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Da die naturgesetzliche Wahrscheinlichkeit keinen Anhaltspunkt gibt zur Vermutung, daß aus Zufälligkeit allein höhere Synthesen, wie z. B. die Psyche, entstehen könnten, so brauchen wir die Hypothese eines latenten Sinnes, um nicht nur die synchronistischen Phänomene, sondern auch die höheren Synthesen zu erklären. Sinn-haftigkeit scheint immer zunächst unbewußt zu sein und kann deshalb nur post hoc entdeckt werden; darum besteht auch immer die Gefahr, daß Sinn dort hineingelegt wird, wo nichts dergleichen vorhanden ist. Wir brauchen die synchronistischen Erfahrungen, um die Hypothese eines latenten Sinnes, der vom Bewußtsein unabhängig ist, begründen zu können.

Da eine Schöpfung ohne das reflektierende Bewußtsein des Menschen keinen erkennbaren Sinn hat, so wird mit der Hypothese eines latenten Sinnes dem Menschen eine kosmogonische Bedeutung zugedacht, eine wahrhafte raison d'etre. Wenn dagegen dem Schöpfer der latente Sinn als bewußter Schöpfungsplan zugeschrieben wird, dann entsteht die Frage: warum sollte der Schöpfer dieses ganze Weltphänomen veranstalten, da Er ja bereits darum weiß, worin Er sich spiegeln könnte, und warum sollte Er sich spiegeln, da Er ja bereits Seiner selbst bewußt ist ? Wozu sollte Er neben seiner omniscientia ein zweites, minderwertiges Bewußtsein erschaffen? gewissermaßen Milliarden von trüben Spiegelchen, von denen Er ja schon zum voraus weiß. wie das Bild sein wird, das sie wiederg eben können?

Nach all diesen Überlegungen bin ich zum Schluß gekommen, daß die Ebenbildlichkeit nicht nur für den Menschen gilt, sondern auch für den Schöpfer: Er ist dem Menschen ähnlich oder gleich,

das heißt Er ist ebenso unbewußt wie er oder noch unbewußter, da Er entsprechend dem Mythus der incarnatio sich sogar veranlaßt fühlt, Mensch zu werden und sich dem Menschen zum Opfer anzubieten ...

Theodore Flournoy*

Während der Zeit meiner Beziehung zu Freud hatte ich in Theodore Flournoy einen väterlichen Freund gefunden. Er war schon ein alter Mann, als ich ihn kennenlernte. Leider ist er wenige Jahre später gestorben. Als ich noch Arzt am Burghölzli war, las ich sein Buch «Des Indes ä la Planete Mars», das mir großen Eindru ck machte. Ich schrieb Flournoy, daß ich es ins Deutsche übersetzen wollte. Erst nach einem halben Jahr erhielt ich die Antwort, in der er sich entschuldigte, daß meine Anfrage so lange liegen geblieben sei. Zu meinem Bedauern hatte er schon einen anderen Übersetzer bestimmt.

Später besuchte ich Flournoy in Genf, und als ich allmählich erkannte, wo Freuds Grenzen lagen, fuhr ich von Zeit zu Zeit zu ihm, um mich mit ihm zu unterhalten. Es war mir wichtig zu hören, was er über Freud dachte, und er sagte sehr kluge Dinge über ihn. Er legte den Finger vor allem auf Freuds Aufklärertum, das vieles an ihm verständlich machte und auch seine Einseitigkeit erklärte.

1912 veranlaßte ich Flournoy, dem Kongreß in München beizuwohnen, an dem es dann zum Bruch zwischen Freud und mir gekommen ist. Seine Anwesenheit bedeutete mir eine Unterstützung.

Ich hatte in jenen Jahren - besonders nach der Trennung von Freud - das Gefühl, ich sei noch viel zu jung, um selbständig zu sein. Ich brauchte noch Anlehnung, und vor allem brauchte ich jemanden, mit dem ich offen reden konnte. Das fand ich bei Flournoy, und darum bildete er für mich bald eine Art Gegengewicht zu Freud. Mit ihm konnte ich auch über alle Probleme reden, welche mich wissenschaftlich beschäftigten, z. B. über den Somnambulis mus, über Parapsychologie und Religionspsychologie. Ich hatte damals ja niemanden, der meine Interessen in dieser Hinsicht teilte. Flournoys Auffassungen lagen ganz auf meiner Linie und gaben

mir manche Anregungen. Seinen Begriff der «Imagination crea-trice», der mich besonders interessierte, übernahm ich von ihm.

Ich habe viel von ihm gelernt. Vor allem die Art und Weise, einen Patienten zu betrachten, die liebevolle Vertiefung in dessen Geschichte. Darum griff ich auch einen Fall von ihm auf, nämlich den der Miss Miller. In «Wandlungen und Symbole der Libido» (1912) unterzog ich ihn einer sorgfältigen Analyse.

Schon lange hatte ich mich für die Zusammenhänge der Phantasieprodukte Schizophrener interessiert, und Flournoy half mir, sie noch besser zu verstehen. Er sah die Probleme im Ganzen, und vor allem sah er sie objektiv. Ihm waren die Fakten wichtig, das was vorgeht. Vorsichtig näherte er sich einem Fall an und verlor nie das Ganze aus dem Auge. Mein entscheidender Eindruck von der wissenschaftlichen Einstellung Flournoys war der, daß er einen wirklich objektiven «approach» hatte, und das war mir im Vergleich zu Freud sehr eindrücklich. Freud hatte eine dynamische und penetrierende Art: er erwartete etwas von seinen Fällen. Flournoy wollte nichts. Er sah von ferne und sah klar. Durch den Einfluß von Freud habe ich Wissen erworben, wurde aber nicht geklärt. Flournoy hat mich die Distanz vom Objekt gelehrt und das Bestreben nach Einordnung in einen weiten Horizont in mir unterstützt und wachgehalten. Seine Art war mehr beschreibend, ohne sich auf Vermutungen einzulassen, und trotz eines lebendigen und warmen Interesses für den Patienten hielt er sich immer in betrachtender Entfernung. So behielt er aber das Ganze im Auge.

Flournoy war eine kultivierte und distinguierte Persönlichkeit, sehr fein gebildet, geistig ausgleichend und mit einem differenzierten Gefühl für Proportionen. Das alles war mir sehr wohltuend. Er war Professor der Philosophie und Psychologie. Er war stark vom Jamesschen Pragmatismus beeinflußt, einer Auffassungsweise, die dem deutschen Geist nicht liegt und dementsprechend von diesem nicht die Anerkennung erfuhr, die sie verdient hätte. Der Pragmatis mus ist aber gerade für die Psychologie von nicht geringer Bedeutung. Was ich an Flournoy besonders schätzte, war seine philosophische Betrachtungsweise und vor allem seine wohlüberlegte Kritik, die auf umfassender Bildung beruhte.

Richard Wilhelm

Richard Wilhelm lernte ich bei einer Tagung der «Schule der Weisheit» in Darmstadt beim Grafen Keyserling kennen. Es war anfangs der zwanziger Jahre. 1923 luden wir ihn nach Zürich ein, und er hielt im Psychologischen Club einen Vortrag über den I Ging7.

Schon bevor ich ihn kennenlernte, hatte ich mich mit östlicher Philosophie beschäftigt und hatte etwa 1920 angefangen, mit dem I Ging zu experimentieren. Es war während eines Sommers in Bol-lingen, als ich den Entschluß faßte, dem Rätsel dieses Buches auf den Leib zu rücken. Statt der Stengel der Schafgarbe, welche in der klassischen Methode verwandt werden, schnitt ich mir Schilfstengel. Da saß ich denn oft stundenlang unter dem hundertjährigen Birnbaum auf dem Boden, den I Ging neben mir, und übte die Technik in der Weise, daß ich die sich ergebenden «Orakel» aufeinander bezog wie in einem Frage- und Antwortspiel. Es ergaben sich dabei allerhand nicht zu leugnende Merkwürdigkeiten - sinnvolle Zusammenhänge mit meinen eigenen Gedankengängen, die ich mir nicht erklären konnte.

Der einzige subjektive Eingriff beim Experiment besteht darin, daß der Experimentator das Bündel der 49 Stengel arbiträr, d. h. ohne zu zählen, durch einen einzigen Griff teilt. Er weiß nicht, wieviele Stengel in dem einen und dem anderen Bündel enthalten sind. Von diesem Zahlenverhältnis aber hängt das Resultat ab. Alle übrigen Manipulationen sind mechanisch angeordnet und erlauben keine Willkür. Wenn ein psychischer Kausalnexus überhaupt vorhanden ist, dann kann er nur in der zufälligen Teilung des Bündels liegen (oder im zufälligen Fallen der Münzen).