Während der ganzen Sommerferien beschäftigten mich damals die Fragen: Sind die Antworten des I Ging sinnvoll oder nicht? Sind sie es, wie kommt der Zusammenhang der psychischen und der physischen Ereignisreihe zustande ? Ich stieß immer wieder auf erstaunliche Koinzidenzen, die mir den Gedanken eines akausalen Parallelismus (einer Synchronizität, wie ich ihn nachmals nannte) nahe legte. Ich war von diesen Experimenten dermaßen fasziniert, daß ich überhaupt vergaß, Aufzeichnungen zu machen, was ich
7 Altes Chinesisches Weisheits- und Orakelbuch, dessen Ursprünge in das vierte Jahrtausend v. Chr. zurückreichen.
nachträglich sehr bedauerte. Später nahm ich allerdings das Experiment so oft mit meinen Patienten vor, daß ich mich der relativ bedeutsamen Zahl der offensichtlichen Treffer versichern konnte. Als Beispiel erwähne ich den Fall eines jüngeren Mannes mit einem bemerkenswerten Mutterkomplex. Er beabsichtigte zu heiraten und hatte die Bekanntschaft eines Mädchens gemacht, das ihm passend erschien. Er fühlte sich aber unsicher und fürchtete die Möglichkeit, daß er unter dem Einfluß seines Mutterkomplexes aus Versehen wiederum eine überwältigende Mutter heiraten könnte. Ich machte das Experiment mit ihm. Der Text seines Hexagrammes (des Resultates) lautete: «Das Mädchen ist mächtig. Man soll ein solches Mädchen nicht heiraten.»
Mitte der dreißiger Jahre traf ich mit dem chinesischen Philosophen Hu Shih zusammen. Ich fragte ihn nach dem I Ging und erhielt als Antwort: «Oh, das ist nichts als eine alte Sammlung von Zaubersprüchen ohne Bedeutung!» Er kannte die praktische Methode und ihre Anwendung nicht - angeblich. Nur einmal sei er damit zusammengestoßen. Auf einem Spaziergang hätte ihm ein Freund von seiner unglücklichen Liebesgeschichte gesprochen. Sie gingen dabei eben an einem Taoistischen Tempel vorbei. Zum Spaß hätte er zu seinem Freund gesagt: «Hier kannst du ja das Orakel darüber befragen.» Gesagt, getan. Sie gingen zusammen in den Tempel und erbaten sich vom Priester ein I-Ging-Orakel. Er selber glaube aber diesen Unsinn nicht.
Ich fragte ihn, ob denn das Orakel gar nicht gestimmt hätte? Worauf er, wie widerwillig, antwortete: «Oh doch - natürlich - » Eingedenk der bekannten Geschichte vom «guten Freund», der alles das tut, was man sich selber nicht zuschreiben möchte, fragte ich ihn vorsichtig, ob er denn diese Gelegenheit nicht selber auch benutzt habe. «Ja», erwiderte er, «zum Spaß stellte ich auch eine Frage.»
«Und nahm das Orakel darauf bezug ?» fragte ich.
Er zögerte. «Nun ja, wenn man so will.» Es war ihm offenbar unangenehm. Persönliches stört eben gelegentlich die Objektivität.
Wenige Jahre nach meinen ersten Experimenten mit den Schilfstengeln erschien der I Ging mit dem Wilhelmschen Kommentar. Natürlich besorgte ich ihn mir sofort und fand zu meiner Genugtuung, daß er die Sinnzusammenhänge ganz ähnlich sah, wie ich sie mir zurechtgelegt hatte. Aber er kannte die gesamte Literatur und
konnte daher die Lücken ausfüllen, die mir geblieben waren. Als er nach Zürich kam, hatte ich Gelegenheit, mich ausführlich mit ihm zu unterhalten, und wir sprachen sehr viel über chinesische Philosophie und Religion. Was er mir aus der Fülle seiner Kenntnisse des chinesischen Geistes mitteilte, hat mir damals einige der schwierigsten Probleme, die mir das europäische Unbewußte stellte, erhellt. Auf der anderen Seite hat ihn das, was ich von den Resultaten meiner Forschungen über das Unbewußte erzählte, in nicht geringes Erstaunen versetzt; denn in ihnen erkannte er wieder, was er bis dahin ausschließlich als Tradition der chinesischen Philosophie angesehen hatte.
Als junger Mann war Wilhelm im Dienst der christlichen Mis sion nach China gezogen, und dort hatte sich ihm die Welt des geistigen Ostens aufgetan. Wilhelm war eine echt religiöse Persönlichkeit mit weitem und ungetrübtem Blick. Er besaß die Fähigkeit, mit voraussetzungsloser Einstellung der Offenbarung eines fremden Geistes zu lauschen und jenes Wunder der Einfühlung zu vollbringen, das ilin dazu befähigte, die geistigen Schätze Chinas Europa zugänglich zu machen. Er war tief beeindruckt von der chinesischen Kultur, und einmal sagte er mir: «Meine große Befriedigung ist, daß ich nie einen Chinesen getauft habe!» Trotz seiner christlichen Voraussetzung konnte er nicht umhin, die tiefe Folgerichtigkeit und Klarheit des chinesischen Geistes zu erkennen. Er war davon nicht nur aufs tiefste beeinflußt, sondern eigentlich überwältigt und assimiliert. Die christliche Anschauungswelt trat in den Hintergrund, verschwand aber nicht gänzlich, sondern bildete eine reservatio mentalis, einen moralischen Vorbehalt von schicksals bedingender Bedeutung.
Wilhelm hatte das seltene Glück, in China einen von der Revolution aus dem Innern vertriebenen Weisen der alten Schule kennen zu lernen. Dieser alte Meister, namens Lau Nai Süan, führte ihn in die Kenntnis der chinesischen Yoga-Philosophie und der Psychologie des I Ging ein. Der Zusammenarbeit der beiden Männer verdanken wir die Ausgabe des I Ging mit ihrem hervorragenden Kommentar. Sie führte dieses tiefste Werk des Ostens dem Westen zum ersten Mal lebendig und faßbar vor Augen. Ich halte die Herausgabe dieses Werkes für Wilhelms bedeutendste Tat. Bei aller Klarheit und Verständlichkeit seiner westlichen Geisteshaltung zeigte er in dem I-Ging-Kommentar eine Anpassung an chinesische Psychologie, die ihresgleichen sucht.
Als die letzte Seite der Übersetzung beendet war und die ersten Druckfahnen erschienen, starb der alte Meister Lau Nai Süan. Es war, wie wenn er sein Werk vollendet und die letzte Botschaft des sterbenden alten China dem Europäer Übermacht hätte. Wilhelm hat ihm den Wunschtraum vom unvergleichlichen Schüler erfüllt.
Als ich Wilhelm kennenlernte, schien er ein völliger Chinese, in der Mimik sowohl wie in der Schrift und der Sprache. Er hatte den östlichen Standpunkt angenommen, und d ie alte chinesische Kultur hatte ihn ganz durchdrungen. In Europa angelangt, nahm er am China-Institut in Frankfurt am Main seine Lehrtätigkeit auf; hier wie auch bei seinen Vorträgen vor Laien bedrängten ihn jedoch aufs neue die Bedürfnisse des europäischen Geistes. Mehr und mehr traten die christlichen Aspekte und Formen wieder hervor. Einige Vorträge, die ich später von ihm hörte, unterschieden sich kaum mehr von Predigten.
Wilhelms Rückverwandlung und seine Wiederassimilierung an den Westen erschienen mir etwas unreflektiert und darum gefährlich. Ich fürchtete, daß er dadurch in Konflikt mit sich selber geraten mußte. Da es sich, wie ich zu erkennen glaubte, um eine passive Assimilation, d. h. um eine Beeinflussung durch das Milieu, handelte, bestand das Risiko eines relativ unbewußten Konfliktes, eines Zusammenpralls der westlichen und östlichen Seele. Wenn, wie ich vermutete, die christliche Einstellung ursprünglich dem Einfluß Chinas gewichen war, so konnte jetzt das Umgekehrte stattfinden, die europäische Sphäre konnte gegenüber dem Osten wiederum die Oberhand gewinnen. Wenn dieser Prozeß aber ohne eine tiefgehende bewußte Auseinandersetzung stattfindet, dann droht ein unbewußter Konflikt, der auch den körperlichen Gesundheitszustand in Mitleidenschaft ziehen kann.
Nachdem ich Wilhelms Vorträge gehört hatte, versuchte ich, ihn auf die ihm drohende Gefahr aufmerksam zu machen. Ich sagte ihm wörtlich: «Mein lieber Wilhelm, bitte nehmen Sie es mir nicht übel, aber ich habe das Gefühl, daß der Westen Sie wieder übernimmt, und daß Sie Ihrer Aufgabe, den Osten dem Westen zu übermitteln, untreu werden.»
Er antwortete mir: «Ich glaube. Sie haben recht, es übermannt mich hier etwas. Aber was tun ?»
Wenige Jahre später, zur Zeit, als Wilhelm in meinem Hause als Gast weilte, stellte sich ein Rezidiv der ostasiatischen Amoeben-dysenterie bei ihm ein, welche er etwa zwanzig Jahre früher acqui
riert hatte. Die Krankheit verschlimmerte sich in den folgenden Monaten, und ich hörte, daß er sich im Spital befand. Ich fuhr nach Frankfurt, um ihn zu besuchen, und fand einen Schwerkranken. Die Ärzte hatten zwar die Hoffnung nicht aufgegeben, und auch Wilhelm selber sprach von Plänen, die er ausführen wollte, wenn es ihm wieder besser ginge. Ich hoffte mit ihm, hatte aber meine Zweifel. Was er mir damals anvertraute, bestätigte meine Vermutungen. In seinen Träumen befand er sich wieder auf den endlosen Pfaden öder asiatischer Steppen - im verlassenen China -sich zurückfühlend in das Problem, das ihm China gestellt und dessen Beantwortung ihm der Westen verwehrt hatte. Er war sich dieser Frage zwar bewußt, aber hatte keine Lösung zu finden vermocht. Die Krankheit zog sich über Monate hinaus.