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Jung selber sagte von seinem Großvater:

«Er war eine starke und auffallende Persönlichkeit. Ein großer Organisator, enorm aktiv, brillant, witzig und sprachgewandt. Ich selber bin noch in seinem Kielwasser geschwommen. Ja, ja, der Professor Jung, das war etwas! hieß es in Basel. Seine Kinder waren sehr von ihm beeindruckt. Sie zollten ihm nicht nur Verehrung, sondern hatten auch Angst vor ihm, denn er war ein etwas tyrannischer Vater. Nach dem Mittagessen pflegte er regelmäßig ein Schläfchen von etwa einer Viertelstunde zu machen. Dann mußte seine zahlreiche Familie jeweils mäuschenstill am Tisch sitzen bleiben.»

Carl Gustav Jung war dreimal verheiratet. In Paris heiratete er Virginie de Lassaulx (geb. 1804). Sie starb sehr jung, mit sechs -undzwanzig Jahren. Die einzige Tochter aus dieser Ehe heiratete, wie schon erwähnt, den Sohn des Verlegers Georg Andreas Reimer, bei welchem Jung in Berlin gewohnt hatte. In zweiter Ehe heiratete er Elisabeth Catharine Reyenthaler. Jung erzählte darüber:

«Die Reyenthaler hat er aus Rache geheiratet! Sie war Kellnerin in einer Studentenkneipe in Basel. Er hatte nämlich um die Tochter des Bürgermeisters Frey geworben, erhielt aber einen Korb. Hierüber gekränkt und verzweifelt, ging er stracks ins Wirtshaus und heiratete die Kellnerin. Sie starb bald an Tuberkulose und ebenso ihre Kinder.»

Schließlich heiratete er dann doch, in dritter Ehe, Sophie Frey, die Tochter des Bürgermeisters. Das Grab ihrer Eltern befindet sich im Kreuzgang des Basler Münsters. Sophie Jung starb 1855 im Alter von dreiundvierzig Jahren. Zwei ältere Söhne starben bereits in jugendlichem Alter. Der jüngste Sohn, Johann Paul Achilles

Jung (1842-1896), war der Vater von C. G. Jung. Von ihm hat Jung im ersten Kapitel dieses Buches ausführlich geschrieben. Nur die äußeren Daten seien kurz wiederholt: Paul Jung wurde Theologe und war zuerst Pfarrer in Keßwil (Thurgau), wo C. G. Jung 1875 geboren wurde. Danach war er während vier Jahren Pfarrer in Laufen, einer Gemeinde am Rheinfall bei Schaffhausen. 1879 wurde er an die Kirchgemeinde Klein -Hüningen bei Basel gewählt.

Jungs Mutter, Emilie Jung, geb. Preiswerk, stammte aus Basel. Sie war die jüngste Tochter des gelehrten und dichterisch begabten Antistes von Basel, Samuel Preiswerk (1799-1871), und seiner zweiten Gattin Augusta Faber aus Nürtingen in Württemberg (1805-1862). Die Fabers waren französische Protestanten, die nach Aufhebung des Ediktes von Nantes (1685) nach Deutschland gekommen waren. Ursprünglich war Samuel Preiswerk Pfarrer in Muttenz, mußte aber nach der Trennung des Kantons in Basel-Stadt und Basel-Land (1833) in die Stadt Basel ziehen. Da sich hier für ihn keine Pfarrstelle fand, ging er nach Genf und lehrte an der dortigen Theologenschule der Evangelischen Gesellschaft hebräische Sprache und alttestamentliche Theologie. Er verfaßte eine hebräische Grammatik, die mehrere Auflagen erlebte. Einige Jahre später wurde er nach Basel zurückgerufen und kam als Pfarrer an die St. Leonhardsgemeinde. Neben seiner Pfarrtätigkeit habilitierte er sich als Privatdozent für hebräische Sprache und Literatur. Er war eine großzügige Natur und ein toleranter Mensch, was auch daraus hervorgeht, daß er sich in einer von ihm herausgegebenen Monatsschrift «Das Morgenland» für die Wiedererwerbung Palästinas durch die Juden aussprach.

Noch heute werden in Basel Anekdoten über ihn erzählt. «In seinem Studierzimmer hatte der Antistes Samuel Preiswerk einen besonderen Stuhl dem Geist seiner verstorbenen ersten Frau Magda-lene, geb. Hopf, reserviert. Jede Woche pflegte Preiswerk, sehr zum Kummer seiner zweiten Frau Augusta, geb. Faber, zu bestimmter Stunde mit dem Geiste Magdalenens vertraute Zwiesprache zu halten<

Jung berichtete von ihm:

«Ich habe meinen Großvater mütterlicherseits nicht mehr persönlich gekannt. Doch nach allem, was ich von ihm hörte, muß sein

alttestamentarischer Name Samuel gut zu ihm gepaßt haben. Er glaubte noch, daß man im Himmel hebräisch rede, und hat sich darum mit größtem Eifer dem Studium der hebräischen Sprache gewidmet. Er war nicht nur hochgelehrt, sondern hatte einen ausgesprochen poetischen Sinn; doch war er ein etwas eigenart iger Mensch, der sich ständig von Geistern umgeben glaubte. Meine Mutter hat mir oft erzählt, wie sie sich hinter ihn setzen mußte, wenn er seine Predigten schrieb. Er konnte es nicht leiden, daß, während er studierte, Geister hinter seinem Rücken vorbeigingen und störten! Wenn ein Lebender hinter ihm saß, so wurden die Geister verscheucht!»

4 Aus: Hans Jenny «Baslerisches — Allzubaslerisches». Basel 1961.

Über seine Frau, Augusta Preiswerk, Jungs Großmutter mütterlicherseits, existieren viele Geschichten. Mit achtzehn Jahren erkrankte sie schwer bei der Pflege eines scharlachkranken Bruders und war sechsunddreißig Stunden lang scheintot. Der Schreiner hatte schon den Sarg ins Haus gebracht, als ihre Mutter, die an ihren Tod nicht glauben konnte, sie mit einem an den Nacken gehaltenen Bügeleisen ins Leben zurückrief. «Gustele», so wurde sie genannt, hatte das zweite Gesicht, was ihre Familie mit dem Ereignis ihres Scheintodes in Zusammenhang brachte. Sie starb mit sie -benundfünfzig Jahren.

C. G. Jungs Frau Emma (1882-1955) stammte aus der Industriellenfamilie Rauschenbach in SchafFhausen. In dem Kapitel über seine Kindheit erzählt Jung, daß sein Vater in der Zeit seiner Laufener Pfarrtätigkeit (1875-1879) mit der Familie Schenk, der auch seine zukünftige Schwiegermutter, die nachmalige Frau Berta Rauschenbach angehörte, befreundet war, und daß diese ihn gelegentlich - er war damals vier Jahre alt - spazieren führte.

Über die erste Begegnung mit seiner Frau Emma erzählte Jung: «Ich hatte einen Studienfreund, dessen Familie in Schaffhausen wohnte. Als ich ihn einmal von Basel aus besuchen wollte - es war nach dem Tode meines Vaters, 1896 - sagte meine Mutter: .Wenn du deinen Freund in Schaffhausen besuchst, geh doch auch zu Frau Rauschenbach, die wir als junges Mädchen gekannt haben.' Das tat ich, und wie ich ins Haus trat, sah ich auf der Treppe ein Mädchen stehen, etwa vierzehn Jahre alt, mit Zöpfen. Da wußte ich:

Das ist meine Frau! Ich war tief erschüttert davon; denn ich hatte sie ja nur einen kurzen Augenblick gesehen, aber sofort mit absoluter Sicherheit gewußt, daß sie meine Frau würde. Ich erinnere

mich heute noch genau, daß ich es unmittelbar nachher meinem Freunde erzählte. Aber er lachte mich natürlich nur aus. Ich sagte ihm: ,Lach nur, du wirst es aber noch erleben.' Als ich sechs Jahre später um Emma Rauschenbach warb, erhielt auch ich, wie mein Großvater, zunächst einen Korb. Aber unähnlich meinem Großvater, hatte ich kein vertrautes Wirtshaus, noch eine anziehende Kellnerin, noch war ich Professor Ordinarius mit einer klar um-rissenen und vielversprechenden Aufgabe vor mir, sondern ich war bloß ein Assistenzarzt mit einer nebelhaften Zukunft. Warum sollten mir Enttäuschungen erspart bleiben in dieser meilleur des mondes possibles ? wie Nr. 2 beifügte. Nach einigen Wochen aber wendete sich das Blatt, und aus dem Nein wurde ein Ja und damit war Nr. l bestätigt. Es wurde daraus meinerseits ein Ja zur Welt, und Nr. 2 entschwand für elf Jahre meinen Blicken.

Bis 1902 hatte ich eine Art heimliches Tagebuch geführt, das von nun an für mehr als ein Jahrzehnt uneröffnet in der Schublade lag. Erst 1913, unter dem Drucke der großen Ahnungen, tauchte es wieder in meiner Erinnerung auf.»

Jung heiratete 1903. Er hat eine zahlreiche Nachkommenschaft. Den Ehen seiner fünf Kinder, Frau Agathe Niehus-Jung, Frau Gret Baumann-Jung, Franz Jung-Merker, Frau Marianne Niehus-Jung, Frau Helene Hoerni-Jung entsprangen neunzehn Enkel, und die Zahl der Urenkel ist in ständigem Wachsen begriffen.