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Ich glaube, wir müssen zusammen einmal hierherkommen, man hat's hier zu gut. Man ist überall, wo Bekannte sind, prächtig versorgt und aufgehoben. Wir sind darin einig, daß wir die schönsten Erinnerungen von dieser Reise bewahren werden. Freud schlägt sich mit philosophischem Lächeln durch diese ganze bunte Welt hindurch. Ich tue mit und genieße sie. Wenn ich alles mitnähme, was ich könnte, so würde ich in zwei Monaten damit noch nicht fertig sein. Es ist gut zu gehen, solange es noch sehr schön ist...

Albany, N. Y. 18. IX. 1909

... Noch zwei Tage bis zur Abreise! Es geht alles im Wirbel. Gestern noch stand ich auf einem nahezu 1700 Meter hohen kahlen Felsgipfel inmitten ungeheurer Urwälder und schaute weithinaus in die blauen Unendlichkeiten Amerikas und fror bis auf die Knochen in eiskaltem Winde, und heute mitten im Großstadttrubel Albanys, der Hauptstadt des Staates New York! Die hunderttausend Ein

drücke, die ich von diesem Wunderlande mitnehme, lassen sich mit der Feder nicht schildern. Alles reicht zu weit und ist 2u unabsehbar. Etwas, was mir in den letzten Tagen allmählich aufdämmerte, ist die Erkenntnis, daß hier ein Ideal der Lebensmöglichkeit Wirklichkeit geworden ist. Den Männern geht es hier so gut, wie es die Kultur überhaupt erlaubt, den Frauen schlecht. Wir haben hier Dinge gesehen, die zur größten Bewunderung hinreißen, und Dinge, die zum tiefsten Nachdenken über soziale Entwicklung auffordern. Wir sind, was technische Kultur anbelangt, meilenweit hinter Amerika zurück. Aber all das kostet entsetzlich viel und trägt schon den Keim des Endes in sich. Ich muß Dir viel, sehr viel erzählen. Die Erlebnisse dieser Reise werden mir unvergeßlich sein. Wir sind jetzt amerikamüde. Morgen früh geht's nach New York, und am 21. IX. geht's in die See!...

Norddeutscher Lloyd Bremen Dampfer «Kaiser Wilhelm der Große»

22. September 1909

... Gestern schüttelte ich leichten Herzens den Staub Amerikas von meinen Sohlen mit einem Brummschädel, denn Y.'s haben mich mit wunderbarem Champagner bewirtet... Mit der Abstinenz bin ich punkto Glauben nun auf einen ganz wackeligen Boden geko mmen, so daß ich ehrenhafter Weise aus meinen Vereinen austrete. Ich bekenne mich als aufrichtigen Sünder und kann dann hoffentlich den Anblick eines Glases Wein ohne Emotion ausstehen, nämlich eines nicht getrunkenen. Das ist ja immer so, nur das Verbotene reizt. Ich glaube, ich darf mir nicht zu viel verbieten.

Also gestern Morgen um 10 Uhr fuhren wir los, links die hochragenden weißlichen und rötlichen Himmelstürme von New York City, rechts die qualmenden Kamine, Docks usw. von Hoboken. Der Morgen war nebelig, bald entschwand New York, und nicht lange, so fingen die großen Dünungen des Meeres an. Beim Feuerschiff setzten wir den amerikanischen Lotsen aus und fuhren dann hinaus «in die traurige Wüste des Meeres». Es ist wie immer von kosmischer Großartigkeit und Einfachheit und zwingt zum Schweigen, denn was hat der Mensch hier zu sagen, vollends wenn der Ozean nächtlich allein ist mit dem gestirnten Himmel? Man sieht schweigend, auf alle Eigenmacht verzichtend, hinaus, und viele alte

Worte und Bilder huschen durch den Sinn: Eine leise Stimme spricht etwas von dem Uralten und der Unendlichkeit des «weitaufrauschenden Meeres», von «des Meeres und der Liebe Wellen», von Leukothea, der lieblichen Göttin, die im Schaume der aufspritzenden Wogen erscheinend dem wegemüden Odysseus den heilspendenden feinen Perlschleier zubereitet. Das Meer ist wie Musik, es hat in sich und berührt alle Träume der Seele. Das Schöne und Große des Meeres liegt darin, daß wir hinabgezwungen werden in die fruchtbaren Gründe der eigenen Seele und selbstschöpferisch uns gegenübertreten in der Belebung der «traurigen Wüste des Meeres». Jetzt sind wir noch müde von «dieser letzten Tage Qual» und brüten und stellen in unbewußter Arbeit alles in Ordnung, was Amerika in uns aufgewühlt hat...

Norddeutscher Lloyd Bremen Dampfer «Kaiser Wilhelm der Große»

25. IX.1909

... Gestern erhob sich ein Sturm, der den ganzen Tag bis gegen Mitternacht dauerte. Ich stand fast den ganzen Tag vorne unter der Kommandobrücke auf erhöhtem und geschütztem Punkt und bewunderte das großartige Schauspiel, wie die ungeheuren Wogenberge heranrollten und eine wirbelnde Wolke von Gischt über das Schiff ergossen. Das Schiff fing schauerlich zu rollen an; einige Male schon war ein salziger Schauer über uns heruntergegangen. Es wurde kalt, und wir gingen einen Tee nehmen. Dort floß aber das Gehirn in den Rückenmarkskanal hinunter und suchte unter dem Magen wieder heraufzukommen. Ich zog mich deshalb ins Bett zurück, wo ich mich bald sehr wohl fühlte und dann auch ein angenehmes Nachtessen verzehrte. Von Zeit zu Zeit donnerte draußen eine Woge an das Schiff. Die Gegenstände im Zimmer hatten alle Leben gewonnen: das Kanapeekissen kroch im Halbdunkel auf dem Boden herum, ein liegender Schuh richtete sich auf, blickte erstaunt um sich und begab sich dann leise schlürfend unters Sofa, der stehende Schuh legte sich müde auf die Seite und fuhr dem anderen nach. Nun änderte sich aber das Schauspiel. Wie ich merkte, waren die Schuhe unters Sofa gegangen, um dort meinen Sack und die Handtasche zu holen; nun zog die ganze Gesellschaft hinüber zum großen Koffer unters Bett; ein Ärmel meines Hemdes auf dem

Sofa winkte ihnen sehnsüchtig nach, im Inneren der Kästen und Schubladen rauschte und klapperte es. Plötzlich erkrachte unter meinem Boden ein furchtbares Tosen, Knattern, Prasseln und Klirren. Unten ist nämlich ein Küchenraum. Dort waren mit einem Schlag fünfhundert Teller aus ihrer todähnlichen Befangenheit erwacht und hatten durch einen kühnen Sprung ihrem nichtigen Sklavendasein ein rasches Ende gemacht. Rings in den Kabinen verrieten unaussprechliche Seufzer die Geheimnisse des Menüs. Ich schlief herrlich, und heute morgen beginnt der Wind von einer anderen Seite ...