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Ich liebte alle warmblütigen Tiere, weil sie uns nah verwandt sind und an unserer Unwissenheit teilhaben. Ich liebte sie, weil sie eine Seele haben wie wir, und wir sie, wie ich glaubte, instinktiv verstehen. Sie erleben ja, so dachte ich, wie wir Freude und Trauer, Liebe und Haß, Hunger und Durst, Angst und Vertrauen - alle wesentlichen Inhalte des Daseins, mit Ausnahme der Sprache, des zugespitzten Bewußtseins, der Wissenschaft. Ich bewunderte zwar die letztere in herkömmlicher Weise, fand aber in ihr die Möglichkeit zu einer Entfernung und Abirrung von der Gotteswelt und einer Degeneration, deren das Tier nicht fähig war. Die Tiere waren die Lieben und Treuen, die Unveränderlichen und Vertrauenswürdigen, aber den Menschen mißtraute ich mehr denn je.

Die Insekten waren keine «richtigen» Tiere und die kaltblütigen Vertebraten bildeten eine wenig geschätzte Zwischenstufe auf dem Weg zu den Insekten. Diese Kategorie von Wesen waren Beobach-tungs- und Sammlungsobjekte, Curiosa, weil fremdartig und außermenschlich, Manifestationen unpersönlicher Wesen, die mehr Verwandtschaft mit Pflanzen hatten als mit Menschen.

Mit dem Pflanzenreich begann die irdische Erscheinung der Gotteswelt als eine Art unmittelbarer Mitteilung. Es war, als ob man dem Schöpfer, der sich unbeobachtet wähnte, über die Schulter geschaut hätte, wie er Spielzeug oder Dekorationsstücke anfer

tigte. Demgegenüber waren der Mensch und die «richtigen» Tiere selbständig gewordene Gottesteile. Darum konnten sie aus freien Stücken herumgehen und ihre Wohnorte wählen. Die Pflanzenwelt dagegen war auf Gedeih und Verderb an ihren Standort gebunden. Sie drückte nicht nur die Schönheit, sondern auch die Gedanken der Gotteswelt aus, ohne irgendwelche Absicht oder Abweichung. Insbesondere waren die Bäume geheimnisvoll und schienen mir den unverständlichen Sinn des Lebens unmittelbar darzustellen. Darum war der Wald der Ort, wo man tiefsten Sinn und schauervolles Wirken am nächsten fühlte.

In diesem Eindruck wurde ich bestärkt, als ich gotische Kathedralen kennenle rnte. Aber hier war die Unendlichkeit von Kosmos und Chaos, von Sinn und Sinnlosigkeit, von subjektloser Absichtlichkeit und mechanischer Gesetzlichkeit im Stein verhüllt. Er enthielt und war zugleich das bodenlose Geheimnis des Seins, ein Inbegriff des Geistes. Das war es, was ich dunkel als meine Verwandtschaft mit dem Stein fühlte: die Gottesnatur in beiden, dem Toten und dem Lebenden.

Es wäre mir damals, wie schon gesagt, nicht möglich gewesen, meine Gefühle und Ahnungen in anschaulicher Weise zu formulieren, denn sie ereigneten sich in Nr. 2, während mein aktives und erfassendes Ich, Nr. l, sich passiv verhielt und aufgenommen war in die Sphäre des «alten Mannes», der in die Jahrhunderte gehörte. Ich erlebte ihn und seinen Einfluß merkwürdig unreflek-tiert: wenn er gegenwärtig war, verblaßte Nr. l bis zum Nichtvorhandensein, und wenn das Ich, das mit Nr. l in zunehmendem Maße identisch wurde, die Szene beherrschte, dann war der «alte Mann», wenn überhaupt erinnert, ein femer und unwirklicher Traum.

Vom sechzehnten bis neunzehnten Lebensjahr hob sich langsam die Wolke meines Dilemmas. Damit besserte sich meine depressive Gemütsverfassung, und Nr. l trat immer deutlicher hervor. Die Schule und das städtische Leben nahmen mich in Anspruch, auch durchdrang oder verdrängte mein vermehrtes Wissen allmählich die Welt der ahnungsvollen Eingebungen. Ich fing an, bewußte Fragestellungen systematisch zu verfolgen. So las ich eine kleine Einführung in die Geschichte der Philosophie und gewann dadurch einen gewissen Überblick über all das, was schon gedacht worden war. Ich fand zu meiner Genugtuung, daß viele meiner Eingebungen ihre historischen Verwandten hatten. Ich liebte vor allem die

Gedanken Pythagoras', Heraklits, Empedokles' und Platos trotz der Langfädigkeit des sokratischen Arguments. Sie waren schön und akademisch wie eine Gemäldegalerie, aber etwas fern. Erst in Meister Eckhart fühlte ich den Hauch des Lebens, ohne daß ich ihn ganz verstanden hätte. Die Christliche Scholastik ließ mich kalt, und der aristotelische Intellektualismus des Hl. Thomas erschien mir lebloser als eine Sandwüste. Jch dachte: Sie alle wollen mit logischen Kunststücken etwas erzwingen, was sie nicht empfangen haben, und um das sie nicht wirklich wissen. Sie wollen sich einen Glauben anbeweisen, wo es sich doch um Erfahrung handelt! - Sie kamen mir vor wie Leute, die vom Hörensagen wußten, daß es Elefanten gibt, aber selber keine gesehen hatten. Nun versuchten sie mit Argumenten zu beweisen, daß es aus logischen Gründen dergleichen Tiere geben müsse, und daß sie so beschaffen sein müßten, wie sie es sind. Die kritische Philosophie des 18. Jahrhunderts ging mir aus verständlichen Gründen zunächst nicht ein. Hegel schreckte mich ab durch seine ebenso mühsame wie anmaßende Sprache, die ich mit unverhohlenem Mißtrauen betrachtete. Er kam mir vor wie einer, der in seinem eigenen Wörtergebäude eingesperrt war und sich dazu noch mit stolzer Gebärde in seinem Gefängnis erging.

Der große Fund meiner Nachforschung aber war Schopenhauer. Er war der erste, der vom Leiden der Welt sprach, welches uns sichtbar und aufdringlich umgibt, von Verwirrung, Leidenschaft, Bösem, das alle anderen kaum zu beachten schienen und immer in Harmonie und Verständlichkeit auflösen wollten. Hier war endlich einer, der den Mut zur Einsicht hatte, daß es mit dem Weltengrund irgendwie nicht zum Besten stand. Er sprach weder von einer allgütigen und allweisen Providenz der Schöpfung, noch von einer Harmonie des Gewordenen, sondern sagte deutlich, daß dem leidensvollen Ablauf der Menschheitsgeschichte und der Grausamkeit der Natur ein Fehler zugrundelag, nämlich die Blindheit des weltschaffenden Willens. Ich fand dies bestätigt durch meine frühen Beobachtungen von kranken und sterbenden Fischen, von räudigen Füchsen, erfrorenen oder verhungerten Vögeln, von der erbarmungslosen Tragödie, die eine blumengeschmückte Wiese verbirgt: Regenwürmer, die von Ameisen zu Tode gequält werden, Insekten, die einander Stück für Stück auseinanderreißen usw. Aber auch meine Erfahrungen am Menschen hatten mich alles andere als den Glauben an ursprüngliche menschliche Güte und

Sittlichkeit gelehrt. Ich kannte mich selber gut genug, um zu wis sen, daß ich mich sozusagen nur graduell von einem Tier unterschied.

Schopenhauers düsteres Gemälde der Welt fand meinen ungeteilten Beifall, nicht aber seine Problemlösung. Es war mir sicher, daß er mit seinem «Willen» eigentlich Gott, den Schöpfer, meinte und diesen als «blind» bezeichnete. Da ich aus Erfahrung wußte, daß Gott durch keine Blasphemie gekränkt wurde, sondern sie im Gegenteil sogar fordern konnte, um nicht nur die helle und positive Seite des Menschen, sondern auch dessen Dunkelheit und Widergöttlichkeit zu haben, so verursachte mir Schopenhauers Auffassung keine Beschwerden. Ich hielt sie für ein durch die Tatsachen gerechtfertigtes Urteil. Umso mehr aber enttäuschte mich sein Gedanke, daß der Intellekt dem blinden Willen nur dessen Bild entgegenhalten müsse, um diesen zur Umkehr zu veranlassen. Wie konnte der Wille überhaupt dies Bild sehen, da er ja blind war? Und warum sollte er, auch wenn er es sehen könnte, dadurch bewogen werden, umzukehren, da das Bild ihm gerade das zeigen würde, was er ja wollte? Und was war der Intellekt? Er ist Funktion der menschlichen Seele, kein Spiegel, sondern ein infinites!-males Spiegelchen, das ein Kind der Sonne entgegenhält und erwartet, daß sie davon geblendet würde. Das erschien mir als völlig inadaequat. Es war mir rätselhaft, wie Schopenhauer auf eine derartige Idee verfallen konnte.

Das veranlaßte mich, ihn noch gründlicher zu studieren, wobei ich in zunehmendem Maße von seiner Beziehung zu Kant beeindruckt wurde. Ich begann daher, die Werke dieses Philosophen, vor allem die «Kritik der reinen Vernunft» mit vielem Kopfzerbrechen zu lesen. Meine Bemühungen lohnten sich, denn ich glaubte den Grundfehler in Schopenhauers System entdeckt zu haben: er hatte die Todsünde begangen, eine metaphysische Aussage zu machen, nämlich ein bloßes nooumenon, ein «Ding an sich» zu hypostasieren und zu qualifizieren. Dies ergab sich aus Kants Erkenntnistheorie, welche für mich eine womöglich noch größere Erleuchtung als Schopenhauers «pessimistisches» Weltbild bedeutete.