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Bericht über die Anfänge des Spiritismus, von einem Theologen verfaßt. Meine anfänglichen Zweifel zerstreuten sich rasch, denn ich konnte nicht umhin zu sehen, daß es sich im Prinzip um gleiche oder ähnliche Geschichten handelte, wie ich sie seit frühester Kindheit auf dem Lande immer wieder gehört hatte. Das Material war zweifellos authentisch. Aber die große Frage: sind diese Geschichten auch physisch wahr? war mir noch nicht sicher beantwortet. Immerhin konnte ich feststellen, daß offenbar zu allen Zeiten und an den verschiedensten Orten der Erde immer wieder dieselben Geschichten berichtet wurden. Dafür mußte doch ein Grund vorliegen. Keinesfalls konnte er darin zu suchen sein, daß überall die gleichen religiösen Voraussetzungen bestanden. Dies war offenkundig nicht der Fall. So mußte es mit dem objektiven Verhalten der menschlichen Seele zusammenhängen. Aber gerade über diese Hauptfrage, nämlich die objektive Natur der Seele, war überhaupt nichts in Erfahrung zu bringen, als was die Philosophen sagten.

So seltsam und zweifelhaft sie mir auch vorkamen, waren die Beobachtungen der Spiritisten für mich doch die ersten Berichte über objektive psychische Phänomene. Namen wie Zoellner und Crookes machten mir Eindruck, und ich las sozusagen die ganze mir damals erreichbare Literatur über Spiritismus. Natürlich sprach ich davon auch zu meinen Kameraden, die zu meinem großen Erstaunen teils mit Spott und Unglauben, teils mit ängstlicher Abwehr reagierten. Ich wunderte mich einerseits über die Sicherheit, mit der sie behaupten konnten, dergleichen Dinge wie Spuk und Tischrücken seien unmöglich und deshalb Betrug, andererseits über ihre Abwehr, die einen ängstlichen Charakter zu haben schien. Ich war zwar auch nicht sicher in bezug auf die absolute Zuverlässigkeit der Berichte, aber warum sollte es schließlich keinen Spuk geben? Woher wußten wir überhaupt, daß etwas «unmöglich» war? Und vor allem - was sollte die Ängstlichkeit bedeuten? Ich selber fand solche Möglichkeiten überaus interessant und anziehend. Sie verschönerten mein Dasein um ein Vielfaches. Die Welt gewann an Tiefe und Hintergrund. Sollten z. B. die Träume auch mit Geistern zu tun haben? Kants «Träume eines Geistersehers» kam mir wie gerufen und bald entdeckte ich auch Karl Duprel, der diese Ideen philosophisch und psychologisch ausgewertet hatte. Ich grub Eschenmayer, Passavant, Justinus Kerner und Görres aus und las sieben Bände von Swedenborg.

Nr. 2 meiner Mutter war sehr einverstanden mit meinem Enthusiasmus, aber meine weitere Umgebung war entmutigend. Bisher war ich nur gegen den Stein traditioneller Anschauungen geprallt; jetzt aber stieß ich auf den Stahl der Voreingenommenheit und einer positiven Unfähigkeit, unkonventionelle Möglichkeiten gelten zu lassen, und dies bei meinen nächsten Freunden. Ihnen erschien mein Interesse noch verdächtiger als meine Beschäftigung mit der Theologie! Ich hatte das Gefühl, an den Rand der Welt gestoßen zu sein. Was mich aufs brennendste interessierte, war den anderen Staub und Nebel, ja sogar Grund zur Ängstlichkeit.

Angst wovor? Ich konnte keine Erklärung hiefür finden. Es war doch nicht unerhört oder welterschütternd, daß es vielleicht Ereignisse gab, welche die beschränkenden Kategorien von Zeit, Raum und Kausalität überschritten? Es gab ja sogar Tiere, die das Wetter und Erdbeben vorauswitterten, Träume, die den Tod bestimmter Personen anzeigten, Uhren, die im Moment des Todes stillstanden, Gläser, die im kritischen Augenblick zersprangen, lauter Dinge, die in meiner bisherigen Welt selbstverständlich waren. Und jetzt war ich scheinbar der Einzige, der je von solchen Dingen gehört hatte! Ich legte mir allen Ernstes die Frage vor, in was für eine Welt ich eigentlich geraten sei. Es war offensichtlich die städtische Welt, die von der Landwelt, der wirklichen Welt der Berge, Wälder und Flüsse, der Tiere und der Gottesgedanken (lies: Pflanzen und Kristalle) nichts wußte. Ich fand diese Erklärung tröstlich, auf alle Fälle vermehrte sie zunächst mein Selbstgefühl; denn es wurde mir klar, daß die Stadtwelt trotz der Fülle ihres gelehrten Wissens geistig beschränkt war. Diese Einsicht wurde mir gefährlich, denn sie verführte mich zu Überlegenheitsanfällen und zu unangebrachter Kritiklust und Aggressivität, die mir verdiente Antipathien eintrugen. Letztere brachten im weiteren Verlaufe wieder die alten Zweifel, Minderwertigkeitsgefühle und Depressionen zurück - ein Zyklus, den ich um jeden Preis zu unterbrechen mich entschloß. Ich wollte nicht mehr außerhalb der Welt stehen und den zweifelhaften Ruhm einer Kuriosität erwerben.

Nach dem ersten Propädeuticum wurde ich Unterassistent auf der Anatomie und im folgenden Semester überließ mir der Pro -sector sogar die Leitung des histologischen Kurses - natürlich zu meiner größten Genugtuung. Ich beschäftigte mich damals hauptsächlich mit Abstammungslehre und vergleichender Anatomie und wurde auch mit der neovitalistischen Lehre bekannt. Am meisten

faszinierte mich der morphologische Gesichtspunkt im weitesten Sinne. Auf der anderen Seite stand für mich die Physiologie. Sie war mir aufs tiefste zuwider wegen der Vivisektion, die zu bloßen Demonstrationszwecken vorgenommen wurde. Ich konnte mich nie von dem Gefühl befreien, daß die Warmblüter unsere Verwandten und keineswegs bloße Gehirnautomaten waren. Dementsprechend schwänzte ich solche Demonstrationen wenn immer möglich. Ich sah zwar ein, daß man an Tieren experimentieren mußte, aber ich empfand die Demonstration solcher Experimente nichtsdestoweniger als barbarisch und scheußlich und vor allem überflüssig: Ich hatte Phantasie genug, um mir die demonstrierten Vorgänge nach ihrer bloßen Beschreibung vorzustellen. Mein Mitleid mit den Geschöpfen datierte nicht etwa von den buddhistischen Allüren der Schopenhauerschen Philosophie, sondern ruhte auf der tieferen Grundlage einer primitiven Geisteshaltung, nämlich der unbewußten Identität mit dem Tiere. Diese wichtige psychologische Tatsache war mir allerdings damals völlig unbekannt. Mein Widerwillen gegen die Physiologie war so groß, daß mein Examen in dieser Disziplin auch entsprechend schlecht ausfiel. Immerhin schlüpfte ich durch.

Die folgenden klinischen Semester waren so voll, daß mir zu meinen Ausflügen in abgelegene Gebiete fast keine Zeit blieb. Nur an Sonntagen konnte ich Kant studieren. Ich las auch eifrigst E. von Hartmann. Nietzsche hatte schon für einige Zeit auf dem Programm gestanden, aber ich zögerte mit der Lektüre, da ich mich ungenügend vorbereitet fühlte. Nietzsche wurde damals viel diskutiert, aber meistens abgelehnt, am heftigsten von den «kompetenten» Philosophiestudenten, woraus ich meine Schlüsse auf die in höheren Sphären herrschenden Widerstände zog. Höchste Autorität war natürlich Jakob Burckhardt, von dem verschiedene kritische Äußerungen in bezug auf Nietzsche kolportiert wurden. Zudem gab es einige Leute, die Nietzsche persönlich gekannt hatten und darum imstande waren, allerhand Curiosa nicht gerade sympathischer Art über ihn zu berichten. Meistens hatten sie auch nichts von ihm gelesen und hielten sich dementsprechend bei äußerlichen Mißverständlichkeiten auf, z. B. bei seiner «gentle-man»Spielerei, seiner Manier, Klavier zu spielen, seinen stilistischen Übertriebenheiten, lauter Eigentümlichkeiten, die dem Basler von damals auf die Nerven gehen mußten. Diese Dinge dienten mir nun allerdings nicht zum Vorwand, die Nietzschelektüre hin

auszuschieben - im Gegenteil, sie wären für mich der stärkste Anlaß gewesen

- sondern es war eine geheime Angst, ich könnte ihm vielleicht ähnlich sein, wenigstens in dem Punkte des «Geheimnisses», das ihn in seiner Umwelt isolierte. Vielleicht, wer weiß, hatte er innere Erlebnisse gehabt, Einsichten, worüber er unglücklicherweise reden wollte und von niemandem verstanden wurde? Offenbar war er eine Ausgefallenheit, oder galt wenigstens als eine solche, als ein lusus naturae, was ich unter keinen Umständen sein wollte. Ich fürchtete mich vor der möglichen Erkenntnis, daß ich wie Nietzsche «Auch Einer» war. Natürlich - si parva componere magnis licet - war er ja ein Professor, hatte Bücher geschrieben, also traumhafte Höhen erreicht; er kam zwar auch aus einem Theologenhause, aber in dem großen und weiten Deutschland, das sich bis zum Meer ausdehnte, während ich nur ein Schweizer war und aus einem bescheidenen Pfarrhaus in einem kleinen Grenzdörfchen stammte. Er sprach ein geschliffenes Hochdeutsch, kannte Latein und Griechisch, vielleicht auch Französisch, Italienisch und Spanisch, während ich nur über Waggis -Baseldeutsch mit einiger Sicherheit verfügte. Er, im Besitze all dieser Herrlichkeiten, konnte sich schließlich eine gewisse Ausgefallenheit leisten, aber ich durfte nicht wissen, inwiefern ich selber ihm ähnlich sein könnte.