeht und von ausschließlich persönlichen Motiven veranlaßt wird, oder ob sie allgemein vorkommt und einem kollektiv vorhandenen dynamischen «pattern» entspringt. In letzterem Fall nämlich ist sie nicht als subjektiv, sondern als psychologisch objektiv aufzufassen, indem eine unbestimmte Anzahl von Individuen sich veranlaßt sehen, aus innerem Antrieb eine identische Aussage zu machen, resp. eine gewisse Anschauung als vital nötig zu empfinden. Da der Archetypus keine bloß inaktive Form, sondern auch mit einer spezifischen Energie ausgerüstet ist, so kann er wohl als causa efficiens derartiger Aussagen betrachtet und als Subjekt derselben verstanden werden. Nicht der persönliche Mensch macht die Aussage, sondern der Archetypus drückt sich in ihr aus. Werden die Aussagen verhindert oder nicht in Betracht gezogen, so treten, wie die ärztliche Erfahrung sowohl wie die gewöhnliche Menschenkenntnis zeigt, psychische Mangelerscheinungen auf. Im individuellen Fall sind es neurotische Symptome, und dort, wo es sich um Menschen handelt, die einer Neurose unfähig sind, entstehen kollektive Wahnbildungen.
Die archetypischen Aussagen beruhen auf instinktiven Voraussetzungen und haben nichts mit der Vernunft zu tun; sie sind weder vernünftig begründet, noch können sie durch vernünftige Argumente beseitigt werden. Sie waren und sind seit jeher Teile des Weltbildes, «representations collectives», wie sie Levy-Bruhl richtig bezeichnet hat. Gewiß spielt das Ich und sein Wille eine große Rolle. Was das Ich will, ist aber in hohem Maße und in einer ihm meist unbewußten Weise durchkreuzt von der Autonomie und Numi-nosität archetypischer Vorgänge. Die praktische Berücksichtigung derselben macht das Wesen der Religion aus, soweit diese einer psychologischen Betrachtungsweise unterworfen werden kann.
III
An dieser Stelle drängt sich mir die Tatsache auf, daß es neben dem Feld der Reflexion ein anderes, mindestens ebensoweit, wenn nicht weiter sich erstreckendes Gebiet gibt, in welchem das verstandesmäßige Begreifen und Darstellen kaum etwas findet, dessen es sich bemächtigen könnte. Es ist das Feld des Eros. Der antike Eros ist sinnvollerweise ein Gott, dessen Göttlichkeit die Grenzen des Menschlichen überschreitet und deshalb weder begriffen noch dargestellt werden kann. Ich könnte mich, wie so viele andere vor mir es versucht haben, an diesen Daimon wagen, dessen Wirksamkeit sich von den endlosen Räumen des Himmels bis in die finste
ren Abgründe der Hölle erstreckt, aber es entfällt mir der Mut, jene Sprache zu suchen, welche die unabsehbaren Paradoxien der Liebe adaequat auszudrücken vermöchte. Eros ist ein kosmogonos, ein Schöpfer und VaterMutter aller Bewußtheit. Es scheint mir, als ob der Conditionalis des Paulus «und hätte der Liebe nicht» aller Erkenntnis erste und Inbegriff der Gottheit selber wäre. Was immer die gelehrte Interpretation des Satzes «Gott ist die Liebe» sein mag, sein Wortlaut bestätigt die Gottheit als «complexio oppositorum».
Meine ärztliche Erfahrung sowohl wie mein eigenes Leben haben mir unaufhörlich die Frage der Liebe vorgelegt, und ich vermochte es nie, eine gültige Antwort darauf zu geben. Wie Hiob mußte ich «meine Hand auf meinen Mund legen. Einmal habe ich geredet, darnach will ich nicht mehr antworten» (Hiob XXXIX, 34 f.). Es geht hier um Größtes und Kleinstes, Fernstes und Nahe-stes, Höchstes und Tiefstes, und nie kann das eine ohne das andere gesagt werden. Keine Sprache ist dieser Paradoxie gewachsen. Was immer man sagen kann, kein Wort drückt das Ganze aus. Von Teilaspekten zu sprechen, ist immer zuviel oder zuwenig, wo doch nur das Ganze sinngemäß ist. Die Liebe «trägt alles» und «duldet alles» (I Cor. XIII, 7). Dieser Wortlaut sagt alles. Man könnte ihm nichts beifügen. Wir sind nämlich im tiefsten Verstande die Opfer oder die Mittel und Instrumente der kosmogonen «Liebe». Ich setze dieses Wort in Anführungszeichen, um anzudeuten, daß ich damit nicht bloß ein Begehren, Vorziehen, Begünstigen, Wünschen und ähnliches meine, sondern ein dem Einze lwesen überlegenes Ganzes, Einiges und Ungeteiltes. Der Mensch als Teil begreift das Ganze nicht. Er ist ihm unterlegen. Er mag Ja sagen oder sich empören; immer aber ist er darin befangen und eingeschlossen. Immer hängt er davon ab und ist davon begründet. Die Liebe ist sein Licht und seine Finsternis, deren Ende er nicht absieht. «Die Liebe höret nimmer auf», auch wenn er mit «Engels 2ungen redete» oder mit wissenschaftlicher Akribie das Leben der Zelle bis zum untersten Grunde verfolgte. Er kann die Liebe mit allen Namen belegen, die ihm zu Gebote stehen, er wird sich nur in endlosen Selbsttäuschungen ergehen. Wenn er ein Gran Weisheit besitzt, so wird er die Waffen strecken und ignotum per ignotius benennen, nämlich mit dem Gottesnamen. Das ist ein Eingeständnis seiner Unterlegenheit, Unvollständigkeit und Abhängigkeit, zugleich aber auch ein Zeugnis für die Freiheit seiner Wahl zwischen Wahrheit und Irrtum.
Rückblick1
Wenn man sagt, ich sei weise oder ein «Wissender», so kann ich das nicht akzeptieren. Es hat einmal Einer einen Hut voll Wasser aus einem Strom geschöpft. Was bedeutet das schon ? Ich bin nicht dieser Strom. Ich bin an dem Strom, aber ich mache nichts. Die anderen Menschen sind an demselben Strom, aber meist finden sie, sie selber müßten es machen. Ich mache nichts. Ich denke nie, ich sei es, der dafür sorgen müsse, daß die Kirschen Stiele bekommen. Ich stehe da, bewundernd, was die Natur vermag.
Es gibt eine schöne alte Legende von einem Rabbi, zu dem ein Schüler kam und fragte: «Früher gab es Menschen, die Gott von Angesicht gesehen haben; warum gibt es sie heute nicht mehr ?» Da antwortete der Rabbi: «Weil sich heute niemand mehr so tief buk-ken kann.» Man muß sich schon etwas bücken, um aus dem Strom zu schöpfen.
Der Unterschied zwischen den meisten anderen Menschen und mir liegt darin, daß bei mir die «Zwischenwände» durchsichtig sind. Das ist meine Eigentümlichkeit. Bei anderen sind sie oft so dicht, daß sie nichts dahinter sehen und darum meinen, es sei auch gar nichts da. Ich nehme die Vorgänge des Hintergrundes einigermaßen wahr, und darum habe ich die innere Sicherheit. Wer nichts sieht, hat auch keine Sicherheit und kann keine Schlüsse ziehen, oder traut den eigenen Schlüssen nicht. Ich weiß nicht, was es ausgelöst hat, daß ich den Strom des Lebens wahrnehmen kann. Es war wohl das Unbewußte selber. Vielleicht waren es die frühen. Träume. Sie haben mich von Anfang an bestimmt.