Mein Vater stand offenbar unter dem Eindruck, die Psychiater hätten im Gehirn etwas entdeckt, was bewies, daß an der Stelle, wo der Geist sein sollte, «materia» vorhanden war und nichts «Luftartiges». Damit stimmten verschiedene Mahnungen meines Vaters überein, ich solle, wenn ich Medizin studiere, ja kein Materialist werden. Für mich bedeutete aber seine Mahnung, ich solle ja nichts glauben, denn ich wußte, daß die Materialisten, genau wie die Theologen, an ihre Definitionen glaubten, und ich wußte auch, daß mein armer Vater einfach vom Regen in die Traufe gekommen war. Ich hatte erkannt, daß der mir immer hochgepriesene Glaube ihm diesen fatalen Streich gespielt hatte und nicht nur ihm, sondern den meisten gebildeten und ernsthaften Leuten, die ich kannte. Als die Erzsünde des Glaubens erschien mir die Tatsache, daß er der Erfahrung Vorgriff. Woher wußten die Theologen, daß Gott absichtlich gewisse Dinge arrangiert hatte und gewisse andere «zuließ», und woher die Psychiater, daß die Materie die Eigenschaften des menschlichen Geistes besaß? Ich stand in keinerlei Gefahr, dem Materialismus zu verfallen, wohl aber mein Vater, was mir immer deutlicher wurde. Offenbar hatte ihm jemand etwas von der «Suggestion» zugeraunt, denn er las damals, wie ich entdeckte, Bernheims Buch über Suggestion, übersetzt von Sigmund Freud 1. Das war mir neu und bedeutsam, denn bisher hatte ich meinen Vater nur Romane oder etwa eine Reisebeschreibung lesen sehen. Alle «gescheiten»
* «Die Suggestion und ihre Heilwirkung», Leipzig und Wien 1888.
und interessanten Bücher schienen verpönt zu sein. Die Lektüre aber machte ihn nicht glücklich. Seine depressiven Launen häuften und verstärkten sich, ebenso seine Hypochondrie. Er hatte schon seit einer Reihe von Jahren über alle möglichen abdominalen Symptome geklagt, ohne daß der Arzt etwas Definitives feststellen konnte. Jetzt klagte er über Empfindungen, als hätte er «Steine im Bauch». Wir nahmen das lange Zeit nicht ernst, aber schließlich wurde der Arzt bedenklich. Das war Ende Sommer 1895.
Im Frühjahr hatte ich mein Studium an der Universität Basel begonnen. Die einzige Zeit in meinem Leben, wo ich mich gelangweilt habe, nämlich die Schulzeit, war zu Ende, und die goldenen Tore zur universitas litterarum und zur akademischen Freiheit öffneten sich mir: ich würde die Wahrheit über die Natur in ihren Hauptaspekten hören, ich würde alles über den Menschen, anatomisch und physiologisch, in Erfahrung bringen, und daran würde sich die Kenntnis der biologischen Ausnahmezustände, nämlich der Krankheiten, reihen. Zu allem kam, daß ich in eine farbentragende Verbindung, die Zofingia, eintreten konnte, der schon mein Vater angehört hatte. Als ich ein junger Fuchs war, kam er sogar mit mir auf einen Verbindungsausflug in ein Weindorf des Markgrafenlandes und hielt dort eine launige Rede, in der zu meinem Entzücken der frohe Geist seiner eigenen studentischen Vergangenheit zum Vorschein kam. Zugleich erkannte ich blitzartig, daß sein eigenes Leben mit dem Abschluß des Studiums zum endgültigen Stillstand gekommen war, und der Vers eines Studentenliedes fiel mir ein:
Sie zogen mit gesenktem Blick
In das Philisterland zurück.
0 jerum, jerum, jerum,
0 quae mutatio rerum!
Diese Worte fielen mir schwer auf die Seele. Er war ja einstmals ein enthusiastischer Student im ersten Semester gewesen wie ich;
die Welt hatte sich ihm auf getan wie mir; die unendlichen Schätze des Wissens hatten vor ihm gelegen wie vor mir. Was konnte es gewesen sein, das ihm alles geknickt, versauert und verbittert hatte? Ich fand keine Antwort oder zu viele. Die Rede, die er an jenem Sommerabend beim Weine hielt, war seine letzte gelebte Erinnerung an eine Zeit, in der er gewesen war, was er hätte sein sollen. Bald hernach verschlimmerte sich sein Zustand. Er wurde im Spätherbst 1895 bettlägerig, und zu Anfang des Jahres 1896 starb er.
Ich war nach dem Kolleg nach Hause gekommen und fragte nach ihm. «Ach, es ist wie immer. Er ist recht schwach», sagte die Mutter. Er flüsterte ihr etwas zu, und sie sagte, mit ihrem Blick seinen deliriösen Zustand andeutend: «Er möchte wissen, ob du dein Staatsexamen schon bestanden hast?» Ich sah, daß ich lügen mußte: «Ja, es ist gut gegangen.» Er seufzte erleichtert und schloß die Augen. Etwas später ging ich nochmals zu ihm. Er war allein. Meine Mutter hatte im Nebenzimmer etwas zu tun. Er röchelt e, und ich sah, daß er in der Agonie war. Ich stand an seinem Bett, gebannt. Ich hatte noch nie einen Menschen sterben sehen. Plötzlich hörte er auf zu atmen. Ich wartete und wartete auf den nächsten Atemzug. Er kam nicht. Jetzt erinnerte ich mich an meine Mutter und ging ins Nebenzimmer, wo sie am Fenster saß, mit Stricken beschäftigt. «Er stirbt», sagte ich. Sie kam mit mir zum Bett und sah, daß er tot war. Sie sagte, wie wundernd: «Wie schnell ist doch alles vorübergegangen.»
Die nächsten Tage waren dumpf und schmerzhart, und wenig ist mir davon im Gedächtnis geblieben. Einmal sprach meine Mutter in ihrer «zweiten» Stimme zu mir oder zu der mich umgebenden Luft, und sagte: «Er ist zur Zeit für dich gestorben», was mir zu bedeuten schien: Ihr habt euch nicht verstanden, und er hätte dir hinderlich werden können. - Diese Auffassung schien mir mit Nr. 2 meiner Mutter übereinzustimmen.
Das «für dich» hat mich furchtbar getroffen, und ich fühlte, daß nun ein Stück alter Zeit unwiderruflich zu Ende gegangen war.Andererseits erwachte damals ein Stück Männlichkeit und Freiheit in mir. Nach dem Tode
meines Vaters zog ich in sein Zimmer, und innerhalb der Familie trat ich an
seine Stelle. Ich mußte z. B. meiner Mutter wöchentlich das Haushaltsgeld
geben, weil s ie nicht haushalten und nicht mit Geld umgehen konnte. Etwa sechs Wochen nach seinem Tode erschien mein Vater mir im Traum.
Plötzlich stand er vor mir und sagte, er käme aus den Ferien. Er habe sich gut
erholt, und nun kehre er nach Hause zurück. Ich dachte, er würde mir
Vorwürfe machen, weil ich in sein Zimmer gezogen war. Aber keine Rede
davon! Trotzdem schämte ich mich, weil ich mir eingebildet hatte, er sei tot.
Nach ein paar Tagen wiederholte sich der Traum, daß mein Vater als Genesener nach Hause zurückkehrte, und wieder machte ich mir Vorwürfe, weil ich gedacht hatte, er sei gestorben. Ich fragte mich immer wieder:
«Was heißt es, daß mein Vater im Traume zurückkehrt? Daß er so »wirklich"
scheint?» Das war ein unvergeßliches Erlebnis und zwang mich zum ersten
Mal, über das Leben nach dem Tode nachzudenken.
Mit dem Tode meines Vaters erhoben sich schwerwiegende Probleme in bezug auf die Fortsetzung meines Studiums. Ein Teil der mütterlichen Verwandtschaft war der Ansicht, ich sollte mir eine Stelle als Commis in einem Handelshaus suchen, um möglichst bald etwas zu verdienen. Der jüngste Bruder meiner Mutter anerbot sich, ihr zu helfen, da die vorhandenen Mittel zum Leben bei weitem nicht genügten. Ein Onkel väterlicherseits half mir. Am Ende meines Studiums schuldete ich ihm Fr. 3000.-. Das übrige verdiente ich mir durch Unterassistententätigkeit und durch privaten Vertrieb einer kleinen Antiquitätensammlung, die ich von einer alten Tante übernommen hatte und Stück um Stück vorteilhaft verkaufte, wobei mir ein sehr willkommener Gewinnanteil zufiel.
Ich möchte die Zeit der Armut nicht missen. Man lernt die einfachen Dinge schätzen. Ich erinnere mich noch sehr gut, daß ich einmal ein Kistchen Zigarren geschenkt erhielt. Da kam ich mir fürstlich vor. Sie reichten ein ganzes Jahr, nur sonntags habe ich mir eine geleistet.
Rückblickend kann ich sagen: die Studienzeit war eine schöne Zeit für mich. Alles war geistig belebt, und es war auch eine Zeit der Freundschaften. Im Zofinger Verein hielt ich mehrere Vorträge über theologische und psychologische Themen. Wir hatten die angeregtesten Gespräche und durchaus nicht nur über medizinische Fragen. Wir stritten uns über Schopenhauer und Kant. Wir wußten Bescheid über die verschiedenen Stilarten des Cicero und interessierten uns für Theologie und Philosophie. Man konnte sozusagen bei allen klassische Bildung und eine gepflegte geistige Tradition voraussetzen.