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Damals war ich einmal von einer befreundeten Familie, die am Vierwaldstättersee ein Haus besaß, für die Ferien eingeladen worden. Zu meinem Entzücken lag das Haus am See und hatte ein Bootshaus und ein Ruderboot. Der Hausherr erlaubte seinem Sohn und mir, das Boot zu benützen, unter strenger Verwarnung, keine Unvorsichtigkeiten zu begehen. Unglücklicherweise wußte ich schon, wie man einen Weidling stachelt und rudert, nämlich stehend. Wir hatten zuhause ein kleines gebrechliches Ding dieser Art auf dem alten Festungsgraben der Hüninger Abatucci-Schanze am badischen Ufer. Darin hatten wir alle Unvorsichtigkeiten ausprobiert. Das erste, was ich also tat, war, daß ich auf das Heck des Bootes trat und es mit einem Ruder freihändig in den See stieß. Das war dem Hausherrn zuviel. Er pfiff uns zurück und verabreichte mir eine Strafpredigt, die sich gewaschen hatte. Ich war sehr kleinlaut und mußte zugeben, daß ich gerade das getan, was er verboten hatte, und daß mithin seine Strafpredigt ganz am Platze war. Gleichzeitig packte mich aber eine Wut, daß dieser dicke, ungebildete Klotz es wagen konnte, mich zu beleidigen. Dieses mich war nicht bloß erwachsen, sondern bedeutend, eine Autorität, eine Person in Amt und Würden, ein alter Mann, Gegenstand von Respekt und Ehrfurcht. - Der Gegensatz zur Wirklichkeit war dermaßen grotesk, daß ich plötzlich in meiner Wut innehielt, denn die Frage kam auf mich zu: «Ja, wer bist du denn? Du reagierst ja, wie wenn du der Teufel wer wärest! Und dabei weißt du doch, daß der andere ganz recht hatte! Du bist ja kaum zwölf Jahre alt, ein Schuljunge, und er ist doch ein Vater und dazu ein mächtiger und reicher Mann, der zwei Häuser und mehrere prachtvolle Pferde hat.»

Da fiel mir zu meiner größten Verwirrung ein, daß ich eigentlich und in Wirklichkeit zwei verschiedene Personen war. Die eine war der Schuljunge, der die Mathematik nicht begreifen konnte und nicht einmal seiner selbst sicher war, die andere war bedeutend, von großer Autorität, ein Mann, der nicht mit sich spassen ließ, mächtiger und einflußreicher als dieser Fabrikant. Er war ein alter Mann, der im 18. Jahrhundert lebt und Schnallenschuhe trägt und eine weiße Perücke und in einer Kalesche fährt mit hohen, konkaven Hinterrädern, zwischen denen der Kutschenkasten an Federn und Lederriemen aufgehängt ist.

Ich hatte nämlich ein merkwürdiges Erlebnis gehabt: als wir in Klein Hüningen bei Basel wohnten, kam eines Tages eine uralte grüne Kutsche aus dem Schwarzwald an unserem Haus vorbei. Eine urweltliche Kalesche, wie aus dem 18. Jahrhundert. Als ich sie sah, hatte ich das aufregende Gefühclass="underline" «Da haben wir es ja! Das ist ja aus meiner Zeit!» - Es war, wie wenn ich sie wiedererkannt hätte; denn sie war von derselben Art wie die, in der ich selber gefahren war! Und dann kam ein sentiment ecoeurant, wie wenn mir jemand etwas gestohlen hätte, oder wie wenn ich betrogen worden wäre, betrogen um meine geliebte Vorzeit. Die Kutsche war ein Rest aus jener Zeit! Ich kann nicht beschreiben, was damals in mir vorging, oder was es war, das mich so stark berührte: eine Sehnsucht, ein Heimwehgefühl, oder ein Wiedererkennen: «Ja, so war es doch! Das war's doch!»

Es gab noch ein anderes Erlebnis, das ins 18. Jahrhundert wies : ich hatte bei einer meiner Tanten eine Statuette aus dem 18. Jahrhundert gesehen, eine bemalte Terracotta, die aus zwei Figuren bestand. Sie stellte den alten Dr. Stückelberger dar, eine stadtbekannte Persönlichkeit aus dem Basler Leben Ende des 18. Jahrhunderts. Die andere Figur war eine seiner Patientinnen. Sie streckt die Zunge heraus und hat die Augen geschlossen. Dazu gab es eine Legende. Es wurde erzählt, daß der alte Stückelberger einmal über die Rheinbrücke ging, und da kam diese Patientin, die ihn so oft geärgert hatte, und jammerte ihm wieder etwas vor. Der alte Herr sagte: «Ja, ja, da muß etwas los sein mit Ihnen. Strecken Sie mal die Zunge raus und machen Sie die Augen zu!» Das tat sie auch, und in dem Augenblick lief er davon, und sie blieb stehen mit herausgestreckter Zunge - zum Gelächter der Leute.

Nun hatte die Figur des alten Doktors Schnallenschuhe an, die ich seltsamerweise als die meinen, oder ihnen ähnliche, erkannte.

Ich war überzeugt: «Das sind Schuhe, die ich getragen habe.» Diese Überzeugung hat mich damals ganz konfus gemacht. «Ja, das waren doch meine Schuhe!» Ich fühlte noch diese Schuhe an meinen Füßen, konnte mir aber nicht erklären, wie ich zu dieser wunderlichen Empfindung kam. Wieso gehörte ich ins 18. Jahrhundert? öfters passierte es mir damals, daß ich 1786 schrieb anstatt 1886, und das geschah immer mit einem unerklärlichen Heimwehgefühl.

Als ich damals, nach meiner Booteskapade am Vierwaldstättersee und der wohlverdienten Strafe, meinen Gedanken nachhing, rundeten sich diese bis dahin vereinzelten Eindrücke zu einem einheitlichen Bild: ich lebe in zwei Zeiten und bin zwei verschiedene Personen. Ich war von diesem Befund verwirrt und mit Nachdenklichkeiten bis zum Rande gefüllt. Schließlich kam ich aber zu der enttäuschenden Erkenntnis, daß ich jetzt wenigstens nichts als der kleine Schuljunge sei, der seine Strafe verdient und sich seinem Alter entsprechend zu benehmen habe. Das andere mußte Unsinn sein. Ich vermutete, daß es zusammenhing mit den vielen Erzählungen, die ich von meinen Eltern und Verwandten über meinen Großvater gehört hatte. Aber auch das wollte nicht recht stimmen, denn er war 1795 geboren, lebte also eigentlich im 19. Jahrhundert. Überdies war er gestorben, lang bevor ich zur Welt kam. Es konnte nicht sein, daß ich mit ihm identisch war. Diese Überlegungen waren damals allerdings nur wie vage Ahnungen und Träume. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob ich damals schon von der legendären Verwandtschaft mit Goethe wußte. Ich glaube nicht, denn ich weiß, daß ich zuerst von fremden Leuten diese Nachricht vernahm. Es besteht nämlich eine ärgerliche Überlieferung, daß mein Großvater ein natürlicher Sohn Goethes gewesen sei1.

Zu meinen Niederlagen in der Mathematik und im Zeichnen gesellte sich noch eine dritte: das Turnen war mir von Anfang an verhaßt. Niemand hatte mir vorzuschreiben, wie ich mich bewegen sollte. Ich ging in die Schule, um etwas zu lernen, und wollte keine unnütze und sinnlose Akrobatik treiben. Hinzu kam noch, als eine späte Folge meiner frühen Unfälle, eine gewisse physische Ängstlichkeit, die ich erst viel später einigermaßen überwinden konnte. Sie hing ihrerseits zusammen mit einem Mißtrauen gegenüber der Welt und ihren Möglichkeiten. Die Welt schien mir zwar

schön und begehrenswert, war aber voll von unbestimmten Gefährlichkeiten und Sinnlosigkeiten. Ich wollte daher immer zuerst wissen, was mir begegnete, und wem ich mich anvertraute. Ob das wieder mit meiner Mutter zusammenhing, die mich auf mehrere Monate verlassen hatte? Daß mir der Arzt anläßlich meines Traumas das Turnen verbot, geschah sehr zu meiner Befriedigung. Ich war diese Last los und hatte eine weitere Niederlage eingesteckt.

1 Vgl. Appendix pag. 399.

An einem schönen Sommertag desselben Jahres (1887) kam ich mittags aus der Schule und ging auf den Münsterplatz. Der Himmel war herrlich blau, und es war strahlender Sonnenschein. Das Dach des Münsters glitzerte im Licht, und die Sonne spiegelte sich in den neuen, buntglasierten Ziegeln. Ich war überwältigt von der Schönheit dieses Anblicks und dachte: «Die Welt ist schön und die Kirche ist schön, und Gott hat das alles geschaffen und sitzt darüber, weit oben im blauen Himmel, auf einem goldenen Thron und -» Hier kam ein Loch und ein erstickendes Gefühl. Ich war wie gelähmt und wußte nur: Jetzt nicht weiterdenken! Es kommt etwas Furchtbares, das ich nicht denken will, in dessen Nähe ich überhaupt nicht kommen darf. Warum nicht? Weil du die größte Sünde begehen würdest. Was ist die größte Sünde? Mord? Nein, das kann es nicht sein. Die größte Sünde ist die wider den Heiligen Geist, die wird nicht vergeben. Wer sie begeht, ist auf ewig in die Hölle verdammt. Das wäre doch für meine Eltern zu traurig, wenn ihr einziger Sohn, an dem sie so sehr hängen, der ewigen Verdammnis anheimfiele. Das kann ich meinen Eltern nicht antun. Ich darf auf keinen Falle weiter daran denken!