Ihrem getreuen Freud.
Brief an seine Frau aus Sousse, Tunis Montag,15.III.1920 Grand Hotel, Sousse
Dieses Afrika ist unerhört !
... Ich kann Dir leider nicht zusammenhängend schreiben, da es zu viel ist. Nur Streiflichter. Nach schwerem kaltem Wetter auf See frischer Morgen in Algier. Helle Häuser und Straßen, dunkle, grüne Baumgruppen, hohe Palmwipfel dazwischen. Weiße Burnusse, rote Fez, dazwischen das Gelb des Tirailleur d'Afrique, rote Spahis, dann der botanische Garten, ein tropischer Zauberwald, indische Vision, heilige Acvattabäume mit Riesenluftwurzeln wie Ungeheuer, phantastische Götterwohnungen von riesenhafter Ausdehnung, schwer dunkelgrün belaubt, rauschend im Meerwind. Dann dreißig Stunden Eisenbahnfahrt nach Tunis. Die arabische Stadt ist Antike und maurisches Mittelalter, Granada und die Märchen von Bagdad. Man denkt nicht mehr an sich, sondern ist aufgelöst in dieses nicht zu beurteilende, noch weniger zu beschreibende Vielerlei: in der Mauer eine römische Säule, eine alte Jüdin von unsäglicher Häßlichkeit in weißen Pluderhosen geht vorbei, ein Ausrufer drängt sich mit einer Last Burnusse durch die Menge und schreit in Kehllauten, die aus dem Kanton Zürich stammen könns Vgl. E. Jones, Das Leben u. Werk von Sigmund Freud, Frankfurt 1962, pag. 447ff.
ten, ein Stück tiefblauen Himmels, eine schneeweiße Moscheekuppel, ein Schuhmacher näht eifrig die Schuhe in einer kleinen gewölbten Nische, auf der Matte vor ihm ein heißer blendender Sonnenfleck, blinde Musikanten mit Trommel und winziger Laute mit drei Saiten, ein Bettler, der nur aus Lumpen besteht, Dampf von Ölkuchen und Fliegenschwärme, oben im glückseligen Äther auf weißem Minarett singt ein Muezzin den Mittagsgesang, unten ein kühler schattiger Säulenhof mit majolikaumrahmter Hufeisenpforte, auf der Mauer liegt eine räudige Katze an der Sonne, ein Kommen und Gehen von roten, weißen, gelben, blauen, braunen Mänteln, weißen Turbanen, roten Fez, Uniformen, Gesichter von weiß und hellgelb bis tiefschwarz, ein Schlürfen von gelben und roten Pantoffeln, ein läutloses Vorbeihuschen von schwarzen nackten Füßen usw. usw.
Am Morgen erhebt sich der große Gott und füllt beide Horizonte mit seiner Freude und Macht, und alles Lebendige gehorcht ihm. Nachts ist der Mond so silbern und so göttlich klar leuchtend, daß niemand an Astarte zweifelt.
Zwischen Algier und Tunis liegen 900 km afrikanische Erde, aufgetürmt zu den edeln und weiten Formen des großen Atlas, weite Täler und Hochflächen strotzen von Wein und Korn, dunkelgrüne Korkeichenwälder. Heute stieg der Horus aus einem fernen, blaßen Gebirge über einer unendlichen grünen und braunen Ebene auf, und aus der Wüste erhob sich ein mächtiger Wind, der aufs dunkelblaue Meer hinausblies. Auf welligen graugrünen Hügeln gelbbraune Reste ganzer römischer Städte, spärlich umweidet von schwarzen Ziegen, in der Nähe ein Beduinenlager mit schwarzen Zelten, Kamelen und Eseln, der Zug überfährt und tötet ein Kamel, das sich nicht entschließen konnte, von den Schienen herunter zu gehen, ein Herbeilaufen, Kreischen und Gestikulieren, weiße Gestalten, immer wieder das Meer bald tiefblau, bald schmerzhaft vor Sonne gleißend. Aus Olivenwäldern und Palmen und Riesenkaktushecken, in flimmernder Sonnenluft schwimmend, taucht eine schneeweiße Stadt auf, mit himmlisch weißen Kuppeln und Türmen, über einen Hügel herrlich hingebreitet, dann Sousse mit weißen Mauern und Türmen, unten der Hafen, über der Hafenmauer das tiefblaue Meer, und am Hafen liegt der Segler mit den zwei lateinischen Segeln, die ich einmal gemalt habe!!!
Man stolpert über römische Reste, mit dem Stock habe ich ein römisches Gefäß aus dem Boden gegraben.
Das ist alles nur elendes Gestammel, ich weiß nicht, was Afrika mir eigentlich sagt, aber es spricht. Denke Dir eine gewaltige Sonne, eine Luft klar wie auf höchsten Bergen, ein Meer blauer als was Du je gesehen, alle Farben von unerhörter Kraft, auf den Märkten kaufst Du noch die Amphoren des Altertums, so etwas -und der Mond!!!...
Aus einem Brief an einen jungen Gelehrten 4 (1952)
... Ich definiere mich selbst als Empiriker, denn ich muß doch etwas Anständiges sein. Oft wirft man mir vor, ich sei ein schlechter Philosoph, und ich mag selbstverständlich nicht gerne etwas Minderwertiges sein. Als Empiriker habe ich wenigstens etwas geleistet. Man wird einem guten Schuhmacher, der sich für einen solchen hält, doch nicht auf den Grabstein schreiben, er sei ein schlechter Hutmacher gewesen, weil er einmal einen untauglichen Hut gemacht hat.
Die Sprache, welche ich spreche, muß zweideutig, bzw. doppelsinnig sein, um der psychischen Natur mit ihrem Doppelaspekt gerecht zu werden. Ich strebe bewußt und absichtlich nach dem doppelsinnigen Ausdruck, weil er der Eindeutigkeit überlegen ist und der Natur des Seins entspricht. Ich könnte meiner ganzen Veranlagung nach sehr gut eindeutig sein. Das ist nicht schwer, geht aber auf Kosten der Wahrheit. Ich lasse absichtlich alle Oberund Untertöne mitklingen, denn sie sind einerseits sowieso vorhanden, andererseits geben sie ein völligeres Bild der Wirklichkeit. Eindeutigkeit hat nur Sinn bei der Tatsachenfeststellung, nicht aber bei der Interpretation, denn «Sinn» ist keine Tautologie, sondern begreift immer mehr in sich als das konkrete Objekt der Aussage.
Ich bin - noch spezieller - nur ein Psychiater, denn meine wesentliche Fragestellung, der mein ganzes Streben gilt, ist die seelische Störung, ihre Phaenomenologie, Aetiologie und Teleologie. Alles andere spielt bei mir eine auxiliäre Rolle. Ich fühle mich weder berufen, eine Religion zu stiften, noch eine solche zu bekennen. Ich betreibe keine Philosophie, sondern denke bloß im Rah
men der mir auferlegten speziellen Aufgabe, ein rechter Seelenarzt zu sein. So habe ich mich vorgefunden, und so funktioniere ich als ein Glied der menschlichen Gesellschaft. Ich leugne keineswegs, daß andere Leute mehr wissen als ich. Ich weiß z. B. nicht, wie Gott, losgelöst von der menschlichen Erfahrung, je erfahren werden könnte. Wenn ich Ihn nicht erfahre, wie kann ich dann sagen, daß Er sei ? Meine Erfahrung ist aber sehr eng und klein, und so ist auch das Erfahrene trotz der bedrückenden Ahnung der Unermeßlichkeit klein und menschenähnlich, was man am besten sieht, wenn man es auszudrücken versucht. In der Erfahrung gerät alles in die Doppelsinnigkeit der Psyche. Die größte Erfahrung ist auch die kleinste und engste, und deshalb scheut man sich, allzulaut davon zu reden oder gar darüber zu philosophieren. Dazu ist man denn doch zu klein und zu untauglich, als daß man sich solche Vermessenheit leisten könnte. Deshalb ziehe ich die zweideutige Sprache vor, denn sie wird in gleichem Maße der Subjektiv ität der archetypischen Vorstellungen wie der Autonomie des Archetypus gerecht. «Gott» z. B. bedeutet einerseits ein nicht auszudrückendes ens potentissimum, andererseits eine höchst untaugliche Andeutung und einen Ausdruck menschlicher Impotenz und Ratlosigkeit, also ein Erlebnis paradoxester Natur. Der Raum der Seele ist unermeßlich groß und erfüllt von lebendiger Wirklichkeit. Am Rande desselben steht das Geheimnis des Stoffes und das des Geistes, bzw. des Sinnes. Für mich ist dies der Rahmen, in welchem ich meine Erfahrung ausdrücken kann ...
4 Nur in der deutschen Ausgabe.
Aus einem Brief an einen Kollegen * (1959)
... der Begriff der Ordnung (seil. in der Schöpfung) ist nicht identisch mit dem des «Sinnes». Auch ein organisches Wesen ist trotz seiner in sich selbst sinnvollen Anordnung nicht notwendigerweise sinnvoll im Gesamtzusammenhang... Ohne das reflektierende Bewußtsein des Menschen ist die Welt von gigantischer Sinnlosigkeit, denn der Mensch ist nach unserer Erfahrung das einzige Wesen, das «Sinn» überhaupt feststellen kann.
Wir wissen durchaus nicht anzugeben, woraus der aufbauende Faktor der biologischen Entwicklung besteht. Wir wissen aber wohl, daß Warmblütigkeit und Gehirndifferenzierung für die Entstehung des Bewußtseins notwendig waren, und damit auch für das Offenbarwerden eines Sinnes. Durch was für Zufälligkeiten und Risiken der durch Jahrmillionen sich erstreckende Aufbau eines lemurischen Baumbewohners zum Menschen hindurchgedrungen ist, läßt sich nicht erträumen. In diesem Zufallschaos waren wohl synchronistische Phänomene am Werke, welche gegenüber den bekannten Naturgesetzen und mit Hilfe derselben in archetypischen Momenten Synthesen, die uns wunderbar erscheinen, vollziehen konnten. Kausalität und Teleologie versagen hier, denn synchronistische Phänomene verhalten sich wie Zufälle.