Beschränkung. Und doch gibt es so viel, was mich erfüllt: die Pflanzen, die Tiere, die Wolken, Tag und Nacht und das Ewige in den Menschen. Je unsicherer ich über mich selber wurde, desto mehr wuchs ein Gefühl der Verwandtschaft mit allen Dingen. Ja, es kommt mir vor, als ob jene Fremdheit, die mich von der Welt solange getrennt hatte, in meine Innenwelt übergesiedelt wäre und mir eine unerwartete Unbekanntheit mit mir selber offenbart hätte.
Appendix
Aus den Briefen Jungs an seine Frau aus den USA 6. IX. 09, Montag bei Prof. Stanley Hall Clark University, Worcester
... Jetzt sind wir* also glücklich in Worcester angelangt! Ich muß Dir die Reise erzählen. Am letzten Samstag war in New York trübes Wetter. Alle drei litten wir an Diarrhöe und mehr oder weniger Magenschmerzen. Ich ging trotz des körperlichen Jammers und trotz Nahrungsabstinenz noch in die paläontologische Sammlung, wo man alle die alten Ungeheuer, die Schöp fungsangstträume des lieben Gottes, sah. Die Sammlung ist für die Phyloge-nese des tertiären Säugetieres einfach einzigartig. Unmöglich kann ich Dir alles, was ich dort gesehen habe, schildern. Ich traf dann Jones, der eben von Europa ankam. Dann etwa um l/2 4 Uhr fuhren wir per Elevated von der 42. Straße nach den Piers und bestiegen dort ein seltsames gewaltiges Gebäude von Dampfer, das etwa fünf weiße Decks hatte. Dort nahmen wir Kabinen und fuhren nun vom Westriver um die Spitze von Manhattan mit all den gewaltigen Wolkenkratzern herum, den East River hinauf unter der Brooklyn- und Manhattan-Bridge durch, mitten durch das unendliche Gewühl von Schleppern, Ferrybooten usw. usw. durch den Sound hinter Long Island. Es wurde feucht und kühl, wir hatten Bauchweh und Diarrhöe und litten Hunger und krochen ins Bett. Am Sonntag früh waren wir schon an Land in Fallriver City, wo wir bei Regen den Zug nach Boston nahmen. Wir gingen sofort weiter nach Worcester. Schon unterwegs klärte es auf. Die Landschaft war äußerst lieblich, flach-hügelig, viel Wald, Sumpf, kleine Seen, zahllose gewaltige erratische Blöcke, kleine Dörfchen mit Holzhäusern, rot, grün oder grau gestrichen mit weißgerahmten Fenstern (Holland!), unter großen schönen Bäumen versteckt.
* Freud, Ferenczi und Jung.
11 1/2 in Worcester. Wir fanden im Standish Hotel eine sehr nette Unterkunft, auch billig on the American plan, d. h. mit Pension. Abends 6 Uhr nach gehöriger Ruhe Besuch bei Stanley Hall. Er ist ein äußerst feiner, vornehmer alter Herr von bald 70 Jahren, der uns mit größter Gastfreundschaft empfing. Er hat eine dicke, lustige und gutmütige und dazu sehr häßliche Frau, die sich aber auf feines Essen versteht. Sie ernannte Freud und mich zu ihren «boys» und versah uns mit köstlicher Nahrung und edlem Wein, so daß wir sichtlich genasen. Wir schliefen nachts noch im Hotel sehr gut und heute morgen siedelten wir zu Halls über. Das Haus ist furchtbar lustig eingerichtet, alles weit und bequem. Er hat ein herrliches Studio mit vielen tausend Büchern und Zigarren. Als Bedienung figurieren zwei kohlpechrabenschwarze Neger im Smoking, höchst grotesk-feierlich. Überall Teppiche, alle Türen offen, sogar Locus- und Haustüre, überall geht man hinein und hinaus, die Fenster reichen alle auf den Boden herunter; ums Haus englische Rasenfläche, kein Gartenzaun. Die halbe Stadt (ca. 180000 Einwohner) steht in einem Walde alter Bäume, die alle Straßen beschatten. Alle Häuser sind fast kleiner als das unsrige, lieblich von Blumen und blühenden Sträuchern umgeben, übergrünt von Jungfernreben und Glyzinien, alles gepflegt, reinlich, gebildet und überaus friedlich und gemütlich. Ein ganz anderes Amerika! Es ist das sogenannte New England. Die Stadt wurde schon 1690 gegründet, ist als o sehr alt. Viel Wohlstand. Die Universität, reich dotiert, ist klein aber vornehm und von wirklicher, einfacher Eleganz. Heute morgen war Eröffnungssitzung. Prof. X. kam zuerst dran mit langweiligem Zeug. Wir drückten uns bald und machten einen Spaziergang durch die Umgebung der Stadt, die überall von kleinen und kleinsten Seen und kühlen Wäldern umgeben ist, und waren sehr entzückt von dem friedlich schönen Bilde. Es ist eine erquickliche Erholung nach dem Leben in New York ...
Clark University Worcester, Massachusetts Mittwoch, 8. IX. 09
... Die Leute sind hier alle von größter Liebenswürdigkeit und angenehmem Kulturzustand. Wir sind bei Hall prächtig verpflegt und erholen uns täglich von den New Yorker Strapazen. Der Bauch
ist jetzt beinahe in Ordnung, von Zeit zu Zeit zuckt es noch etwas, aber das Allgemeinbefinden ist jetzt sonst vorzüglich. Freud hat gestern die Vorlesungen begonnen und großen Erfolg geerntet. Wir gewinnen hier an Boden, und unsere Sache wächst langsam, aber sicher. Ich habe heute mit zwei älteren sehr gebildeten Ladies einen Talk über Psychoanalyse gehabt, wobei sich die Damen als sehr unterrichtet und freidenkend erwiesen. Ich war sehr überrascht, da ich mich auf Widerstände gefaßt gemacht hatte. Neulich hatten wir eine große Gardenparty mit fünfzig Leuten, wobei ich mich mit fünf Damen umgab. Ich konnte sogar englische Witze machen, allerdings wie! Morgen kommt meine erste Vorlesung, vor der mir alles Grauen geschwunden ist, denn die Hörerschaft ist harmlos und bloß begierig, Neuigkeiten zu hören, und mit denen kann man ja schließlich aufwarten. Es heißt, daß wir zu Ehrendoktoren der Universität promoviert werden sollen, am nächsten Sams tag mit großem Festlärm. Abends wird «formal reception» sein. Der heutige Brief fällt leider notgedrungen kurz aus, da Halls uns heute Gesellschaft zum five o'clock eingeladen haben. Auch ist man vom Boston Evening Transcript interviewt worden. Wir sind hier die Männer vom Tag. Es tut ganz gut, diese Seite einmal etwas ausleben zu können. Ich fühle, daß meine Libido das in großen Zügen genießt...
Clark University Worcester, Mass. 14. IX. 09
... Gestern Abend war ein furchtbar großer Zauber und Mummenschanz mit allen möglichen roten und schwarzen Roben und viereckigen Goldtroddelhüten. Man hat mich in großer Festversammlung zum Doctor of Laws honoris causa promoviert, ebenso Freud. Ich darf jetzt hinter meinen Namen L.L.D, setzen. Bedeutend, nicht? Heute hat uns Prof. M. per Automobil zum Lunch an einen schönen See geführt. Die Landschaft war äußerst lieblich. Heute Abend ist noch eine «private Conference» in Halls Haus über «psychology of sex». Die Zeit ist greulich ausgefüllt. Darin sind die Amerikaner wirklich groß, sie lassen einem kaum Zeit zum Schnaufen. Ich bin nach all den fabelhaften Sachen jetzt doch etwas abgespannt und sehne mich nach der Ruhe in den Bergen. Mir brummt der Kopf. Gestern Abend mußte ich bei der Doktor
promotion eine Rede aus dem Stegreif halten vor etwa dreihundert Personen.
... Ich freue mich furchtbar, wieder aufs Meer zu kommen, wo sich die aufgepeitschte Seele an der unendlichen Ruhe und Weite wieder erholen kann. Man ist hier in einem fast beständigen Wirbelwind. Gott sei Dank habe ich aber meine Genußfähigkeit wieder ganz zurückerhalten, so daß ich mich auf alles freuen kann. Ich nehme jetzt im Sturm alles noch mit, was irgendwie geht, dann setze ich mich satt nieder ...
P.'s Camp
Keene Valley
Adirondacks. N.Y. 16. IX. 09, 8 1/2 a. m.
... Du würdest maßlos erstaunt sein, wenn Du sähest, wo ich jetzt wieder stecke in diesem Lande der wirklich unbegrenzten Möglichkeiten. Ich sitze in einer großen Holzhütte, die aus einem einzigen Räume besteht, vor mir ein gewaltiger, aus Ziegeln roh gemauerter Kamin mit mächtigen Holzklötzen davor, an den Wänden massenhaft Geschirr, Bücher und dergleichen. Um die Hütte läuft eine gedeckte Veranda, und tritt man hinaus, so sieht man zunächst nichts als Bäume, Buchen, Tannen, Föhren, Thujen, alles ein bißchen fremdartig, dazu rauscht sanft der Regen herunter. Zwischen den Bäumen sieht man auf eine gebirgige Landschaft, alles mit Wald bedeckt. Die Hütte steht an einem Abhang, etwas weiter unten stehen etwa zehn kleine Holzhäuschen, da wohnen die Frauen, dort die Männer, da ist die Küche, dort das Speisehaus, dazwischen weiden Kühe und Pferde. Hier wohnen nämlich zwei Familien P. und eine Familie X. samt Bedienung. Geht man am Bache, der vorbeifließt, entlang in die Höhe, so kommt man in den Wald, wo man sehr bald entdeckt, daß es ein nordischer Urwald ist. Den Boden bilden gewaltige glaziale Felstrümmer, mit einem tiefen weichen Moos- und Farnteppich bedeckt, darüber in wilder Unordnung hingestürzt ein Gewirre von Ästen und gewaltigen modrigen Baumstämmen, aus denen sich wieder junge Bäume erheben. Steigt man weiter in die Höhe auf weichem Pfade, der ganz aus moderndem Holz besteht, so kommt man in ein Gebiet dichtesten Unterholzes, das ganz von Brombeeren, Himbeeren und einem sonderbaren Mischling aus beiden durchwebt ist. Tausende von gewaltigen toten Bäumen ragen nackt aus dem Gebüsch. Tausende sind hingestürzt und haben sich im Sturze zu undurchdringlichem Gewebe verfilzt. Man kriecht über und unter dicken Baumstämmen durch, tritt durch moderndes Holz in tiefe Löcher hinunter, Spuren von Hirschen kreuzen den Weg; Spechte haben köpf große Löcher in die Bäume gehämmert. Stellenweise hat ein Wirbelsturm Hunderte von riesigen Bäumen, die ähnlich wie Wellingtonien sind, niedergeris sen, so daß ihre Wurzelstöcke weit in die Höhe ragen. Hier hat ein Waldbrand vor einigen Jahren ein meilenweites Gebiet verheert. Endlich gelangt man zu einer über 1000 m hohen Felskuppe und sieht auf eine wilde glaziale Feldund Seelandschaft hinunter, die ganz von jungfräulichem Urwald seit der Gletscherzeit bedeckt ist. Dieses sonderbare wilde Land ist im nordöstlichen Zipfel der USA, im Staate New York, nahe der kanadischen Grenze. Hier hausen noch Bären, Wölfe, Hirsche, Elke, Stachelschweine. Schlangen hat's auch überall. Schon gestern, als wir ankamen, war eine zwei Fuß lange zum Empfang da. Glücklicherweise gibt es in unserer Gegend keine Klapperschlangen, dagegen finden sich viele einige Stunden weiter am wärmeren Lake George und Champlain. Wir wohnen in einer kleinen Hütte und schlafen in einem Bastard zwischen Hängematte und Feldbett...