Im Kapitel «Das Wesen Gottes» fand ich, daß sich Gott selber als «Persönlichkeit» bezeuge, «vorstellbar nach der Analogie des menschlichen Ich, und zwar als das einzigartige, schlechthin überweltliche Ich, dessen die ganze Welt ist».
Soweit ich die Bibel kannte, schien mir diese Definition zu stimmen. Gott hat Persönlichkeit und ist das Ich des Universums, so wie ich selber das Ich meiner seelischen und körperlichen Erscheinungsweise bin. Hier aber stieß ich auf ein mächtiges Hindernis:
Persönlichkeit ist doch wohl ein Charakter. Charakter ist dieses und nicht ein anderes, d. h. er hat bestimmte Eigenschaften. Wenn aber Gott alles ist, wie kann Er dann noch einen unterscheidbaren Charakter besitzen? Besitzt Er aber einen Charakter, so kann Er nur das Ich einer subjektiven, beschränkten Welt sein. Und was
für einen Charakter oder was für e ine Persönlichkeit hat Er? Darauf kommt ja alles an, denn sonst kann man sich nicht auf Ihn beziehen.
Ich hatte die stärksten Widerstände dagegen, mir Gott nach Analogie meines Ich vorzustellen. Das erschien mir, wenn nicht direkt blasphemisch, so doch von grenzenloser Anmaßung. «Ich» schien mir sowieso ein schwer faßbarer Tatbestand. Erstens einmal bestanden für mich zwei sich widersprechende Aspekte dieses Faktors: Ich Nr. l und Nr. 2; sodann war das Ich in dieser und der anderen Form etwas höchst Beschränktes; es unterlag allen möglichen Selbsttäuschungen und Irrtümern, Launen, Emotionen, Leidenschaften und Sünden, es erlitt mehr Niederlagen als Erfolge, es war kindisch, eitel, selbstsüchtig, trotzig, liebebedürftig, begeh-rerisch, ungerecht, empfindlich, faul, unverantwortlich usw. Zu meinem Leidwesen ermangelte es vieler Tugenden und Talente, die ich bei anderen neidisch bewunderte. Und das sollte die Analogie sein, nach der wir uns das Wesen Gottes vorzustellen hätten?
Ich suchte eifrig nach anderen Eigenschaften Gottes und fand sie auch alle, wie ich sie bereits aus dem Konfirmationsunterricht kannte. Ich fand, daß nach § 172 «der unmittelbarste Ausdruck für das überweltliche Wesen Gottes ist l. negativ: .Seine Unsichtbarkeit für den Menschen' usw. 2. positiv: ,Sein Wohnen im Himmel' usw.» Dies war katastrophaclass="underline" sofort nämlich fiel mir das blasphemische Bild ein, welches mir Gott direkt oder indirekt (via Teufel) gegen meinen Willen aufgenötigt hatte.
§ 183 belehrte mich, daß «Gottes überweltliches Wesen gegenüber der sittlichen Welt» in Seiner «Gerechtigkeit» bestehe, und Seine Gerechtigkeit sei nicht bloß eine «richterliche», sondern «ein Ausdruck Seines heiligen Wesens». Ich hatte gehofft, in diesem Paragraphen etwas über die Dunkelheiten Gottes zu vernehmen, welche mir zu schaffen machten: über Seine Rachsucht, Seine gefährliche Zornmütigkeit, Sein unverständliches Verhalten gegenüber den Geschöpfen Seiner Allmacht. Kraft Seiner Allmacht müßte Er wissen, wie untauglich sie waren. Aber es gelüstete Ihn, sie auch noch zu verführen, oder Er stellte sie auf die Probe, obwohl Er den Ausgang Seiner Experimente schon von vornherein wußte. - Ja, was ist der Charakter Gottes? Was ist eine menschliche Persönlichkeit, die so verfährt? Ich wagte nicht, es auszudenken, und dann las ich gar, daß Gott «obgleich Sich selbst genug und für Sich selbst nichts außer Sich bedürftig» die Welt «aus Seinem Wohlgefallen» geschaffen, daß Er «sie als natürliche mit Seiner Güte erfüllt» habe und «als sittliche mit Seiner Liebe erfüllen will».
Zunächst grübelte ich über das befremdliche Wort «Wohlgefallen» nach. Wohlgefallen mit was oder mit wem ? Offenbar mit der Welt, denn Er lobte Sein Tagewerk als gut. Gerade das hatte ich aber nie begriffen. Gewiß ist die Welt über alle Maßen schön, aber auch ebenso grauenhaft. Auf dem Lande in einem kleinen Dorf, wo es wenig Menschen und wenig Ereignisse gibt, erlebt man «Alter, Krankheit und Tod» intensiver, ausführlicher und unverhüllter als anderswo. Obwohl ich noch nicht sechzehn Jahre alt war, hatte ich vieles von der Wirklichkeit des Lebens bei Mensch und Tier gesehen und hatte in Kirche und Unterricht genug gehört vom Leiden und von der Verdorbenheit der Welt. Gott konnte höchstens am Paradies Wohlgefallen empfunden haben, aber auch da hatte Er ja selber dafür gesorgt, daß diese Herrlichkeit nicht zu lange dauern konnte, indem Er die gefährliche Giftschlange, den Teufel selber, hineingesetzt hatte. Hatte Er auch daran ein Wohlgefallen? Ich war zwar sicher, daß Biedermann das nicht meinte, sondern daß er aus jener allgemeinen Gedankenlosigkeit des Religionsunterrichtes, die mir mehr und mehr auffiel, einfach erbaulich daherplapperte und gar nicht merkte, was für Unsinn er sagte. Ich selber nahm zwar nicht an, daß Gott ein grausames Wohlgefallen am unverschuldeten Leiden von Mensch und Tier empfand, es erschien mir aber keineswegs unsinnig zu denken, daß Er beabsichtigt hatte, eine Welt der Gegensätze zu schaffen, in der eines das andere fraß und das Leben eine Geburt zum Tode war. Die «wunderbaren Harmonien» der Naturgesetze kamen mir weit eher als ein mühsam gebändigtes Chaos vor, und der «ewige» Sternhimmel mit seinen vorgeschriebenen Bahnen erschien mir als eine offensichtliche Zusammenhäufung von Zufälligkeiten ohne Ord nung und Sinn, denn die Sternbilder, von denen man sprach, konnte man in Wirklichkeit gar nicht sehen. Es waren bloße Willkürkombinationen.
Inwiefern Gott die natürliche Welt mit Seiner Güte erfüllte, blieb mir dunkel, beziehungsweise äußerst zweifelhaft. Das war offenbar wieder einer jener Punkte, über die man nicht denken durfte, sondern die man glauben mußte. Wenn Gott das «höchste Gut» ist, warum ist Seine Welt, Sein Geschöpf so unvollkommen, so verdorben,so erbarmungswürdig? - Offenbar vom Teufel ge
stochen und durcheinandergebracht, dachte ich. Aber der Teufel ist ja auch das Geschöpf Gottes. Ich mußte also über den Teufel nachlesen. Er schien doch sehr wichtig zu sein. Wieder schlug ich meine Dogmatik auf und suchte nach der Antwort auf diese brennende Frage nach den Gründen des Leidens, der Mangelhaftigkeit und des Bösen und konnte nichts finden. Das schlug dem Faß den Boden aus. Diese Dogmatik war offenbar nichts als Schönschwät -zerei, ja schlimmer noch, eine ungewöhnliche Dummheit, welche nichts anderes konnte, als die Wahrheit verdunkeln. Ich war enttäuscht und noch mehr: ich war empört.
Aber irgendwo und irgendwann mußte es doch Menschen gegeben haben, welche die Wahrheit suchten wie ich, die vernünftig dachten, die nicht sich und andere betrügen und die leidvolle Wirklichkeit der Welt leugnen wollten. In dieser Zeit war es, daß meine Mutter, nämlich ihre Persönlichkeit Nr. 2, plötzlich ohne weitere Präambeln zu mir sagte: «Du mußt einmal den Faust von Goethe lesen.» Wir hatten eine schöne Goetheausgabe letzter Hand, und ich suchte den Faust heraus. Es strömte wie ein Wunderbalsam in meine Seele. Endlich ein Mensch, dachte ich, der den Teufel ernst nimmt und sogar einen Blutpakt abschließt mit dem Widersacher, der die Macht hat, Gottes Absicht, eine vollkommene Welt zu schaffen, zu durchkreuzen. - Ich bedauerte Fau-stens Handlungsweise, denn nach meiner Ansicht hätte er nicht so einseitig und verblendet sein dürfen. Er hätte doch gescheiter und auch moralischer sein sollen! Es erschien mir kindisch, seine Seele so leichtsinnig zu verspielen. Faust war offenbar ein Windbeutel! Auch hatte ich den Eindruck, daß das Schwergewicht und das Bedeutende hauptsächlich auf selten Mephistos lag. Ich hätte es nicht bedauert, wenn Faustens Seele in die Hölle geraten wäre. Es wäre nicht schade um ihn gewesen. Der «betrogene Teufel» am Ende wollte mir gar nicht gefallen, war doch Mephisto alles, nur kein dummer Teufel, der von blöden Engelchen hätte genasführt werden können. Mephisto schien mir in einem ganz ändern Sinne betrogen zu sein: er ist nicht zu seinem verbrieften Recht gekommen, sondern Faust, dieser etwas windige und charakterlose Geselle, hat seinen Schwindel bis ins Jenseits durchgeführt. Dort ist zwar seine Knabenhaftigkeit an den Tag gekommen, aber die Einweihung in die großen Mysterien schien er mir nicht verdient zu haben. Ich hätte ihm noch etwas Fegefeuer gegönnt! Das eigentliche Problem sah ich bei Mephisto, dessen Gestalt mir haften blieb und von dem ich unklar eine Beziehung zum Muttermysterium ahnte. Auf alle Fälle blieben mir Mephisto und die große Einweihung am Schluß als ein wunderbares und geheimnisvolles Erlebnis am Rande meiner Bewußtseinswelt.