Diese philosophische Entwicklung erstreckte sich von meinem siebzehnten Lebensjahr bis weit in die Jahre meines Medizinstudiums hinein. Sie hatte eine umwälzende Änderung meiner Einstellung zu Welt und Leben im Gefolge. War ich früher scheu, angst
lich, mißtrauisch, bleich, mager und von anscheinend schwankender Gesundheit, so meldete sich jetzt ein gewaltiger Appetit in jeder Hinsicht. Ich wußte, was ich wollte und griff danach. Offensichtlich wurde ich auch zugänglicher und mitteilsamer. Ich entdeckte, daß die Armut kein Nachteil und bei weitem nicht der Hauptgrund der Leiden war und daß die Söhne der Reichen keineswegs im Vorteil gegenüber den armen und schlechtbekleideten Jungen waren. Es gab viel tiefere Gründe für Glück und Unglück als den Umfang des Taschengeldes. Ich gewann mehr und bessere Freunde als zuvor. Ich fühlte festeren Boden unter den Füßen und fand sogar den Mut. von meinen Gedanken offen zu reden. Das war aber, wie ich nur zu bald erfuhr, ein Mißverständnis, das ich zu bereuen hatte. Ich stieß nicht nur auf Befremden oder Spott, sondern auch auf feindselige Ablehnung. Zu meinem größten Erstaunen und Mißbehagen entdeckte ich, daß ich gewissen Leuten als Aufschneider und «blagueur» galt. Auch die frühere Verdächtigung als Betrüger wiederholte sich, wenn auch in etwas anderer Form. Wiederum handelte es sich um ein Aufsatzthema, das mein Interesse erregt hatte. Darum schrieb ich den Aufsatz mit besonderer Sorgfalt, wobei ich meinen Stil peinlichst ausfeilte. Das Resultat war niederschmetternd. «Hier ist ein Aufsatz von Jung», sagte der Lehrer, «er ist schlechthin brillant, aber dermaßen aus dem Ärmel geschüttelt, daß man sieht, wie wenig Ernsthaftigkeit und Mühe darauf verwendet worden sind. Das kann ich dir sagen, Jung, mit dieser Leichtfertigkeit wirst du nicht durchs Leben kommen. Da braucht es Ernst und Gewissenhaftigkeit, Arbeit und Mühe. Da sieh dir den Aufsatz von D. an. Er hat nichts von deiner Brillanz, dafür ist er ehrlich, gewissenhaft und fleißig. Das ist der Weg zum Erfolg im Leben.»
Meine Niedergeschlagenheit war nicht so tief wie beim ersten Mal, denn der Lehrer war doch - contre coeur - beeindruckt von meinem Aufsatz und behauptete wenigstens nicht, daß ich ihn gestohlen hätte. Ich protestierte zwar gegen seine Vo rwürfe, wurde aber abgetan mit der Bemerkung: «Nach der Ars Poetica ist zwar dasjenige Gedicht das beste, dem man die Mühe seiner Entstehung nicht anmerkt. Aber das gilt nicht von deinem Aufsatz. Da kannst du mir nichts weismachen. Er ist nur leichtfertig und ohne Anstrengung hingeworfen.» Es waren, wie ich wußte, ein paar gute Gedanken drin, auf die der Lehrer aber überhaupt nicht einging.
Dieser Fall erbitterte mich zwar, aber die Verdächtigungen unter meinen Kameraden wogen mir schwerer, denn sie drohten mich wieder in meine frühere Isolierung und Depression zurückzuwerfen. Ich zerbrach mir den Kopf darüber, wodurch ich solche Verleumdungen verschuldet haben könnte. Durch vorsichtige Erkundigungen erfuhr ich, daß man mir mißtraute, weil ich oft Bemerkungen hinwarf oder Andeutungen machte von Dingen, die ich doch gar nicht wissen könne, so z. B. gäbe ich mir den Anschein, als ob ich etwas von Kant und Schopenhauer verstünde oder von Paläontologie, die man in der Schule ja gar nicht «hätte». Diese erstaunlichen Feststellungen zeigten mir, daß eigentlich alle brennenden Fragen nicht zum Alltag, sondern, wie mein Urgeheimnis, zur Gotteswelt gehörten, von der man besser schweigen sollte,,
Ich hütete mich von da an, diese «Esoterik» unter meinen Kameraden zu erwähnen, und unter den Erwachsenen wußte ich niemanden, mit dem ich hätte reden können, ohne befürchten zu müssen, daß man mich für einen Aufschneider und Betrüger hielt. Was ich dabei am peinlichsten empfand, war die Verh inderung und Lähmung meiner Versuche, die Trennung der beiden Welten in mir aufzuheben. Immer wieder traten Ereignisse ein, die mich aus meinem gewöhnlichen Alltagsdasein hinaus in die grenzenlose «Gotteswelt» drängten.
Der Ausdruck «Gotteswelt», der für g ewisse Ohren sentimenta-lisch klingt, hatte für mich keineswegs diesen Charakter. Zur «Gotteswelt» gehörte alles «Übermenschliche», blendendes Licht, Finsternis des Abgrunds, die kalte Apathie des Grenzenlosen in Zeit und Raum und das unheimlich Groteske der irrationalen Zufalls welt. «Gott» war für mich alles, nur nicht erbaulich.
IV
Je älter ich wurde, desto häufiger wurde ich von meinen Eltern und von anderen Leuten gefragt, was ich eigentlich werden wolle. Darüber war ich mir keineswegs im klaren. Meine Interessen zogen mich nach verschiedenen Seiten. Einesteils zog mich die Naturwis senschaft mit ihrer auf Tatsachen beruhenden Wahrheit mächtig an, andernteils faszinierte mich alles, was mit vergleichender Religionsgeschichte zusammenhing. In ersterer waren es Zoologie, Paläontologie und Geologie, in letzterer griechisch-römische, ägyptische und prähistorische Archäologie, denen meine hauptsächlichen Interessen galten. Damals war es mir allerdings unbekannt, wie sehr diese Auswahl verschiedenster Disziplinen meiner doppelseitigen Natur entsprach: in der Naturwissenschaft befriedigte mich die konkrete Tatsache mit ihren geschichtlichen Vorstufen, in der Religionswissenschaft die geistige Problematik, in die auch die Philosophie einging. In ersterer vermißte ich den Faktor des Sinnes, in letzterer die Empirie. Die Naturwissenschaft entsprach in hohem Maße den geistigen Bedürfnissen von Nr. l, die geisteswissenschaftlichen, beziehungsweise historischen Disziplinen hingegen bedeuteten einen wohltätigen Anschauungsunterricht für Nr. 2.
In dieser widersprüchlichen Situation konnte ich mich lange nicht zurechtfinden. Ich bemerkte, daß mein Onkel, der Senior der Familie meiner Mutter, welcher Pfarrer zu St. Alban in Basel war und in der Familie den Übernamen «Isemännli» trug, mir sachte die Theologie in die Nähe schob. Es war ihm nicht entgangen, mit welch ungewöhnlicher Aufmerksamkeit ich dem Tischgespräch folgte, wenn er mit einem seiner Söhne, die allesamt Theologen waren, ein Fachproblem diskutierte. Ich war nämlich durchaus nicht sicher, ob es nicht am Ende Theologen gab, die mit den schwindelnden Höhen der Universität in naher Beziehung standen und darum mehr wußten als mein Vater. Ich gewann aus diesen Tischgesprächen jedoch nie den Eindruck, daß sie sich mit wirklichen Erfahrungen und gar mit solchen wie den meinen beschäftigten, sondern sie diskutierten ausschließlich Lehrmeinungen über die biblischen Berichte, die mir wegen der zahlreichen und wenig glaubhaften Wundererzäh lungen ausgesprochen unbehaglich waren.
Ich durfte während meiner Gymnasialzeit jeden Donnerstag bei diesem Onkel zu Mittag essen. Ich war ihm aber nicht nur dafür dankbar, sondern auch für den einzigartigen Vorteil, daß ich an seinem Tisch bisweilen einer erwachsenen, intelligenten und intellektuellen Unterhaltung folgen durfte. Daß es etwas derartiges überhaupt gab, war für mich ein großes Erlebnis, denn in meiner Umgebung hatte ich nie gehört, wie jemand sich über gelehrte Gegenstände unterhielt. Ich richtete zwar die Ansprüche an meinen Vater, begegnete aber dort einer mir unverständlichen Ungeduld und ängstlichen Abwehr. Ich verstand erst einige Jahre später, daß mein armer Vater nicht denken durfte, weil er von inneren Zweifeln zerrissen war. Er war auf der Flucht vor sich selber und
insistierte deshalb auf dem blinden Glauben, den er erkämpfen mußte und mit krampfhafter Anstrengung erzwingen wollte. Darum konnte er ihn nicht als Gnade empfangen.
Mein Onkel und meine Vettern konnten mit aller Ruhe über dogmatische Lehrmeinungen von den Kirchenvätern bis zur neuesten Theologie diskutieren. Sie schienen wohl begründet in der Sicherheit einer selbstverständlichen Weltordnung. Doch kam darin der Name Nietzsche überhaupt nicht vor, und der Name Jakob Burckhardt wurde nur mit widerwilliger Anerkennung geäußert. Burckhardt wurde «liberal», «etwas zu freisinnig» genannt, und damit deutete man an, daß er irgendwie schief zu der ewigen Ordnung der Dinge stand. Mein Onkel war, wie ich wußte, ahnungslos, wie fern ich der Theologie stand, und ich bedauerte es sehr, daß ich ihn enttäuschen mußte. Ich hätte es damals aber nie gewagt, mit meinen Problemen herauszurücken, denn ich wußte zu genau, welch unabsehbare Katastrophe für mich daraus hervorgehen würde. Ich hatte ja nichts in den Händen, womit ich mich hätte verteidigen können. Im Gegenteil, die Persönlichkeit Nr. l war entschieden im Vordringen, mit meinen allerdings noch spärlichen naturwissenschaftlichen Kenntnissen, die völlig vom damaligen Wissenschaftsmaterialismus durchtränkt waren. Nur mühsam wurde sie in Schach gehalten durch das Zeugnis der Geschichte und durch die «Kritik der Reinen Vernunft», die anscheinend niemand in meiner Umgebung verstand. Zwar wurde Kant von meinen Theologen in lobendem Ton erwähnt. Seine Grundsätze wurden jedoch nur auf den gegnerischen Standpunkt angewandt, nicht aber auf den eigenen. Auch dazu sagte ich nichts.