*Nur in der deutschen Ausgabe.
Septem Sermones ad Mortuosl (1916)
Jung ließ die «Septem Sermones ad Mortuos» (sieben Reden an die Toten) als Broschüre im Privatdruck erscheinen. Er verschenkte sie gelegentlich an Freunde. Im Buchhandel war sie nie erh ältlich. Später bezeichnete er die Unternehmung als eine «Jugendsünde» und bereute sie.
Die Sprache entspricht ungefähr derjenigen des «Roten Buches». Gegenüber den endlos langen Gesprächen mit inneren Figuren im «Roten Buch» stellen die «Septem Sermones» ein in sich abgeschlossenes Ganzes dar. Darum wurden sie als Beispiel gewählt. Sie vermitteln einen, wenn auch bruchstückhaften, Eindruck dessen, was Jung in den Jahren 1913 bis 1917 in Atem gehalten, und was er damals gestaltet hatte.
Die Schrift enthält bildhafte Andeutungen oder Vorwegnahmen von Gedanken, die in Jungs wissenschaftlichem Werk später eine Rolle spielten, vor allem die Gegensatznatur des Geistes, des Lebens und der psychologischen Aussage. Das Denken in Paradoxien war es, das Jung bei den Gnostikern angezogen hatte. Deshalb identifizierte er sich hier mit dem Gnostiker Basilides (anfangs des 2. Jahrhunderts n. Chr.) und hielt sich zum Teil auch an dessen Terminologie, z. B. Gott als ABRAXAS. Dies entsprach einer spielerischen und beabsichtigten Mystifizierung.
Jung gab seine Erlaubnis zur Publikation in seinem Erinnerungsbuch nur zögernd und nur «um der Ehrlichkeit willen». Die Auflösung des Anagramms am Schluß des Buches hat er nicht verraten.
• Nur in der deutschen Ausgabe.
VII SERMONES AD MORTUOS
Die sieben Belehrungen der Toten. Geschrieben von Basilides in Alexandria, der Stadt, wo der Osten den Westen berührt.
Sermo I
Die toten kamen zurück von Jerusalem, wo sie nicht fanden, was sie suchten. Sie begehrten bei mir einlaß und verlangten bei mir lehre und so lehrte ich sie:
Höret: ich beginne beim nichts. Das Nichts ist dasselbe wie die Fülle. In der Unendlichkeit ist voll so gut wie leer. Das Nichts ist leer und voll. Ihr könnt auch ebenso gut etwas anderes vom nichts sagen, z. B. es sei weiß oder schwarz oder es sei nicht, oder es sei. Ein unendliches und ewiges hat keine eigenschaften, weil es alle eigenschaften hat.
Das Nichts oder die Fülle nennen wir das PLEROMA. Dort drin hört denken und sein auf, denn das ewige und unendliche hat keine eigenschaften. In ihm ist keiner, denn er wäre dann vom Pieroma unterschieden und hätte eigenschaften, die ihn als etwas vom Pieroma unterschieden.
Im Pieroma ist nichts und alles: es lohnt sich nicht über das Pleroma nachzudenken, denn das hieße: sich selber auflösen.
Die CREATUR ist nicht im Pleroma, sondern in sich. Das Pleroma ist anfang und ende der Creatur. Es geht durch sie hindurch, wie das Sonnenlicht die luft überall durchdringt. Obschon das Pleroma durchaus hindurch geht, so hat die Creatur doch nicht theil daran, so wie ein vollkommen durchsichtiger körper weder hell noch dunkel wird durch das licht, das durch ihn hindurch geht.
Wir sind aber das Pleroma selber, denn wir sind ein theil des ewigen und unendlichen. Wir haben aber nicht theil daran, sondern sind vom Pleroma unendlich weit entfernt, nicht räumlich oder zeitlich, sondern WESENTLICH, indem wir uns im wesen vom Pleroma unterscheiden als Creatur, die in zeit und räum beschränkt ist.
Indem wir aber theile des Pleroma sind, so ist das Pleroma auch in uns. Auch im kleinsten punkt ist das Pleroma unendlich, ewig und ganz, denn klein und groß sind eigenschaften, die in ihm enthalten sind. Es ist das Nichts, das überall ganz ist und unaufhörlich. Daher rede ich von der Creatur als einem theile des Pleroma, nur sinnbildlich, denn das Pleroma ist wirklich nirgends geteilt, denn es ist das Nichts. Wir sind auch das ganze Pleroma, denn sinnbildlich ist das Pleroma der kleinste nur angenommene, nicht seiende punkt in uns und das unendliche weltgewölbe um uns. Warum aber sprechen wir denn überhaupt vom Pleroma, wenn es doch Alles und Nichts ist?
Ich rede davon, um. irgendwo zu beginnen, und um euch den wähn zu nehmen, daß irgendwo außen oder innen ein von vornherein festes oder
irgendwie bestimmtes sei. Alles sogenannte feste oder bestimmte ist nur verhältnismäßig. Nur das dem wandel unterworfene ist fest und bestimmt.
Das wandelbare aber ist die Creatur, also ist sie das einzig feste und bestimmte, denn sie hat eigenschaften, ja sie ist selber Eigenschaft.
Wir erheben die frage: wie ist die Creatur entstanden? Die Creaturen sind entstanden, nicht aber die Creatur, denn sie ist die eigenschaft des Pieroma selber, so gut wie die nichtschöpfung, der ewige Tod. Creatur ist immer und überall, Tod ist immer und überall. Das Pieroma hat alles, un-terschiedenheit und ununterschiedenheit.
Die Unterschiedenheit ist die Creatur. Sie ist unterschieden. Unterschiedenheit ist ihr wesen, darum unterscheidet sie auch. Darum unterscheidet der Mensch, denn sein wesen ist unterschiedenheit. Darum unterscheidet er auch die eigenschaften des Pieroma, die nicht sind. Er unterscheidet sie aus seinem wesen heraus. Darum muß der Mensch von den eigenschaften des Pieroma reden, die nicht sind.
Ihr sagt: Was nützt es, davon zu reden? Du sagtest doch selbst, es lohne sich nicht, über das Pieroma zu denken.
Ich sagte euch das, um euch vom wähne zu befreien, daß man über das Pieroma denken könne. Wenn wir die eigenschaften des Pieroma unterscheiden, so reden wir aus unsrer unterschiedenheit und über unsre unterschiedenheit, und haben nichts gesagt über das Pieroma. Ueber unsere unterschiedenheit aber zu reden ist notwendig, damit wir uns genügend unterscheiden können. Unser wesen ist unterschiedenheit. Wenn wir diesem wesen nicht getreu sind, so unterscheiden wir uns ungenügend. Wir müssen darum Unterscheidungen der eigenschaften machen.
Ihr fragt: Was schadet es, sich nicht zu unterscheiden? Wenn wir nicht unterscheiden, dann geraten wir über unser wesen hinaus, über die Creatur hinaus und fallen in die ununterschiedenheit, die die andere eigenschaft des Pieroma ist. Wir fallen in das Pieroma selber und geben es auf, Creatur zu sein. Wir verfallen der auflösung im Nichts.
Das ist der Tod der Creatur. Also sterben wir in dem maße, als wir nicht unterscheiden. Darum geht das natürliche streben der Creatur auf unterschiedenheit, kämpf gegen uranfängliche, gefährliche gleichheit. Dieß nennt man das PRINCIPIUM INDIVIDUATIONIS. Dieses princip ist das wesen der Creatur. Ihr seht daraus, warum die ununterschiedenheit und das nicht-unterscheiden eine große gefahr für die Creatur ist.
Darum müssen wir die eigenschaften des Pieroma unterscheiden. Die eigenschaften sind die GEGENSATZPAARE, als
das Wirksame & das Unwirksame,
die Fülle & die Leere,
das Lebendige & das Tote,
das Verschiedene & das Gleiche,
das Helle & das Dunkle,
das Heiße & das Kalte,
Die Kraft & der Stoff,
die Zeit & der Raum,
das Gute & das Böse,
das Schöne & das Häßliche,
das Eine & das Viele, etc.
Die gegensatzpaare sind die eigenschaften des Pieroma, die nicht sind, weil sie sich aufheben.
Da wir das Pieroma selber sind, so haben wir auch alle diese eigenschaf-ten in uns; da der grund unsres wesens unterschiedenheit ist, so haben wir die eigenschaften im namen und zeichen der unterschiedenheit, das bedeutet: