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Einige Wochen vor seinem Tode, als ich schon für längere Zeit keine Nachrichten mehr von ihm hatte, wurde ich beim Einschlafen von einer Vision geweckt. An meinem Bett stand ein Chinese in einem dunkelblauen Obergewand, die Hände gekreuzt in den Ärmeln. Er verneigte sich tief vor mir, wie wenn er mir eine Botschaft überbringen wollte. Ich wußte, worum es sich handelte. Das Merkwürdige an der Vision war ihre außerordentliche Deutlichkeit. Nicht nur sah ich jedes Fältchen in seinem Gesicht, sondern auch jeden Faden im Gewebe seines Gewandes.

Man könnte das Problem von Wilhelm auch als einen Konflikt zwischen Bewußtsein und Unbewußtem auffassen, welcher sich bei ihm als Konflikt zwischen West und Ost darstellte. Ich glaubte, seine Situation zu verstehen, denn ich hatte ja das gleiche Problem wie er und wußte, was es heißt, in diesem Konflikt zu stehen. Zwar hat sich Wilhelm mir gegenüber auch bei unserer letzten Zusammenkunft nicht deutlich ausgesprochen. Aber ich merkte trotzdem, daß er aufs äußerste interessiert war, wenn ich den psychologischen Gesichtspunkt hereinbrachte. Sein Interesse währte aber nur solange, als es um das Objektive ging, um Meditationen oder um religionspsychologische Fragen. Da war alles in Ordnung. Wenn ich aber versuchte, an die aktuellen Probleme seines inneren Konfliktes zu rühren, spürte ich sofort ein Zögern und ein sich innerlich Verschließen, weil es ihm ans Blut ging; ein Phänomen, das ich bei vielen Männern von Bedeutung beobachtet habe. js ist ein «Unbetretenes, nicht zu Betretendes», das man nicht forcieren kann und soll, ein Schicksal, das menschlichen Eingriff nicht erträgt.

Heinrich Zimmer*

Zu Anfang der dreißiger Jahre lernte ich Heinrich Zimmer kennen. Ich hatte sein fas2inierendes Buch «Kunstfo rm und Yoga»» gelesen und mir schon lange gewünscht, seine persönliche Bekanntschaft zu machen. Ich fand in ihm einen genialischen Menschen von lebhaftestem Temperament. Er sprach sehr viel und sehr rasch, konnte aber auch aufmerksam und mit Intensität zuhören. Wir verlebten zusammen einige schöne Tage, die von inhaltsreichen und für mich ungemein anregenden Gesprächen erfüllt waren. Wir sprachen hauptsächlich von indischer Mythologie. Bei dieser Gelegenheit erzählte er mir, wie er auf das von Richard Wilhelm und mir gemeinsam herausgegebene Buch «Das Geheimnis der Goldenen Blüte» reagiert hatte. Leider war mir zur Zeit, als ich darüber schrieb, Zimmers «Kunstform und Yoga» noch unbekannt, so daß ich sein Material, das für mich höchst wertvoll war, nicht hatte verwenden können. Ich bedauerte das sehr. Als Zimmer «Das Geheimnis der Goldenen Blüte» in die Hand bekam und darin blätterte, geriet er

- so erzählte er mir - in Wut und zwar wegen meines psychologischen Kommentars. Er schmetterte das Buch an die Wand.

Diese charakteristische Reaktion erstaunte mich allerdings nicht, denn sie war mir aus anderen ähnlichen Fällen schon längst bekannt, aber nur indirekt. Zimmer war der erste, der mir davon direkt erzählte. Er hatte, wie so viele andere, auf das Wort «psychologisch» reagiert wie der Stier auf das rote Tuch. Mit solchen Texten, die ein bloß historisches Interesse haben, hat doch die «Seele» nichts zu tun! Das kann nur reine Unwissenschaftlichkeit und Phantasterei sein!

Nach einiger Zeit, als er seine Besinnung und damit sein wis senschaftliches Gewissen wiedergewonnen hatte, verspürte er eine gewisse Neugier, in Erfahrung zu bringen, was die Psychologie in einem solchen Fall denn eigentlich zu sagen habe. Er hob das Buch vom Boden auf und begann darin zu lesen. Als der hervorragende Kenner der indischen Literatur, der er war, konnte er nicht umhin, eine Reihe interessanter Parallelen zu entdecken, wobei ihm sein ausgesprochen künstlerisches Anschauungsvermögen und seine

ungewöhnliche Intuition sehr zustatten kamen. Mit einiger Ironie sagte er wörtlich: «Was ich damals erlebte, war die plötzliche Einsicht, daß meine Sanskrit -Texte nicht nur grammatikalische und syntaktische Schwierigkeiten darboten, sondern daneben auch noch einen Sinn hatten.»

8 Nur in der deutschen Ausgabe.

1 «Kunstform und Yoga im indischen Kultbild», Berlin 1926.

Wennschon dieser Ausspruch cum grano salis und als überspitzt zu verstehen ist, rechne ich dieses Geständnis Zimmer hoch an. Es ist von ungewöhnlicher und erfrischender Ehrlichkeit, namentlich wenn man sich an jene dii minorum gentium erinnert, welche mit schlecht verhehltem Ressentiment einem versichern, dies alles auch schon längst gewußt zu haben.

Leider hat Zimmers früher Tod ihm eine Reise nach Indien verunmöglicht. Ich habe mich oft gefragt, wie die unmittelbare Berührung Indiens wohl auf ihn gewirkt haben würde. Ich hätte bei seiner Aufgeschlossenheit und Aufnahmefähigkeit, bei seiner tiefen Kenntnis der indischen Literatur und seiner ungewöhnlichen Intuition Großes von ihm erwartet. Stattdessen haben die Manen ihn zu sich gerufen.

Zimmer war seinem ganzen Wesen nach ein «puer aeternus», der, beflügelt von einer glanzvollen Sprache, alle Knospen der indischen Sagengärten zum Blühen brachte. Er teilte auch dessen Schicksal, denn «früh stirbt, wen die Götter lieben». Wilhelm starb zwar auch früh, ohne daß jedoch der Charakter des «puer aeternus» in dem Maße sichtbar geworden wäre wie bei Zimmer, von dem man das Gefühl hatte, er grüne und blühe in unerschöpflichem Überfluß. Ich vermute aber trotzdem, daß sich etwas Ähnliches bei Wilhelm in der Art und Weise verbarg, wie er China oder - besser -wie China ihn assimilierte. Zimmer sowie Wilhelm besaßen eine geniale Kindlichkeit. Beide schienen in der Realität wie in einer fremden Welt zu wandeln, während ihr Innerstes, unerschlossen und unberührt, der dunkeln Linie des Schicksals folgte.

Nachtrag zum «Roten Buch»*

Im Herbst des Jahres 1959 nahm Jung, nach einer Zeit längeren Unwohlseins, das «Rote Buch» wieder hervor, um das letzte, unvollendet gebliebene Bild fertigzustellen. Er konnte oder wollte es jedoch auch jetzt nicht vollenden. Es habe, so sagte er, mit dem Tod zu tun. Stattdessen schrieb er ein neues längeres Phantasiegespräch auf, welches an eines der frühesten Gespräche dieses Buches anknüpft. Die Gesprächspartner waren wiederum Ellas, Salome und die Schlange. Auch diesmal schrieb er sorgfältig mit schwarzer Tusche in der abgekürzten gotischen Schrift. Gelegentlich waren die Anfangsbuchstaben mit Malereien verziert.

Als Abschluß folgt ein Nachtrag, den er als einzige Seite dieses Buches in seiner gewöhnlichen Handschrift niederschrieb; sie bricht mitten in einem Satz ab. Dies ist der Wortlaut:

«1959.

Ich habe an diesem Buch 16 Jahre lang gearbeitet. Die Bekanntschaft mit der Alchemie 1930 hat mich davon weggenommen. Der Anfang vom Ende kam 1928, als mir Wilhelm den Text der «Goldenen Blüte», dieses alchemistischen Traktates sandte. Da fand der Inhalt dieses Buches den Weg in die Wirklichkeit. Ich konnte nicht mehr daran arbeiten.

Dem oberflächlichen Betrachter wird es wie eine Verrücktheit vorkommen. Es wäre auch zu einer solchen geworden, wenn ich die überwältigende Kraft der ursprünglichen Erlebnisse nicht hätte auffangen können. Ich wußte immer, daß jene Erlebnisse Kostbares enthielten, und darum wußte ich nichts Besseres als sie in ein .kostbares', d. h. teures Buch aufzuschreiben und die beim Wiedererleben auftretenden Bilder zu malen - so gut dies eben ging. Ich weiß, wie erschreckend inadaequat diese Unternehmung war, aber trotz vieler Arbeit und Ablenkung blieb ich ihr getreu, auch wenn ich nie eine andere Möglichkeit...»