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Zu meinen nächsten Freunden gehörte Albert Oeri. Mit ihm verband mich Freundschaft bis zu seinem Tode (1950). Eigentlich war unsere Beziehung um die zwanzig Jahre älter als wir selber, indem sie schon Ende der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit der Freundschaft unserer Väter angehoben hatte. Aber ungleich jenen, die das Schicksal in späteren Jahren allmählich voneinander trennte, führte es Oeri und mich nicht nur zusammen, sondern hielt uns auch zusammen durch das Band der Treue bis zum Ende.

Ich hatte Oeri als Mitglied der Zofingia kennengelernt. Er war ebenso humor- wie gemütvoll und ein trefflicher Erzähler. Besonders eindrücklich schien mir, daß er ein Großneffe Jakob Burck-hardts war, den wir jungen Basler Studenten als den schon sagenhaften, großen Mann, der in unserer Mitte gelebt und gewirkt hatte, verehrten. Ja, Oeri vermittelte etwas vom äußeren Wesen dieses seltenen Mannes durch gewisse Züge seines Gesichtes, durch seine Bewegungen und seine Sprechweise. Auch über Bachofen, dem ich, ebenso wie Burckhardt, dann und wann auf der Straße begegnet bin, erfuhr ich manches von meinem Freunde. Aber noch mehr als diese Äußerlichkeiten zogen mich seine Nachdenklichkeit an, die Art und Weise, wie er geschichtliche Vorgänge betrachtete, die schon damals erstaunliche Reife seines politischen Urteils und seine oft verblüffende Treffsicherheit in der Erfassung zeitgenössischer Persönlichkeiten, die sein Witz unnachahmlich umreißen konnte. Seine Skepsis sah die Eitelkeit und Leere auch unter den eindruckvollsten Draperien.

Ein Dritter in unserem Bunde war der leider früh verstorbene Andreas Vischer, der nachmalige langjährige Leiter des Spitals von Urfa in Kleinasien. Zusammen diskutierten wir im «Adler» zu Weil und im «Hirzen» zu Haltingen bei einem Schoppen Markgräfler alles unter der Sonne und dem sich wandelnden Monde. Diese Unterhaltungen bildeten die unvergeßlichen Glanzpunkte meiner Studentenzeit.

Da Beruf und Wohnort uns trennten, sahen wir im folgenden Jahrzehnt nicht viel voneinander. Aber als die feierliche Stunde des Lebensmittags sich Oeri und mir, den beiden Gleichaltrigen, näherte, führte uns das Schicksal auch wieder mehr zusammen. Als wir das fünfunddreißigste Lebensjahr erreicht hatten, machten wir ahnungslos zusammen eine denkwürdige Reise zu Schiff, in meinem Segelboot nämlich, und unser Meer war der Zürichsee. Als Bootsmannschaft hatte ich drei junge Ärzte, die damals bei mir arbeiteten. Unsere Fahrt ging nach Walenstadt und zurück. Sie dauerte vier Tage. Wir fuhren vor frischem Winde mit dem Spinnaker. Oeri hatte die Voßsche Übersetzung der Odyssee mitgebracht und las uns während der Fahrt das Abenteuer bei Kirke und die Nekyia vor. Ein Glanz lag über dem glitzernden See und den in silbernem Dunst verschleierten Ufern.

«Uns nun ließ in die Segel des schwarz geschnäbelten Schiffes Fahrwind, schwellenden Hauches, nachwehn als guten Begleiter, Kirke, die schöngelockte, die hehre melodische Göttin.^

Doch unruhevoll dämmerten mir hinter den leuchtenden homerischen Bildern Gedanken der Zukunft, von der größeren Fahrt über den pelagus mundi, die uns noch bevorstand. Oeri, der bis her gezaudert hatte, heiratete nicht lange danach, und mir bescherte das Schicksal, wie dem Odysseus, eine Nekyia, den Abstieg in den finsteren Hades2. Dann kamen die Kriegsjahre, und wiederum sah ich ihn nur selten. Auch die großen Gespräche verstummten. Man sprach eigentlich nur noch von Vordergründigem. Aber ein inneres Gespräch hob zwischen uns an, wie ich aus gewis sen vereinzelten Fragen, die er mir stellte, erraten konnte. Er war ein kluger Freund und wußte um mich in seiner Art. Dieses stillschweigende Einverständnis und seine unwandelbare Treue bedeuteten mir sehr viel. Im letzten Jahrzehnt seines Lebens sahen wir uns öfters wieder, weil wir beide wußten, daß die Schatten länger wurden.

In bezug auf die religiösen Fragen empfing ich während meiner Studentenzeit viele Anregungen. Zu Hause bot sich mir die hochwillkommene Gelegenheit, mich mit einem Theologen, dem Vikar meines verstorbenen Vaters, zu unterhalten. Er zeichnete sich nicht nur durch seinen phänomenalen Appetit aus, der mich in den Schatten stellte, sondern auch durch große Gelehrsamkeit. Von ihm lernte ich vieles aus der Patristik, der Dogmengeschichte, und insbesondere vernahm ich eine Menge Neues über die protestantische Theologie. Die Ritschlsche Theologie war damals an der Tagesordnung. Ihre historische Auffassung und vor allem das Gleichnis vom Eisenbahnzug irritierten michs. Auch die Theologiestudenten, mit denen ich im Zofinger Verein diskutierte, schienen sich alle

1 Nekyia von NEXUZ; (Leichnam) ist der Titel des 11. Gesanges der «Odyssee». Es bedeutet das Totenopfer zur Heraufbeschwörung der Abgeschiedenen aus dem Hades. Nekyia ist daher eine passende Bezeichnung für einen Abstieg in das Totenland, wie zum Beispiel in der «Divina Commedia» oder in der «klassischen Walpurgisnacht» im Faust. Jung braucht es hier im übertragenen Sinne und spielt auf seinen «Abstieg» in die Bilderwelt des Unbewußten an, von dem im Kapitel «Die Auseinandersetzung mit dem Unbewußten» die Rede sein wird. A. J.

s R. braucht das Gleichnis von einem Eisenbahnzug, der rangiert wird; hinten stößt die Lokomotive an, und dieser Ruck setzt sich durch den ganzen Zug fort: so gehe der Anstoß Christi durch die Jahrhunderte. A. J.

mit der Idee des historischen Effektes, der vom Christusleben ausgegangen war, zu begnügen. Diese Anschauung kam mir nicht nur schwachsinnig, sondern auch tot vor. Ich konnte mich auch nicht mit der Ansicht befreunden, die Christus in den Vordergrund rückte und ihn zur allein entscheidenden Figur im Drama von Gott und Mensch machte. Dies stand mir im absoluten Gegensatz zu Christi eigener Auffassung, daß der Hl. Geist, der ihn gezeugt hatte, nach seinem Tode ihn bei den Menschen ersetzen werde.

Der Hl. Geist bedeutete mir eine adaequate Verdeutlichung des unvorstellbaren Gottes. Seine Wirkungen waren nicht nur erhabener Natur, sondern auch von wunderlicher und sogar zweifelhafter Art, wie die Taten Jahwes, welch letzteren ich im Sinne meines Konfirmandenunterrichtes naiv mit dem christlichen Gottesbild identifizierte. (Auch wurde mir damals die Tatsache nicht bewußt, daß der richtige Teufel erst mit dem Christentum geboren worden war). Der «her Jesus» war mir unzweifelhaft ein Mensch und daher zweifelhaft, resp. ein bloßes Sprachrohr des Hl. Geistes. Diese höchst unorthodoxe Auffassung, die mit der theologischen um 90 bis 180 Grad differierte, stieß natürlich auf tiefstes Unverständnis. Die Enttäuschung, die ich darüber empfand, führte mich allmählich zu einer Art von resigniertem Desinteressement, und meine Überzeugung, daß hier einzig die Erfahrung entscheiden könne, verstärkte sich immer mehr. Mit «Candide», den ich damals las, konnte ich sagen: «Tout cela est bien dit - mais il faut cultiver notre jardin», womit die Naturwissenschaft gemeint war.

Im Laufe meiner ersten Studienjahre machte ich die Entdek-kung, daß die Naturwissenschaft zwar unendlich viele Kenntnisse ermöglichte, aber nu r sehr spärliche Erkenntnis und diese in der Hauptsache spezialisierter Natur. Ich wußte aus meiner philosophischen Lektüre, daß alledem die Tatsache der Psyche zugrundelag. Ohne die Seele gab es weder Kenntnis noch Erkenntnis. Man hörte von ihr überhaupt nichts. Sie war zwar überall stillschweigend vorausgesetzt, aber auch wo sie erwähnt wurde, wie bei C. G. Carus, bestand keine wirkliche Kenntnis, sondern nur philosophische Spekulation, die so oder anders lauten konnte. Aus dieser merkwürdigen Beobachtung konnte ich nicht klug werden.

Zu Ende meines zweiten Semesters aber machte ich eine folgenschwere Entdeckung: ich fand in der Bibliothek des Vaters eines meiner Studienfreunde, eines Kunsthistorikers, ein kleines Büchlein aus den siebziger Jahren über Geistererscheinungen. Es war ein