Der Mensch ist schwach, darum ist gemeinschart unerläßlich; ist es nicht die gemeinschaft im zeichen der mutter, so ist es sie im zeichen des Phallos. Keine gemeinschaft ist leiden und krankheit. Gemeinschaft in jeglichem ist Zerrissenheit und auflösung.
Die Unterschiedenheit führt zum einzelsein. Einzelsein ist gegen gemeinschaft. Aber um der schwäche des menschen willen gegenüber den göttern und daemonen und ihrem unüberwindlichen gesetz ist gemeinschaft nötig. Darum sei so viel gemeinschaft als nötig, nicht um der menschen willen, sondern wegen der götter. Die götter zwingen euch zur gemeinschaft. So viel sie euch zwingen, so viel gemeinschaft tut not, mehr ist von uebel.
In der gemeinschaft ordne sich jeder dem ändern unter, damit die gemeinschaft erhalten bleibe, denn ihr bedürft ihrer.
Im einzelsein ordne sich einer dem ändern über, damit jeder zu sich selber komme und Sklaverei vermeide.
In der gemeinschaft gelte enthaltung,
Im einzelsein gelte Verschwendung.
Die gemeinschaft ist die tiefe,
das einzelsein ist höhe.
Das richtige maaß in gemeinschaft reinigt und erhält. Das richtige maaß im einzelsein reinigt und fügt hinzu. Die gemeinschaft giebt uns die wärme,
das einzelsein giebt uns das licht.
Sermo VI
Der daemon der geschlechtlichkeit tritt zu unsrer seele als eine schlänge. Sie ist zur hälfte menschenseele und heißt gedankenwunsch.
Der daemon der geistigkeit senkt sich in unsre seele herab als der weiße vogel. Er ist zur hälfte menschenseele und heißt wunschgedanke.
Die Schlange ist eine erdhafte seele, halb daemonisch, ein geist und verwandt den geistern der toten. Wie diese, so schwärmt auch sie herum in den dingen der erde und bewirkt, daß wir sie fürchten, oder daß sie unsere Begehrlichkeit reizen. Die schlänge ist weiblicher natur und sucht immer die gesellschaft der toten, die an die erde gebannt sind, solche, die den weg nicht hinüberfanden, nämlich ins einzelsein. Die schlänge ist eine hure und buhlt mit dem teufel und mit den bösen geistern, ein arger tyrann und quälgeist, immer zu übelster gemeinschaft verführend. Der weiße vogel ist eine halbhimmlische seele des menschen. Sie weilt bei der Mutter und steigt bisweilen herab. Der vogel ist männlich und ist wirkender gedanke. Er ist keusch und einsam, ein böte der Mutter. Er fliegt hoch über die erde. Er gebietet das einzelsein. Er bringt künde von den fernen, die vorangegangen und vollendet sind. Er trägt unser wort hinauf zur Mutter. Sie tut fürbitte, sie warnt, aber sie hat keine macht gegen die götter. Sie ist ein gefäß der sonne. Die schlänge geht hinunter und lahmt mit list den phallischen daemon oder stachelt ihn an. Sie trägt empor die überschlauen gedanken des erdhaften, die durch alle löcher kriechen und mit begehrlichkeit sich überall ansaugen. Die schlänge will es zwar nicht, aber sie muß uns nützlich sein. Sie entflieht unserm griffe und zeigt uns so den weg, den wir aus menschenwitz nicht fanden.
Die toten blickten mit Verachtung und sprachen: Höre auf von göttern, daemonen und seelen zu reden. Das wußten wir im gründe schon längst.
Sermo VII
Des nachts aber kamen die toten wieder mit kläglicher gebärde und sprachen: Noch eines, wir vergaßen davon zu reden, lehre uns vom Menschen.
Der mensch ist ein thor, durch das ihr aus der außenweit der götter, daemonen und seelen eintretet in die innenweit, aus der größeren weit in die kleinere weit. Klein und nichtig ist der mensch, schon habt ihr ihn im rücken, und wiederum seid ihr im unendlichen räume, in der kleineren oder inneren Unendlichkeit.
In unermeßlicher entfernung steht ein einziger stern im zenith.
Dies ist der eine Gott dieses einen, dies ist seine weit, sein Pieroma, seine göttlichkeit.
In dieser weit ist der mensch der Abraxas, der seine weit gebiert oder verschlingt.
Dieser stern ist der Gott und das ziel des menschen.
Dies ist sein einer führender Gott,
in ihm geht der mensch zur ruhe,
zu ihm geht die lange reise der seele nach dem tode, in ihm erglänzt als licht alles, was der mensch aus der größeren weit zurückzieht.
Zu diesem einen bete der mensch.
Das gebet mehrt das licht des Sternes,
es schlägt eine brücke über den tod,
es bereitet das leben der kleineren weit,
und mindert das hoffnungslose wünschen der größeren weit.
Wenn die größere weit kalt wird, leuchtet der stern.
Nichts ist zwischen dem Menschen und seinem einen Gotte, sofern der Mensch seine äugen vom flammenden Schauspiel des Abraxas abwenden kann.
Mensch hier, Gott dort.
Schwachheit und nichtigkeit hier, ewige Schöpferkraft dort.
Hier ganz dunkelheit und feuchte kühle,
Dort ganz Sonne.
Darauf schwiegen die toten und stiegen empor wie rauch über dem reuer des hirten, der des nachts seiner herde wartete.
ANAGRAMMA: NAHTRIHECCUNDE GAHINNEVERAHTUNIN ZEHGESSURKLACH ZUNNUS.
Einiges über C. G. Jungs Familie * von Aniela Jaffé
Die Familie Jung stammt ursprünglich aus Mainz. Bei der Belagerung durch die Franzosen 1688 wurden, wie Jung im Kapitel «Der Turm» bereits erwähnte, die Archive verbrannt, so daß der Stammbaum nur bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts zurückverfolgt werden kann. Jungs Urgroßvater, der Arzt Franz Ignaz Jung (1759-1831) zog von Mainz nach Mannheim. In den Napoleonischen Feldzügen leitete er ein Lazarett. Sein Bruder, der später geadelte Sigismund von Jung (1745-1824) war bayrischer Kanzler. Er war mit der jüngsten Schwester von Schleiermacher verheiratet.
Die bekannteste Persönlichkeit aus Jungs väterlicher Ahnenreihe ist sein in Mannheim geborener Großvater Carl Gustav Jung (1794-1864), den ein seltsames Geschick mit achtundzwanzig Jahren in die Schweiz führte. Über die im Buch zweimal erwähnte Legende, daß sein Großvater ein illegitimer Sohn Goethes gewesen sei, erzählte Jung noch folgendes:
«Die nachmalige Frau meines Urgroßvaters Franz Ignaz Jung, Sophie Ziegler, und deren Schwester standen dem Mannheimer Theater nahe, und zahlreiche Dichter gehörten zu ihrem Freundeskreis. Es wird behauptet, daß Sophie Ziegler einen unehelichen Sohn von Goethe gebar, und daß das Kind mein Großvater Carl Gustav Jung gewesen sei. Das galt sozusagen als ausgemachte Tatsache. In seinen Tagebüchern erwähnt mein Großvater jedoch nichts davon. Er erzählt lediglich, er habe Goethe noch in Weimar gesehen, und nur von hinten! Sophie Jung-Ziegler war später befreundet mit Lotte Kestner, einer Nichte von Goethes Lottchen. Sie kam oft zu Besuch wie übrigens auch Franz Liszt - um meinen Großvater zu sehen. In späteren Jahren ließ sich Lotte Kestner -wahrscheinlich wegen der freundschaftlichen Beziehungen zum
* Neben Jungs mündlichen Erzählungen benutzte ich das sogenannte «Familienbuch», einen in Pergament gebundenen Folioband, der alte Briefe und Dokumente enthält, und von Jung fortlaufend ergänzt wurde, ferner das Tagebuc h seines Großvaters Carl Gustav Jung (Herausgegeben von dessen Sohn Ernst Jung, o. J.) und zwei Artikel von M. H. Koelbing «Wie Carl Gustav Jung Basler Professor wurde» (Basler Nachrichten, 26. September 1954) und «C. G. Jungs Basler Vorfahren» (Basler Nachrichten, 24. Juli 1955). Außerdem standen mir die Ergebnisse einer 1928 bis 1929 in Auftrag gegebenen Familienforschung zur Verfügung. (Der Abschnitt über C. G. Jungs Familie befindet sich nur in der deutschen Ausgabe.)