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Aus Briefen von Freud an Jung *

16. April 09 Wien, IX, Berggasse 19 Lieber Freund,

... Es ist bemerkenswert, daß an demselben Abend, an dem ich Sie förmlich

als ältesten Sohn adoptierte, Sie zum Nachfolger und Kronprinzen - in

partibus infidelium - salbte, daß gleichzeitig Sie mich der Vaterwürde

entkleideten, welche Entkleidung Ihnen ebenso gefallen zu haben scheint wie

mir im Gegenteil die Einkleidung Ihrer Person. Nun fürchte ich bei Ihnen

wieder in den Vater zurückzufallen, wenn ich von meiner Relation zum

Klopfgeisterspuk spreche; ich muß es aber tun, weil es doch anders ist, als Sie

sonst glauben könnten. Ich leugne also nicht, daß Ihre Mitteilungen und Ihr

Experiment mir starken Eindruck gemacht haben. Ich nahm mir vor, nach

Ihrem Weggang zu beobachten, und gebe hier die Resultate. In meinem ersten

Zimmer kracht es unausgesetzt, dort wo die zwei schweren ägyptischen

Stelen auf den Eichenbrettern des Bücherkastens aufruhen, das ist also

durchsichtig. Im zweiten, dort wo wir es hörten, kracht es sehr selten.

Anfangs wollte ich es als Beweis gelten lassen, wenn das während Ihrer Anwesenheit so häufige Geräusch sich nach Ihrem Weggang nie mehr hören

ließe - aber es hat sich seither wiederholt gezeigt, doch nie im Zusammenhang

mit meinen Gedanken und nie, wenn ich mich mit Ihnen oder mit Ihrem

speziellen Problem beschäftigte. (Auch

1 Mit freundlicher Erlaubnis von Ernst Freud, London.

jetzt nicht, füge ich als Herausforderung hinzu). Die Beobachtung wurde aber alsbald durch anderes entwertet. Meine Gläubigkeit oder wenigstens meine gläubige Bereitwilligkeit schwand mit dem Zauber Ihres persönlichen Hierseins dahin; es ist mir wieder aus irgendwelchen inneren Motiven ganz unwahrscheinlich, daß irgend etwas der Art vorkommen sollte; das entgeisterte Mobiliar steht vor mir, wie vor dem Dichter nach dem Scheiden

der Götter Griechenlands die entgötterte Natur.

Ich setze also wieder die hörnerne Vater-Brille auf und warne den lieben

Sohn, kühlen Kopf zu behalten und lieber etwas nicht verstehen zu wollen als

dem Verständnis so große Opfer zu bringen, schüttle auch über die

Psychosynthese das weise Haupt und denke: Ja so sind sie, die Jungen, eine

rechte Freude macht Ihnen doch nur das, wo sie uns nicht mitzunehmen

brauchen, wohin wir mit unserem kurzen Atem und müden Beinen nicht

nachkommen können.

Dann werde ich mit dem Rechte meiner Jahre geschwätzig und erzähle von

einem anderen Ding zwischen Himmel und Erde, das man nicht verstehen

kann. Vor einigen Jahren entdeckte ich bei mir die Überzeugung, daß ich

zwischen 6l und 62 sterben würde, was mir damals noch als lange Frist

vorkam. (Heute sind es nur noch acht Jahre). Ich ging dann mit meinem

Bruder nach Griechenland, und nun war es direkt unheimlich, wie die Zahl 6l

oder 60 in Verbindung mit l und 2 bei allen Gelegenheiten von Benennung an

allen gezählten Gegenständen, insbesondere Transportmitteln, wiederkehrte,

was ich gewissenhaft notierte. Gedrückter Stimmung hoffte ich im Hotel zu

Athen, als man uns Zimmer im ersten Stock anwies, aufzuatmen; da konnte

Nr. 61 nicht in Betracht kommen. Wohl, aber ich bekam wenigstens Nr. 31

(mit fatalistischer Lizenz doch die Hälfte von 61-62), und diese klügere und

behendere Zahl erwies sich in der Verfolgung noch ausdauernder als die

erste. Von der Rückreise an bis in ganz rezente Zeiten blieb mir die 31, in

deren Nähe sich gerne eine 2 befand, treu. Da ich auch Regionen in meinem

System habe, in denen ich nur wißbegierig und gar nicht abergläubisch bin,

habe ich seither die Analyse dieser Überzeugung versucht, hier ist sie. Sie

entstand im Jahre 1899. Damals trafen zwei Ereignisse zusammen. Erstens

schrieb ich die Traumdeutung (die ja mit 1900 vordatiert ist), zweitens erhielt

ich eine neue Tele-phonnummer, die ich auch heute noch führe: 14362. Ein

gemeinsames zwischen diesen beiden Tatsachen läßt sich leicht herstellen; im Jahre 1899, als ich die Traumdeutung schrieb, war ich 43 Jahre alt. Was lag also näher, als daß die anderen Ziffern mein Lebensende bedeuten sollten, also 6l oder 62. - Plötzlich kommt Methode in den Wahnwitz. Der Aberglaube, daß ich zwischen 61 und 62 sterben werde, stellt sich als aequivalent der Überzeugung heraus, daß ich mit der Traumdeutung mein Lebenswerk vollendet habe, nichts mehr zu sagen brauche und ruhig sterben kann. Sie werden zugeben, nach dieser Erfahrung klingt es nicht mehr so unsinnig. Übrigens steckt geheimer Einfluß von W. Fließ darin; im Jahre sei

nes Angriffs brach auch der Aberglaube los.

Sie werden die spezifisch jüdische Natur in meiner Mystik wiederum

bestätigt finden. Sonst bin ich geneigt, nur zu sagen, daß Abenteuer wie das

mit der Zahl 6l durch zwei Momente Aurklärung finden, erstens durch die

vom Unbewußten her enorm gesteigerte Aufmerksamkeit, die Helena in

jedem Weibe sieht, und zweitens durch das unleugbar vorhandene

«Entgegenkommen des Zufalls», das für die Wahnbildung dieselbe Rolle

spielt wie das soma -tische Entgegenkommen beim hysterischen Symptom,

das sprachliche beim Wortwitz.

Ich werde also im Stande sein von Ihren Complexspukforschun-gen wie

von einem holden Wahn, den man selbst nicht teilt, mit Interesse weiteres zu

vernehmen.

Mit herzlichen Grüßen für Sie, Frau und Kinder

Ihr Freud.

12.Mai 1911

Wien,IX,Berggasse19

Lieber Freund,

. .. Ich weiß, daß Sie Ihre innersten Neigungen zum Studium des Okkulten

treiben und zweifle nicht daran, daß Sie reich beladen heimkehren werden.

Dagegen läßt sich ja nichts machen, auch tut jeder Recht, der der Verkettung

seiner Impulse folgt. Ihr Ruf von der Demenz wird dem Schimpf «Mystiker»

eine ganze Weile Stand halten. Nur bleiben Sie uns nicht dort in den

Tropenkolonien, es gilt zu Hause zu regieren ...

Ich grüße Sie herzlich und hoffe, daß Sie mir auch nach kürzerem Intervall

schreiben werden.

Ihr getreuer Freud. 15. 6. 11 Wien, IX, Berggasse 19 Lieber Freund,

... In Sachen des Okkultismus bin ich seit der großen Lektion durch die

Erfahrungen Ferenczis' demütig geworden. Ich verspreche alles zu glauben,

was sich irgendwie vernünftig machen läßt. Gerne geschieht es nicht, das

wissen Sie. Aber meine Hybris ist seither gebrochen. Ich möchte Sie gerne in

Einklang mit F. wissen, wenn einer von Ihnen daran geht, den gefährlichen

Schritt in die Öffentlichkeit zu tun und stelle mir vor, daß dies mit voller

Unabhängigkeit während des Arbeitens vereinbart ist... Herzliche Grüße für

Sie und das schöne Haus von