erstens: die eigenschaften sind in uns von einander unterschieden und geschieden, darum heben sie sich nicht auf, sondern sind wirksam. Darum sind wir das opfer der gegensatzpaare. In uns ist das Pieroma zerrissen.
zweitens: Die eigenschaften gehören dem Pieroma, und wir können und sollen sie nur im namen und zeichen der unterschiedenheit besitzen oder leben. Wir sollen uns von den eigenschaften unterscheiden. Im Pieroma heben sie sich auf, in uns nicht. Unterscheidung von ihnen erlöst.
Wenn wir nach dem Guten oder Schönen streben, so vergessen wir unsres wesens, das unterschiedenheit ist und wir verfallen den eigenschaften des Pieroma, als welche die gegensatzpaare sind. Wir bemühen uns, das Gute und Schöne zu erlangen, aber zugleich auch erfassen wir das Böse und Häßliche, denn sie sind im Pieroma eins mit dem Guten und Schönen. Wenn wir aber unserm wesen getreu bleiben, nämlich der unterschiedenheit, dann unterscheiden wir uns vom Guten und Schönen, und darum auch vom Bösen und Häßlichen, und wir fallen nicht ins Pieroma, nämlich in das nichts und in die auflösung.
Ihr werfet ein: Du sagtest, daß das Verschiedene und Gleiche auch eigenschaften des Pieroma seien. Wie ist es, wenn wir nach Verschiedenheit streben? Sind wir dann nicht unserm wesen getreu? und müssen wir dann auch der gleichheit verfallen, wenn wir nach Verschiedenheit streben?
Ihr sollt nicht vergessen, daß das Pieroma keine eigenschaften hat. Wir erschaffen sie durch das denken. Wenn ihr also nach Verschiedenheit oder gleichheit oder sonstigen eigenschaften strebt, so strebt ihr nach gedanken, die euch aus dem Pieroma zufließen, nämlich gedanken über die nichtseien-den eigenschaften des Pieroma. Indem ihr nach diesen gedanken rennt, fallet ihr wiederum ins Pieroma und erreicht Verschiedenheit und gleichheit zugleich. Nicht euer denken, sondern euer wesen ist unterschiedenheit. Darum sollt ihr nicht nach Verschiedenheit, wie ihr sie denkt, streben, sondern NACH EUERM WESEN. Darum giebt es im gründe nur ein streben, nämlich das streben nach dem eigenen wesen. Wenn ihr dieses streben hättet, so brauchtet ihr auch gar nichts über das Pieroma und seine eigenschaften zu wissen und kämet doch zum richtigen ziele kraft eures wesens. Da aber das denken vom wesen entfremdet, so muß ich euch das wissen lehren, womit ihr euer denken im zäume halten könnet.
Sermo II
Die toten standen in der nacht den wänden entlang und riefen:
Von Gott wollen wir wissen, wo ist Gott? ist Gott tot? Gott ist nicht tot, er ist so lebendig wie je. Gott ist Creatur, denn er ist etwas bestimmtes und darum vom Pieroma unterschieden. Gott ist eigen-schaft des Pieroma, und alles, was ich von der Creatur sagte, gilt auch von ihm.
Er unterscheidet sich aber von der Creatur dadurch, daß er viel undeutlicher und unbestimmbarer ist, als die Creatur. Er ist weniger unterschieden als die Creatur, denn der grund seines wesens ist wirksame Fülle, und nur insofern er bestimmt und unterschieden ist, ist er Creatur, und insofern ist er die Verdeutlichung der wirksamen Fülle des Pieroma.
Alles, was wir nicht unterscheiden, fällt ins Pieroma und hebt sich mit seinem gegensatz auf. Darum, wenn wir Gott nicht unterscheiden, so ist die wirksame Fülle für uns aufgehoben.
Gott ist auch das Pieroma selber, wie auch jeder kleinste punkt im geschaffenen und im ungeschaffenen das Pieroma selber ist.
Die wirksame Leere ist das wesen des Teufels. Gott und Teufel sind die ersten Verdeutlichungen des Nichts, das wir Pieroma nennen. Es ist gleichgültig, ob das Pieroma ist, oder nicht ist, denn es hebt sich in allem selber auf. Nicht so die Creatur. Insofern Gott und Teufel Creaturen sind, heben sie sich nicht auf, sondern bestehen gegen einander als wirksame gegensätze. Wir brauchen keinen beweis für ihr sein, es genügt, daß wir immer wieder von ihnen reden müssen. Auch wenn beide nicht wären, so würde die Creatur aus ihrem wesen der unterschiedenheit heraus, sie immer wieder aus dem Pieroma heraus unterscheiden.
Alles was die Unterscheidung aus dem Pieroma herausnimmt, ist Gegensatzpaar, daher zu Gott immer auch der Teufel gehört.
Diese Zusammengehörigkeit ist so innig, und wie ihr erfahren habet, auch in euerm Leben so unauflösbar, wie das Pieroma selber. Das kommt davon, daß die beiden ganz nahe am Pieroma stehen, in welchem alle gegensätze aufgehoben und eins sind.
Gott und Teufel sind unterschieden durch voll und leer, zeugung und Zerstörung. Das WIRKENDE ist ihnen gemeinsam. Das Wirkende verbindet sie. Darum steht das Wirkende über beiden und ist ein Gott über Gott, denn es vereinigt die Fülle und die Leere in ihrer Wirkung.
Dies ist ein Gott, von dem ihr nicht wußtet, denn die Menschen vergaßen ihn. Wir nennen ihn mit seinem namen ABRAXAS. Er ist noch unbestimmter als Gott und Teufel.
Um Gott von ihm zu unterscheiden, nennen wir Gott HELIOS oder Sonne.
Der Abraxas ist Wirkung, ihm steht nichts entgegen, als das unwirkliche, daher seine wirkende natur sich frei entfaltet. Das unwirkliche ist nicht, und widersteht nicht. Der Abraxas steht über der Sonne und über dem Teufel. Er ist das unwahrscheinlich wahrscheinliche, das unwirklich wirkende. Hätte das Pieroma ein wesen, so wäre der Abraxas seine Verdeutlichung.
Er ist zwar das wirkende selbst, aber keine bestimmte Wirkung, sondern Wirkung überhaupt.
Er ist unwirklich wirkend, weil er keine bestimmte Wirkung hat.
Er ist auch Creatur, da er vom Pieroma unterschieden ist.
Die Sonne hat eine bestimmte Wirkung, ebenso der Teufel, daher sie uns viel wirksamer erscheinen als der unbestimmbare Abraxas.
Er ist Kraft, Dauer, Wandel.
Hier erhoben die toten großen tumult, denn sie waren Christen.
SermoIII
Die toten kamen heran wie nebel aus sümpfen und riefen: Rede uns weiter über den obersten Gott.
Der Abraxas ist der schwer erkennbare Gott. Seine macht ist die größte, denn der Mensch sieht sie nicht. Von der Sonne sieht er das summum bonum, vom Teufel das infimum malum, vom Abraxas aber das in allen Hinsichten unbestimmte LEBEN, welches die mutter des guten und des übels ist. Das Leben scheint kleiner und schwächer zu sein als das summum bonum, weshalb es auch schwer ist zu denken, daß der Abraxas an macht sogar die Sonne übertreffe, die doch der strahlende quell aller lebenskraft selber ist.
Der Abraxas ist Sonne und zugleich der ewig saugende schlund des Leeren, des verkleinerers und zerstücklers, des Teufels.
Die macht des Abraxas ist zwiefach. Ihr seht sie aber nicht, denn in euern äugen hebt sich das gegeneinandergerichtete dieser macht auf.
Was Gott Sonne spricht, ist leben,
was der Teufel spricht, ist tod.
Der Abraxas aber spricht das verehrungswürdige und verfluchte wort, das leben und tod zugleich ist.
Der Abraxas zeugt Wahrheit und lüge, gutes und böses, licht und finster-niß im selben wort, und in derselben tat. Darum ist der Abraxas furchtbar.
Er ist prächtig wie der löwe im augenblick, wo er sein Opfer niederschlägt. Er ist schön wie ein frühlingstag.
Ja, er ist der große Pan selber und der kleine. Er ist Priapos.
Er ist das monstrum der unterweit, ein polyp mit tausend armen, beflügeltes schlangengeringel, raserei.
Er ist der Hermaphrodit des untersten anfanges.
Er ist der Herr der kröten und frösche, die im wasser wohnen und an's land steigen, die am mittag und um mitternacht im chore singen.
Er ist das Volle, das sich mit dem Leeren einigt.
Er ist die heilige begattung,
Er ist die liebe und ihr mord,
Er ist der heilige und sein Verräter.