Er ist das hellste licht des tages und die tiefste nacht des Wahnsinns
Ihn sehen, heißt blindheit,
Ihn erkennen heißt krankheit,
Ihn anbeten heißt tod,
Ihn fürchten heißt Weisheit, •
Ihm nicht widerstehen heißt erlösung.
Gott wohnt hinter der sonne, der Teufel wohnt hinter der nacht. Was Gott aus dem licht gebiert, zieht der T eufel in die nacht. Der Abraxas aber ist die weit, ihr werden und vergehen selber. Zu jeder gäbe des Gottes Sonne stellt der Teufel seinen fluch.
Alles, was ihr vom Gott Sonne erbittet, zeugt eine tat des Teufels.
Alles, was ihr mit Gott Sonne erschafft, giebt dem Teufel gewalt des wirkens.
Das ist der furchtbare Abraxas.
Er ist die gewaltigsteCreatur und in ihm erschrickt die Creatur vor sich selbst. Er ist der geoffenbarte widerspruch der Creatur gegen das Pieroma und sein nichts. Er ist das entsetzen des sohnes vor der mutter.
Er ist die liebe der mutter zum söhne.
Er ist das entzücken der erde und die grausamkeit der himmel.
Der Mensch erstarrt vor seinem antlitz.
Vor ihm giebt es nicht frage und nicht antwort.
Er ist das leben der Creatur.
Er ist das wirken der Unterschiedenheit.
Er ist die liebe des menschen.
Er ist die rede des menschen.
Er ist der schein und der schatten des menschen.
Er ist die täuschende Wirklichkeit.
Hier heulten und tobten die toten, denn sie waren unvollendete.
Sermo IV
Die toten füllten murrend den räum und sprachen:
Rede zu uns von Göttern und Teufeln, verfluchter.
Gott Sonne ist das höchste gut, der Teufel das gegenteil, also habt ihr zwei götter. Es giebt aber viele hohe guter und viele schwere übel, und darunter giebt es zwei
gottteufel, der eine ist das BRENNENDE und der andere das WACHSENDE.
Das Brennende ist der EROS in gestalt der flamme. Sie leuchtet, indem sie verzehrt. Das Wachsende ist der BAUM DES LEBENS, er grünt, indem er wachsend lebendigen Stoff anhäuft.
Der Eros flammt auf und stirbt dahin, der Lebensbaum aber wächst langsam und stätig durch ungemessene zelten. Gutes und übles einigt sich in der flamme. Gutes und übles einigt sich im Wachstum des baumes. Leben und liebe stehen in ihrer göttlichkeit gegeneinander. Unermeßlich, wie das heer der sterne ist die zahl der götter und teufel. Jeder stern ist ein gott und jeder räum, den ein stern füllt, ist ein teufel.
Das leervolle des ganzen aber ist das Pieroma.
Die Wirkung des ganzen ist der Abraxas, nur unwirkliches steht ihm entgegen. Vier ist die zahl der hauptgötter, denn vier ist die zahl der ausmessungen der Welt.
Eins ist der anfang, der Gott Sonne.
Zwei ist der Eros, denn er verbindet zwei und breitet sich leuchtend aus. Drei ist der Baum des lebens, denn er füllt den räum mit körpern. Vier ist der Teufel, denn er öffnet alles geschlossene; er löst auf alles
geformte und körperliche; er ist der Zerstörer, in dem alles zu nichts wird. Wohl mir, daß es mir gegeben ist, die Vielheit und verschiedenartigkeit
der götter zu erkennen. Wehe euch, daß ihr diese unvereinbare Vielheit
durch den einen Gott ersetzt. Dadurch schafft ihr die quäl des nichtver-stehens und die Verstümmelung der Creatur, deren wesen und trachten unterschiedenheit ist. Wie seid ihr eurem wesen getreu, wenn ihr das viele zum einen machen wollt? Was ihr an den göttern tut, geschieht auch an euch. Ihr werdet alle gleich gemacht und so ist euer
wesen verstümmelt.
Um des Menschen willen herrsche gleichheit, aber nicht um gottes willen, denn der
götter sind viele, der menschen aber wenige. Die götter sind mächtig, und ertragen ihre
mannigfaltigkeit, denn wie die Sterne stehen sie in einsamkeit und ungeheurer
entfernung von einander. Die menschen sind schwach und ertragen ihre
mannigfaltigkeit nicht, denn sie wohnen nahe beisammen und bedürfen der
gemeinschaft, um ihre besonderheit tragen zu können. Um der erlösung willen lehre ich
euch das verwerfliche, um des-sentwillen ich verworfen ward.
Die Vielzahl der götter entspricht der Vielzahl der menschen.
Unzählige götter harren der menschwerdung. Unzählige götter sind menschen
gewesen. Der Mensch hat am wesen der götter teil, er kommt von den göttern und geht
zum Gotte.
So, wie es sich nicht lohnt über das Pieroma nachzudenken, so lohnt es sich nicht, die Vielheit der götter zu verehren. Am wenigsten lohnt es sich, den erst en
Gott, die wirksame Fülle und das summum bonum, zu verehren. Wir können durch
unser gebet nichts dazu tun und nichts davon nehmen, denn die wirksame Leere
schluckt alles in sich auf. Die hellen götter bilden die himmelswelt, sie ist vielfach und
unendlich sich erweiternd und vergrößernd. Ihr oberster herr ist der Gott Sonne. Die dunkeln götter bilden die erdenwelt. Sie sind einfach und unendlich sich
verkleinernd und vermindernd. Ihr unterster herr ist der Teufel, der mondgeist, der
trabant der erde, kleiner und kälter und toter als die erde.
Es ist kein unterschied in der macht der himmlischen und der erdhaften götter. Die
himmlischen vergrößern, die erdhaften verkleinern. Unermeßlich ist beiderlei richtung.
Sermo V
Die toten spotteten und riefen: lehre uns, narr, von Kirche und heiliger gemeinschaft.
Die weit der götter verdeutlicht sich in der geistigkeit und in der geschlechtlichkeit. Die himmlischen erscheinen in der geistigkeit, die erdhaften in der geschlechtlichkeit.
Geistigkeit empfängt und erfaßt. Sie ist weiblich und darum nennen wir sie die
MATER COELESTIS, die himmlische mutter. Geschlechtlichkeit zeugt und erschafft. Sie ist männlich und darum nennen'wir sie PHALLOS, den erdhaften vater. Die
geschlechtlichkeit des mannes ist mehr erdhaft, die geschlechtlichkeit des weibes ist mehr geistig. Die geistigkeit des mannes ist mehr himmlisch, sie geht zum größeren.
Die geistigkeit des weibes ist mehr erdhaft, sie geht zum kleineren.
Lügnerisch und teuflisch ist die geistigkeit des mannes, die zum kleineren geht.
Lügnerisch und teuflisch ist die geistigkeit des weibes, die zum größern geht. Jeder gehe zu seiner Stelle.
Mann und weib werden an einander zum teufel, wenn sie ihre geistigen wege nicht trennen, denn das wesen der Creatur ist unterschiedenheit.
Die geschlechtlichkeit des mannes geht zum erdhaften, die geschlechtlichkeit des weibes geht zum geistigen. Mann und weib werden aneinander zum teufel, wenn sie ihre geschlechtlichkeit nicht trennen.
Der Mann erkenne das kleinere, das weib das größere.
Der Mensch unterscheide sich von der geistigkeit und von der geschlechtlichkeit. Er nenne die geistigkeit Mutter und setze sie zwischen himmel und erde. Er nenne die geschlechtlichkeit Phallos und setze ihn zwischen sich und die Erde, denn die Mutter und der Phallos sind übermenschliche dae-monen und Verdeutlichungen der götterwelt. Sie sind uns wirksamer als die götter, weil sie unserm wesen nahe verwandt sind. Wenn ihr euch von geschlechtlichkeit und von geistigkeit nicht unterscheidet und sie nicht als wesen über euch und um euch betrachtet, so verfallt ihr ihnen als eigen-schatten des Pieroma. Geistigkeit und geschlechtlichkeit sind nicht eure eigenschaften, nicht dinge, die ihr besitzt und umfaßt, sondern sie besitzen und umfassen euch, denn sie sind mächtige daemonen, erscheinungsformen der götter, und darum dinge, die über euch hinaus reichen und an sich bestehen. Es hat einer nicht eine geistigkeit für sich oder eine geschlechtlichkeit für sich, sondern er steht unter dem gesetz der geistigkeit und der geschlechtlichkeit. Darum entgeht keiner diesen daemonen. Ihr sollt sie ansehen als daemonen und als gemeinsame Sache und gefahr, als gemeinsame last, die das leben euch aufgebürdet hat. So ist euch auch das leben eine gemeinsame sache und gefahr, ebenso auch die götter und zuvörderst der furchtbare Abraxas.