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Hause Jung - in Basel nieder. Auch zu ihrem Bruder, dem Legationsrat Kestner, der in Rom lebte, und in dessen Hause Goethes Sohn Karl August noch kurz vor seinem Tode weilte, stand mein Großvater in Beziehung.»

Aus den vorhandenen Quellen, dem Archiv im Goethehaus in Frankfurt a. Main und dem Taufregister des erzbischöflichen Stadtpfarramtes (Jesuitenkirche) in Mannheim, ließ sich nichts nachweisen. Zur fraglichen Zeit war Goethe nicht in Mannheim, und ob Sophie Ziegler ihrerseits sich in Weimar oder in Goethes Nähe aufgehalten hat, ist nicht festzustellen.

Jung sprach nicht ohne ein gewisses Behagen über die sich hartnäckig behauptende Legende; denn sie eröffnete ihm einen hintergründigen Aspekt seiner Faszination durch Goethes «Faust», sie gehörte sozusagen in die Welt von «Nr. 2». Andererseits bezeichnete er das Gerücht als «ärgerlich». Er fand es «von schlechtem Geschmack», und es gäbe «nur allzuviele Narren, die solche Geschichten vom »unbekannten Vater' erzählten». Vor allem aber erschien ihm auch die legitime Aszendenz, insbesondere durch den gelehrten Katholiken Dr. med. et jur. Carl Jung (gest. 1654), dem Rektor der Universität Mainz, von dem am Ende des Kapitels «Der Turm» die Rede ist, als sinnvoll.

Carl Gustav Jung studierte in Heidelberg Naturwissenschaften und Medizin und bestand dort 1816 sein Doktorexamen summa cum laude. Zum Gelächter von ganz Heidelberg, so erzählt Jung, habe er sich als Student ein Schweinchen gehalten, das er anstelle eines Hundes in der Stadt spazieren führte. Bereits mit vierund-zwanzig Jahren wurde er chirurgischer Assistent des Augenarztes Rust an der Charite in Berlin und zugleich Dozent für Chemie an der dortigen Königlich-Preussischen Kriegsschule. Damals lagen die verschiedenen Disziplinen noch enger beisammen als heute!

Während seiner Berliner Jahre wohnte er (wahrscheinlich seit Ende 1817) im Hause des Buchhändlers und Verlegers Georg Andreas Reimer. Er war dort wie ein Kind im Hause, und Frau Reimer behandelte ihn zeit ihres Lebens als Sohn. Hier traf er einen Kreis bedeutender Menschen, zu denen auch die Brüder Schlegel, Ludwig Tieck und Friedrich Schleiermacher gehörten. Unter Einfluß des letzteren trat er - er war Katholik - zum Protestantismus über.

Die literarischen Kreise Berlins standen dem jungen Arzt von Anfang an offen. Er selber hatte eine gewisse dichterische Bega

AHNENTAFEL

Dr. med. jur. Carl Jung (gc.1654)

bung, und eines seiner Gedichte wurde in das «Teutsche Liederbuch» aufgenommen.

Seine Jugend fiel in eine politisch bewegte Zeit. Als junger Mann machte er bei den Turnern des «Turnvaters» Jahn (1778-1852) mit und nahm auch am großen Wartburgfest teil *. Hier taten die Studenten aus ganz Deutschland ihren Wunsch nach einem freien und geeinten Deutschland kund. Als zwei Jahre später der mit Jung befreundete Theologiestudent und Burschenschafter Karl Ludwig Sand (geb. 1795) den wegen seiner reaktionären Gesinnung und als Spion verpönten deutschen Dichter und russischen Staatsrat August Kotzebue (1761-1819) ermordete, wurden alle Burschenschaften und Turnvereine unterdrückt. Zahlreiche freiheitlich gesinnte Akademiker wurden als «Demagogen» verhaftet. Unter ihnen auch Carl Gustav Jung, in dessen Besitz die Polizei ein Geschenk des Mörders fand, nämlich einen Hammer für mineralogische Untersuchungen. (In den Berichten ist bezeichnenderweise immer von einem Beil die Rede!) Er wurde in der Berliner Hausvogtei in Haft gesetzt, nach dreizehn Monaten ohne jedes Gerichtsurteil entlassen und aus Preußen ausgewiesen. Da er als ehemaliger «Demagoge» auch im übrigen Deutschland keine ihm zusagende Arbeitsmöglichkeit fand, ging er 1821 nach Paris, der damals bedeutendsten europäischen Forschungsstätte für Medizin . Paris, der damals bedeutendsten europäischen Forschungsstätte für Medizin . 1859), der ihn zunächst an die chirurgische Abteilung des Hotel Dieu in Paris empfahl. Dort konnte Carl Gustav Jung als Chirurg arbeiten und sich weiterbilden.

Das erste Zusammentreffen mit Humboldt wird in verschiedenen Versionen überliefert. Nach der Tradition der Familie traf Humboldt den jungen Mann hungernd auf einer Bank im Freien und nahm sich seiner an. So hat es mir auch Jung erzählt. In einer von M. H. Koelbing als «Dichtung und Wahrheit» bezeichneten Darstellung des Arztes Hermann Reimer8 heißt es, sein Schwiegervater Carl

1 Oktober 1817, revolutionäres akademisches Erinnerungsfest an die Reformation (1517) und die Schlacht von Leipzig (1813), veranstaltet von den Jenenser Burschenschaften.

3 Hermann Reimer war der Sohn des Buchhändlers und Verlegers in Berlin. Er heiratete die Tochter Carl Gustav Jungs aus dessen erster Ehe mit Virginie de Lassauix. Jung erwähnt seinen Besuch bei Frau Dr. Reimer in Stuttgart nach seinem Staatsexamen 1900, oben pag. 118. Das folgende Zitat entnehme ich dem bereits erwähnten Aufsatz von Koelbing «Wie Carl Gustav Jung Basler Professor wurde».

Gustav Jung sei «bei einem von dem großen Chirurgen Dupuytren gegebenen Festessen von einem ihm unbekannten, würdigen Herrn mittleren Alters angesprochen und aufgefordert worden, ihm nach Tisch in seine Wohnung zu folgen, weil er ihm einen Vorschlag zu machen habe. Blindlings folgte Jung dieser Aufforderung und er kam erst wieder zur Besinnung, als sein Gönner in seinem Arbeitszimmer ihm sagte, es handle sich um eine Professur für Anatomie und Chirurgie an der Universität Basel, falls er Lust hätte. Jetzt konnte er nicht mehr an sich halten, sondern raffte sich zu der Frage auf, wem er so viel Güte und dieses Glück zu verdanken habe. Darauf jener: .Der Name tut nichts zur Sache, ich heiße Alexander von Humboldt.'» - H. Reimer fügte bei: «Die Kenntnis von Jungs Erlebnissen konnte A. v. H. daher haben, daß er in literarischer Beziehung häufig mit meinem Vater zu tun hatte, aber auch von seinem Bruder Wilhelm, der mißmutig 1819 seinen Ministerposten verließ.»

Wie es auch immer mit der Wahrheit der Anekdoten bestellt sein mag, Tatsache ist, daß Humboldt den jungen Arzt zuerst (1821) an die Berner Akademie empfahl, und als dieser Plan fehlschlug, ein Jahr später an die Universität Basel.

Die Verhältnisse an der Universität Basel lagen aus politischen und verwaltungstechnischen Gründen sehr im argen. Von 1806 bis 1814 hatte keine einzige Doktor-Promotion stattgefunden. Der Anatom und Botaniker Johann Jakob Burckhardt war während mehrerer Jahre der einzige Dozent der Medizinischen Fakultät und hielt sein Kolleg vor einem einzigen Medizinstudenten und einigen Barbiergesellen. 1818 wurden Gesetze zu einer großzügigen Reorganisation der Universität erlassen und die Zahl der Professoren an der Medizinischen Fakultät auf vier festgesetzt. Als sich Jung um den Lehrstuhl für Anatomie, Chirurgie und Geburtshilfe bewarb, wurde er 1822 als Dozent berufen und nach einem Semester zum Ordinarius gewählt. So kam die Familie Jung in die Schweiz.

Jung setzte sich zeit seines Lebens unermüdlich und mit großem Erfolg für den Ausbau der Medizinischen Fakultät und der Med izinischen Anstalten in Basel ein. Als erstes reorganisierte er den Anatomieunterricht. Ausbau und Erweiterung des «Bürgerspitals» (1842) sind zum großen Teil ihm zu verdanken, später gründete er die «Anstalt zur Hoffnung» für schwachsinnige Kinder. Für uns ist seine Forderung nach einer psychiatrischen Anstalt interessant. In einem später anonym gedruckten Vortrag heißt es: «In unserem Zeitalter, wo die psychische Heilkunde die Aufmerksamkeit der Ärzte so sehr in Anspruch nimmt, daß besondere Zeitschriften ausschließlich mit diesem Zweig der Arzneiwissenschaft sich beschäftigen, würde eine Anstalt, die dem Arzneikunde-Beflissenen Gelegenheit zu solchen Beobachtungen unter Anleitung des Lehrers verschaffte, einer Universität zur vorzüglichen Zierde gereichen. Ich denke mir unter derselben nicht gerade ein Irrenhaus gewöhnlicher Art, in welchem meist nur Unheilbare versorgt werden, sondern eine Anstalt, die Kranke aller Art aufnähme, deren Heilung auch auf psychischem Wege versucht werden muß.»