Mana. Melanesischer Begriff für eine außerordentlich wirkungsvolle Macht, ausgehend von einem Menschen, einem Gegenstand, von Handlun
gen und Ereignissen, von übernatürlichen Wesen und Geistern. Bedeutet auch Gesundheit, Prestige, Heil- und Zauberkraft. Primitiver Begriff der psychischen Energie.
Mandala (sanskrit). Magischer Kreis. Bei C. G. Jung: Symbol der Mitte, des Ziels und des Selbst (s. d.) als psychischer Ganzheit. Selbstdarstellung eines Zentrierungsvorganges, der Herstellung eines neuen Persönlichkeitszentrums. Symbolisch ausgedrückt durch die Kreisform, durch symmetrische Anordnung der Zahl vier und deren Vielfaches (s. Quaternio). Im Lamaismus und im tantrischen Yoga ist das Mandala Instrument der Kontempla-tion (Yantra), Sitz und Entstehungsort der Götter. Gestörtes Mandala: Jede Form, die von Kreis, Quadrat und gleichschenkligem Kreuz abweicht, oder deren Grundzahl nicht vier oder acht ist.
c. G. JUNG: «Mandala heißt Kreis, speziell magischer Kreis. Die Manda-las sind nicht nur über den ganzen Osten verbreitet, sondern sind bei uns auch aus dem Mittelalter reichlich bezeugt. Christlich speziell sind sie aus dem frühen Mittelalter zu belegen, meist mit Christus in der Mitte mit den vier Evangelisten oder ihren Symbolen in den Kardinalpunkten. Diese Auffassung muß sehr alt sein. indem auch Horus mit seinen vier Söhnen von den Ägyptern so dargestellt wurde.» (Kommentar zu: Das Geheimnis der Goldenen Blüte, 1929, 10. Aufl. 1973, erscheint in Ges. Werke XIII, Studien über alchemistische Vorstellungen.)
«Mandalas treten erfahrungsgemäß ... in Situationen auf, die durch Verwirrung und Ratlosigkeit gekennzeichnet sind. Der dadurch konstellierte Archetypus stellt ein Ordnungsschema dar, welches als psychologisches Fadenkreuz, bzw. als viergeteilter Kreis, gewissermaßen über das psychische Chaos gelegt wird, wodurch jeder Inhalt seinen Ort erhält und das ins Unbestimmte auseinanderfließende Ganze durch den hegenden und schützenden Kreis zusammengehalten wird.» (Ein moderner Mythus. Von Dingen, die am Himmel gesehen werden, 1958, in Ges. Werke X, 1974, Zivilisation im Übergang, pag. 461.)
Neurose. Zustand des Uneinigseins mit sich selbst, verursacht durch den Gegensatz von Triebbedürfnissen und den Anforderungen der Kultur, von infantiler Unwilligkeit und dem Anpassungswillen, von kollektiven und individuellen Pflichten. Die Neurose ist ein Stopzeichen vor einem falschen Weg und ein Mahnruf zum persönlichen Heilungsprozeß.
c. G. JUNG: «Die psychologische Störung bei einer Neurose und die Neurose selbst kann als ein mißlungener Anpassungsversuch bezeichnet werden. Die Formulierung (...) steht in Einklang mit Freuds Ansicht, daß eine Neurose gewissermaßen ein Versuch der Selbstheilung sei.» (Über Psychoanalyse, 1916, in Ges. Werke IV, 1969, Freud und die Psychoanalyse, pag. 285.)
«Die Neurose ist stets ein Ersatz für legitimes Leiden.» (Psychologie und Religion, 1939, in Ges. Werke XI, 2. Aufl. 1973, Zur Psychologie westlicher und östlicher Religion, pag. 82.)
Numinosum. Rudolf Ottos Begriff («Das Heilige») für das Unaussprechliche, das Geheimnisvolle, Erschreckende, «Ganz Andere», die nur dem Göttlichen zukommende unmittelbar erfahrbare Eigenschaft.
Persona. Ursprunglich die Maske, die im antiken Theater vom Schauspieler getragen wurde.
C. G. JUNG: «Die Persona... ist jenes Anpassungssystem oder jene Manier, in der wir mit der Welt verkehren. So hat fast jeder Beruf die für ihn charakteristische Persona ... Die Gefahr ist nur, daß man mit der Persona identisch wird, wie etwa der Professor mit seinem Lehrbuch oder der Tenor mit seiner Stimme. . . Man könnte mit einiger Übertreibung sagen: die Persona sei das, was einer eigentlich nicht ist, sondern was er und die ändern Leute meinen, daß er sei.» (Über Wiedergeburt, 1950, in Ges. Werke IX/1, 1976, Die Archetypen und das kollektive Unbewußte, pag. 137.)
Psychoid. «Seelenähnlich», «seelenförmig», «quasi-seelisch». Jung charakterisiert damit die unanschauliche Tiefenschicht des kollektiven Unbewußten (s. d.) und dessen Inhalte, die Archetypen (s. d.).
C.G. JUNG: «Das kollektive Unbewußte (s.d.) stellt eine Psyche dar, die im Gegensatz zu dem uns bekannten Psychischen unanschaulich ist, weshalb ich sie als psychoid bezeichnet habe.» (Synchronizität als ein Prinzip akausaler Zusammenhänge, 1952, in Ges. Werke VIII, 1967, Die Dynamik des Unbewußten, pag. 495.)
Quaternität. C. G. JUNG: «Die Quaternität ist ein Archetypus der sozusagen universell vorkommt. Sie ist die logische Voraussetzung für jedes Ganzheit s urteil. Wenn man ein solches Urteil fällen will, so muß dieses einen vierfachen Aspekt haben. Wenn man z. B. die Ganzheit des Horizontes bezeichnen will, so nennt man die vier Himmelsrichtungen. Es sind immer vier Elemente, vier primitive Qualitäten, vier Farben, vier Kasten in Indien, vier Wege im Sinne von geistiger Entwicklung im Buddhismus. Darum gibt es auch vier psychologische Aspekte der psychischen Orientierung, über die hinaus nichts Grundsätzliches mehr auszusagen ist. Wir müssen zur Orientierung eine Funktion haben, welche konstatiert, daß etwas ist (Empfindung), eine zweite, die feststellt, was das ist (Denken), eine dritte Funktion, die sagt, ob einem das paßt oder nicht, ob man es annehmen will oder nicht (Fühlen) und eine vierte Funktion, die angibt, woher es kommt und wohin es geht (Intuition). Darüber hinaus läßt sich nichts mehr sagen... Die ideale Vollständigkeit ist das Runde, der Kreis, (s. Mandala) aber seine natürliche minimale Einteilung ist die Vierheit.» (Versuch einer psychologischen Deutung des Trinitätsdogmas, 1948, in Ges. Werke XI, 2. Aufl. 1973, Zur Psychologie westlicher und östlicher Religion, pag. 182.)
Eine Quaternität oder ein Quaternio hat oft eine 3+1 Struktur, indem eine ihrer Größen eine Ausnahmestellung einnimmt und von abweichender Natur ist. (Z. B. sind drei der Evangelistensymbole Tiere und eines ein Engel). Wenn die vierte Größe zu den drei anderen tritt, entsteht das «Eine», welches die Ganzheit symbolisiert. In der analytischen Psychologie ist es nicht selten die «minderwertige» Funktion (d. h. diejenige Funktion, die dem Menschen nicht zur bewußten Verfügung steht), welche «das Vierte» verkörpert. Ihre Integrierung ins Bewußtsein stellt eine der Hauptaufgaben des Individuationsprozesses (s. d.) dar.
Schatten. Der inferiore Teil der Persönlichkeit. Die Summe aller persönlichen und kollektiven psychischen Dispositionen, die infolge ihrer Unver
einbarkeit mit der bewußt gewählten Lebensform nicht gelebt werden und sich zu einer relativ autonomen Teilpersönlichkeit mit konträren Tendenzen im Unbewußten zusammenschließen. Der Schatten verhält sich zum Bewußtsein kompensatorisch, seine Wirkung kann darum ebensogut negativ wie positiv sein. Als Traumfigur hat der Schatten das gleiche Geschlecht wie der Träumer. Als Teil des persönlichen Unbewußten (s. d.) gehört der Schatten zum Ich; aber als Archetypus (s. d.) des «Widersachers» zum kollektiven Unbewußten (s.d.). Die Bewußtmachung des Schattens ist die Anfangsarbeit der Analyse. Übersehen und Verdrängen des Schattens, sowie Identifizierung des Ich mit ihm kann zu gefährlichen Dissoziationen führen. Da der Schatten der Instinktwelt nahe steht, ist seine dauernde Berücksichtigung unerläßlich.
C. G. JUNG: «Die Figur des Schattens personifiziert alles, was das Subjekt nicht anerkennt und was sich ihm doch immer wieder — direkt oder indirekt. — aufdrängt, also z. B. minderwertige Charakterzüge und sonstige unvereinbare Tendenzen.» (Bewußtsein, Unbewußtes und Individuation, 1939, in Ges. Werke IX/1, 1976, Die Archetypen und das kollektive Unbewußte, pag.302.)
«Der Schatten ist... jene verhüllte, verdrängte, meist minderwertige und schuldhafte Persönlichkeit, welche mit ihren letzten Ausläufern bis ins Reich der tierischen Ahnen hinaufreicht und so den ganzen historischen Aspekt des Unbewußten umfaßt. .. Wenn man bis dahin der Meinung war, daß der menschliche Schatten die Quelle alles Übels sei, so kann man nunmehr bei genauerer Untersuchung entdecken, daß der unbewußte Mensch, eben der Schatten, nicht nur aus moralisch verwerflichen Tendenzen besteht, sondern auch eine Reihe guter Qualitäten aufweist, nämlich normale Instinkte, zweckmäßige Reaktionen, wirklichkeitsgetreue Wahrnehmungen, schöpferische Impulse u. a. m.» (Ges. Werke IX/2, 1976. Aion, pag. 281 f.)