Ich erzähle diese Geschichte, weil sich in der Zeit meiner beginnenden Skepsis wieder ein anderer Fall ereignete, der auf die Zweiheit meiner Mutter ein Licht warf. Es war bei Tisch einmal die Rede davon, wie langweilig die Melodien gewisser Kirchenlieder seien. Man sprach von der Möglichkeit der Revision des Gesangbuches. Da murmelte meine Mutter: «O du Liebe meiner Liebe, du verwünschte Seligkeit.» Wie früher tat ich wieder, als ob ich nichts gehört hätte, und hütete mich, daraus ein Hailoh zu machen, trotz meines Triumphgefühls.
Es bestand ein beträchtlicher Unterschied zwischen den beiden Persönlichkeiten in meiner Mutter. So kam es, daß ich als Kind oft Angstträume von ihr hatte. Tags war sie eine liebende Mutter, aber nachts erschien sie mir unheimlich. Sie war dann wie eine Seherin, die zugleich ein seltsames Tier ist, wie eine Priesterin in einer Bärenhöhle. Archaisch und ruchlos. Ruchlos wie die Wahrheit und die Natur. Dann war sie die Verkörperung dessen, was ich als «natural mind» * bezeichnet habe.
Ich erkenne etwas von dieser archaischen Natur auch in mir. Sie hat mir die nicht immer angenehme Gabe verliehen, Menschen und Dinge zu sehen, wie sie sind. Ich kann mich zwar täuschen lassen, indem ich mich selber hinters Licht führe, wenn ich etwas nicht wahr haben möchte. Aber im Grunde weiß ich genau, wie die Sachen liegen. Das «wirkliche Erkennen» beruht auf einem Instinkt, oder auf einer participation mystique mit anderen. Man könnte sagen, es seien die «Augen des Hintergrundes», welche in einem unpersönlichen Akt der Anschauung sehen.
Ich habe dies erst später besser begriffen, als mir seltsame Dinge passierten, 2. B. als ich einmal die Lebensgeschichte eines Mannes erzählte, ohne ihn zu kennen. Es war bei der Hochzeit einer Freundin meiner Frau. Die Braut und ihre Familie waren mir vollständig unbekannt. Beim Essen saß mir gegenüber ein Herr in mittlerem Alter mit einem schönen Vollbart, der mir als Anwalt vorgestellt worden war. Wir unterhielten uns angeregt über Kriminalpsychologie. Um ihm eine bestimmte Frage zu beantworten, dachte ich mir die Geschichte eines Falles aus, die ich mit vielen Details ausschmückte. Während ich noch sprach, merkte ich, daß der andere einen völlig veränderten Ausdruck bekam und eine merkwürdige Stille am Tisch entstand. Betreten hörte ich auf zu reden. Gott sei Dank waren wir schon beim Dessert, so stand ich bald auf und ging in die Halle des Hotels. Dort verzog ich mich in eine Ecke, zündete mir eine Zigarre an und versuchte, mir die Situation zu überlegen. In diesem Augenblick kam einer der Herren, die an meinem Tisch gesessen hatten und warf mir vor: «Wie kamen Sie bloß dazu, eine solche Indiskretion zu begehen?» - «Indiskretion?»
1 «Natural mind ist Geist, welcher der Natur entstammt und nichts mit Büchern zu tun hat. Er entspringt der Natur des Menschen wie ein Quell der Erde und spricht die eigentümliche Weisheit der Natur aus. Er sagt die Dinge unbekümmert und ruchlos.» (Aus einem unveröffentlichten Seminarbericht, 1940. Aus dem Englischen übersetzt von A. J.)
- «Ja, diese Geschichte, die Sie erzählt haben!» - «Die habe ich mir doch ersonnen!»
Zu meinem größten Schrecken stellte sich heraus, daß ich die Geschichte von meinem Gegenüber mit allen Einzelheiten erzählt hatte. Noch dazu entdeckte ich in diesem Augenblick, daß ich von der ganzen Erzählung kein Wort mehr erinnerte - bis auf den heutigen Tag ist sie mir unauffindbar geblieben. In seiner «Selbstschau» beschreibt Heinrich Zschokke 2 ein ähnliches Erlebnis: wie er in einer Wirtschaft einen unbekannten jungen Mann als Dieb entlarvt, weil er dessen Diebstahl vor seinem inneren Auge erblickte.
Es ist mir in meinem Leben öfters passiert, daß ich plötzlich etwas wußte, das ich doch gar nicht wissen konnte. Das Wissen kam mir so, wie wenn es mein eigener Einfall gewesen wäre. Ähnlich war es auch bei meiner Mutter. Sie hat nicht gewußt, was sie sagte, sondern es war wie eine Stimme von absoluter Autorität, welche genau das sagte, was zur Situation paßte.
Meine Mutter hat mich meist weit über mein Alter genommen und mit mir wie mit einem Erwachsenen gesprochen. Sie sagte mir offenbar alles das, was sie meinem Vater nicht hat sagen können und machte mich zu früh zum Vertrauten ihrer mannigfachen Sorgen. Als ich etwa elf Jahre alt war, teilte sie mir eine Angelegenheit mit, die meinen Vaterbetraf und mich alarmierte. Ich zerbrach mir den Kopf darüber, was da zu tun wäre und kam zum Schluß, ich müsse einen gewissen Freund meines Vaters, der mir vom Hörensagen als eine einflußreiche Persönlickkeit bekannt war, zu Rate ziehen. Ohne meiner Mutter ein Wort davon zu sagen, ging ich an einem schulfreien Nachmittag in die Stadt und läutete am Hause dieses Herrn. Die Magd, welche die Tür öffnete, sagte mir, der Herr sei ausgegangen. Enttäuscht und betrübt kehrte ich wieder nach Hause zurück. Aber ich kann schon sagen, es war eine pro videntia specialis, daß er nicht zu Hause war. Bald darauf kam meine Mutter im Gespräch wieder auf diese Angelegenheit zurück und gab mir diesmal eine ganz andere und weit harmlosere Darstellung zum besten, so daß sich a lles in blauen Dunst auflöste. Das traf mich tief, und ich dachte: Und du warst der Esel, der das geglaubt hat und mit seinem blöden Ernstnehmen beinah ein Unglück angerichtet hätte! - Ich beschloß von da an, alles, was
1 Heinrich Zschokke, Schweizer Erzähler und Politiker (1771—1848).
meine Mutter berichtete, durch zwei zu dividieren. Ich hatte nur noch ein bedingtes Vertrauen zu ihr, und das hinderte mich daran, ihr jemals etwas mitzuteilen, was mich ernstlich beschäftigte.
Aber manchmal kamen Augenblicke, wo ihre zweite Persönlichkeit herausbrach, und das, was sie dann sagte, war immer dermaßen «to the point» und so wahr, daß ich davor gezittert habe. Hätte sich meine Mutter dabei behaften lassen, so hätte ich einen Gesprächspartner gehabt.
Bei meinem Vater lag der Fall allerdings anders. Ich hätte ihm gern meine religiösen Beschwernisse unterbreitet und ihn um Rat gefragt, aber ich tat es nicht, weil es mir schien, als ob ich wüßte, was er mir aus ehrenwerten Gründen, seines Amtes wegen antworten müßte. Wie sehr ich mit dieser Annahme recht hatte, bestätigte sich mir wenig später. Mein Vater erteilte mir persönlich Konfirmationsunterricht, der mich maßlos langweilte. Einmal blätterte ich im Katechismus, um etwas anderes zu finden als die mir sentimental klingenden und im übrigen unverständlichen und uninteressanten Ausführungen über den «her Jesus». Da stieß ich auf den Paragraphen über die Dreieinigkeit Gottes. Das war nun etwas, das mein Interesse herausforderte: eine Einheit, die zugleich eine Dreiheit ist. Das war ein Problem, dessen innerer Widerspruch mich fesselte. Ich wartete sehnlichst auf den Moment, wo wir zu dieser Frage kommen würden. Als wir soweit waren, sagte mein Vater: «Wir kämen jetzt zur Dreieinigkeit, wir wollen das aber überschlagen, denn ich verstehe eigentlich nichts davon.» Einerseits bewunderte ich die Wahrhaftigkeit meines Vaters, andererseits aber war ich aufs tiefste enttäuscht und dachte: Da haben wir's, sie wissen nichts davon und denken auch nichts. Wie kann ich dann davon reden ?
Ich machte vergebliche, andeutende Versuche bei gewissen Kameraden, die mir nachdenklich erschienen. Ich fand kein Echo, im Gegenteil ein Befremden, das mich warnte.
Trotz der Langeweile gab ich mir alle Mühe, mich zum Glauben ohne Verstehen zu zwingen - eine Haltung, die derjenigen meines Vaters zu entsprechen schien - und bereitete mich zum Abendmahl vor, auf das ich meine letzte Hoffnung gesetzt hatte. Es war zwar bloß ein Gedächtnismahl, eine Art Erinnerungsfeier für den 1890-30=1860 Jahre zuvor verstorbenen «her Jesus». Aber Er hatte doch gewisse Andeutungen gemacht wie «Nehmet, esset, das ist mein Leib» und damit das Abendmahlbrot gemeint, das wir essen sollten wie Seinen Leib, der doch ursprünglich Fleisch war. Ebenso sollten wir den Wein trinken, der ursprünglich Blut war. Ich hatte verstanden, daß wir Ihn auf diese Weise uns einverleiben sollten. Dies kam mir jedoch als eine so offenkundige Unmöglichkeit vor, daß dahinter nur ein großes Geheimnis stecken konnte. In der Communion, von der mein Vater so viel zu halten schien, würde ich es erfahren. Wesentlich in dieser Erwartung bestand meine Vorbereitung aufs Abendmahl.