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Trotz meiner Befürchtungen war ich neugierig und entschloß mich, ihn zu lesen. Es waren die «Unzeitgemäßen Betrachtungen», die mir zunächst in die Hände fielen. Ich war restlos begeistert, und bald las ich auch «Also sprach Zarathustra». Das war, wie Goethes «Faust», ein stärkstes Erlebnis. Zarathustra war der Faust Nietzsches, und Nr. 2 war mein Zarathustra, allerdings mit der angemessenen Distanz des Maulwurfshügels vom Montblanc; und Zarathustra war - das stand mir fest - morbid. War Nr. 2 auch krankhaft ? Diese Möglichkeit versetzte mich in einen Schrecken, den ich lange Zeit nicht wahrhaben wollte, der mich aber trotzdem in Atem hielt und sich immer wieder zu ungelegener Zeit meldete und mich zum Nachdenken über mich selber zwang. Nietzsche hatte sein Nr. 2 erst später in seinem Leben entdeckt, nach der Lebensmitte, während ich Nr. 2 schon seit früher Jugend kannte. Nietzsche hat naiv und unvorsichtigerweise von diesem Arrheton, dem nicht zu Nennenden, gesprochen, wie wenn alles in Ordnung wäre. Ich aber habe sehr bald gesehen, daß man damit schlechte Erfahrungen macht. Er war aber andererseits so genial, daß er schon in jungen Jahren als Professor nach Basel kam, nichts

ahnend von dem, was ihm bevorstand. Gerade vermöge seiner Genialität hätte er doch beizeiten merken müssen, daß etwas nicht stimmte. Das also, dachte ich, war sein krankhaftes Mißverständnis: daß er Nr. 2 ungescheut und ahnungslos herausließ auf eine Welt, die von dergleichen Dingen nichts wußte und nichts verstand. Er war von der kindischen Hoffnung beseelt, Menschen zu finden, die seine Ekstase mitfühlen und die «Umwertung aller Werte» verstehen könnten. Er fand aber nur Bildungsphilister, ja tragikomischerweise war er selber einer, der, wie alle anderen, sich selber nicht verstand, als er in das Mysterium und das Nichtzusagende fiel und dies einer stumpfen, von allen Göttern verlassenen Menge anpreisen wollte. Daher die Aufschwellung der Sprache, die sich übersteigernden Metaphern, die hymnische Begeisterung, die vergebens versuchte, sich dieser Welt, die sich dem zusammenhanglosen Wissenswerten verschrieben hatte, vernehmbar zu machen. Und er fiel - dieser Seiltänzer - sogar noch über sich selbst hinaus. Er kannte sich nicht aus in dieser Welt - «dans ce meilleur des mondes possibles» - und war darum ein Besessener, einer, der von seiner Umwelt nur mit peinlicher Vorsicht umgangen werden konnte. Unter meinen Freunden und Bekannten wußte ich nur zwei, die sich offen zu Nietzsche bekannten, beide homosexuell. Der eine endete mit Selbstmord, der andere verkam als unverstandenes Genie. Alle anderen standen vor dem Phänomen Zarathustra nicht etwa fassungslos, sondern waren schlechthin immun.

Wie mir der «Faust» eine Türe öffnete, so schlug mir «Zarathustra» eine zu, und dies gründlich und auf lange Zeit hinaus. Es ging mir wie dem alten Bauern, dem das Doggeli zwei Kühe in denselben Halfter manövriert hatte, und der von seinem kleinen Sohn gefragt wurde, wieso denn so etwas möglich sei? Er antwortete: «Heiri, vo däm redt me nit.»

Ich sah ein, daß man nirgends hinkommt, wenn man nicht von den Dingen spricht, die allen bekannt sind. Der in dieser Hinsicht Naive versteht nicht, welche Beleidigung es für den Mitmenschen bedeutet, wenn man ihm von etwas spricht, das ihm unbekannt ist. Man verzeiht eine derartige Ruchlosigkeit nur dem Schriftsteller, dem Journalisten oder dem Dichter. Ich hatte verstanden, daß eine neue Idee oder auch nur ein ungewöhnlicher Aspekt allein durch Tatsachen vermittelt werden kann. Tatsachen bleiben liegen und lassen sich auf die Dauer nicht unter den Tisch

wischen, und einmal kommt einer daran vorüber und weiß, was er gefunden hat. Ich sah ein, daß ich eigentlich aus Mangel an besserem nur redete, anstatt Tatsachen vorzulegen, und an letzteren gebrach es mir völlig. Ich hatte nichts in den Händen. Mehr denn je trieb es mich zur Empirie. Ich nahm es den Philosophen übel, daß sie von all dem redeten, was keiner Erfahrung zugänglich war und überall da schwiegen, wo man auf eine Erfahrung hätte antworten sollen. Es schien mir zwar, daß ich irgend einmal und irgendwo durchs Diamantental gekommen sei, aber ich konnte niemanden davon überzeugen, daß die Gesteinsproben, die ich mitgebracht hatte, etwas anderes als Kieselsteine waren, auch mich selber nicht, bei näherem Zusehen.

Es war 1898, als ich anfing, mich mit meinem zukünftigen Beruf als Arzt auseinanderzusetzen. Ich gelangte bald zur Einsicht, daß ich mich spezialisieren müsse. Dafür kam nur Chirurgie oder innere Medizin in Betracht. Zu ersterer neigte ich wegen meiner speziellen Ausbildung in Anatomie und meiner Vorliebe für pathologische Anatomie, und ich hätte sie höchst wahrscheinlich als Beruf in Betracht gezogen, wenn mir die nötigen finanziellen Mittel zur Verfügung gestanden hätten. Es war mir außerordentlich peinlich, daß ich Schulden machen mußte, um überhaupt studieren zu können. Ich wußte, daß ich nach dem Schlußexamen sobald wie möglich meinen Lebensunterhalt verdienen mußte. Ich stellte mir daher eine Assistentenlaufbahn an irgendeinem Kantonsspital vor, wo man eher auf eine bezahlte Stelle hoffen konnte als an einer Klinik. Eine klinische Stelle hing aber in hohem Maße von Protektion oder von der persönlichen Sympathie des Chefs ab. In Ansehung meiner zweifelhaften Popularität und meiner so oft erfahrenen Befremdlichkeit wagte ich nicht an einen Glücksfall zu denken und begnügte mich daher mit der bescheidenen Möglichkeit, wenigstens an irgendeinem lokalen Krankenhaus als Assistent unterzukommen. Das übrige hing dann von meinem Fleiß, meiner Tüchtigkeit und Verwendbarkeit ab.

In den Sommerferien ereignete sich nun etwas, das mich aufs tiefste beeinflussen sollte. Eines Tages saß ich in meinem Arbeitszimmer und studierte meine Lehrbücher. Im Nebenzimmer, dessen Tür halb offen stand, saß meine Mutter und strickte. Es war unser Eßzimmer, in welchem der runde Eßtisch aus Nußbaumholz stand. Er stammte aus dem Trousseau meiner Großmutter väterlicherseits

und war damals an die siebzig Jahre alt. Meine Mutter saß am Fenster, etwa einen Meter vom Tisch entfernt. Meine Schwester war in der Schule und unsere Magd in der Küche. Plötzlich ertönte ein Knall wie ein Pistolenschuß. Ich sprang auf und eilte ins Nebenzimmer, von woher ich die Explosion gehört hatte. Meine Mutter saß entgeistert in ihrem Lehnstuhl, die Strickarbeit war ihren Händen entfallen. Sie sagte stammelnd: «Was - was ist geschehen? Es war gerade neben mir -» und blickte auf den Tisch. Wir sahen, was geschehen war: Die Tischplatte war bis über die Mitte durchgerissen und nicht etwa an einer geleimten Stelle, sondern durch das gewachsene Holz. Ich war sprachlos. Wie konnte so etwas passieren? Ein seit siebzig Jahren ausgetrocknetes, natürlich gewachsenes Holz, das an einem Sommertag mit der bei uns üblichen relativ hohen Luftfeuchtigkeit zerspringt? Ja, wenn es bei geheiztem Ofen an einem kalten und trockenen Wintertag gewesen wäre! Was in aller Welt konnte der Grund einer derartigen Explosion gewesen sein? Es gibt schließlich merkwürdige Zufälle, dachte ich. Meine Mutter nickte mit dem Kopfe und sagte mit ihrer Nr.-2-Stimme: «Ja, ja, das bedeutet etwas.» Ich war widerwillig beeindruckt und ärgerlich, nichts dazu sagen zu können.