Etwa vierzehn Tage später kam ich abends um sechs Uhr nach Hause und fand den Haushalt, d. h. meine Mutter, meine vierzehnjährige Schwester und die Magd in großer Aufregung. Wieder war etwa eine Stunde zuvor ein ohrenbetäubender Schuß ertönt. Diesmal war es nicht der schon beschädigte Tisch, sondern der Knall kam aus der Richtung des Büffets, eines schweren, aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts stammenden Möbels. Sie hatten bereits überall gesucht, aber nirgends einen Riß gefunden.
Ich begann sofort das Büffet und dessen Umgebung abzusuchen, ebenfalls erfolglos. Darauf durchsuchte ich das Innere des Büffets und dessen Inhalte. In der Schublade, die den Brotkorb enthielt, fand ich den Brotlaib und neben ihm das Brotmesser, dem die Klinge zum größten Teil abgebrochen war. Der Griff lag in der einen Ecke des viereckigen Korbes, und in jeder der drei anderen Ecken lag je ein Stück der Klinge. Das Messer war beim Vieruhrkaffee noch gebraucht und nachher versorgt worden. Seitdem hatte niemand mehr am Buffet zu tun gehabt.
Anderentags nahm ich das zersprungene Messer zu einem der besten Messerschmiede der Stadt. Er besah sich die Bruchwände mit der Lupe und schüttelte den Kopf. «Dieses Messer», sagte er, «is t
ganz in Ordnung. Es ist kein Schaden im Stahl. Jemand hat das Messer Stück für Stück abgebrochen. Man kann das z. B. dadurch tun, daß man es in den Spalt der Schublade steckt und Stück für Stück abbricht. Es ist guter Stahl. Oder man hat es aus großer Höhe auf Stein fallen lassen. Explodieren kann so etwas nicht. Man hat Ihnen etwas angegeben4.»
Meine Mutter und meine Schwester hatten sich im Zimmer befunden, als der plötzliche Knall sie erschreckte. Nr. 2 meiner Mutter schaute mich bedeutungsvoll an, und ich konnte nur schweigen. Ich war völlig ahnungslos und konnte mir das Vorgefallene in keinerlei Weise erklären. Dies war mir umso ärgerlicher, als ich mir zugeben mußte, daß ich tief beeindruckt war. Warum und wieso zerriß der Tisch und zersprang das Messer? Die Hypothese des Zufalls ging mir entschieden zu weit. Daß der Rhein zufälligerweise gerade einmal aufwärts fließt, war mir höchst unwahrscheinlich, und andere Möglichkeiten waren eo ipso ausgeschlossen. Was konnte es also sein ?
Einige Wochen später erfuhr ich von gewissen Verwandten, daß sie sich schon seit geraumer Zeit mit Tischrücken beschäftigten und ein Medium hatten, ein junges, etwas über fünfzehn Jahre altes Mädchen. In diesem Kreise trug man sich schon seit einiger Zeit mit dem Gedanken, mich mit diesem Medium, welches somnambule Zustände und spiritistische Phänomene produzierte, bekannt zu machen. Als ich dies hörte, dachte ich sofort an unsere sonderbaren Erscheinungen und vermutete, daß sie mit diesem Medium in Zusammenhang stünden. Ich begann nun, mit ihr und anderen Interessierten regelmäßig jeden Samstagabend Sitzungen abzuhalten. Die Resultate waren Mitteilungen und Klopflaute in den Wänden und im Tisch. Vom Medium unabhängige Bewegungen des Tis ches waren zweifelhaft. Ich fand bald heraus, daß beschränkende Bedingungen im allgemeinen hinderlich waren. Ich begnügte mich daher mit der offensichtlichen Selbständigkeit der Klopflaute und wandte meine Aufmerksamkeit dem Inhalt der Mitteilungen zu. Die Resultate dieser Beobachtungen habe ich in meiner Dissertation dargestellt6. Nachdem ich die Experimente etwa zwei Jahre lang durchgeführt hatte, stellte sich eine gewisse
4 Das in vier Teile zersprungene Messer wurde von Jung sorgfältig aufbewahrt. A. J. 8 «Zur Psychologie und Pathologie sogenannter occulter Phänomene», 1902,in.Ges.Werke I, 1966.
Flauheit ein, und ich ertappte das Medium beim Versuch, in betrügerischer Weise Phänomene zu produzieren. Das bestimmte mich dazu, die Versuche abzubrechen - sehr zu meinem Bedauern, denn ich hatte an ihrem Beispiel gelernt, wie eine Nr. 2 entsteht, wie es in ein kindliches Bewußtsein eintritt und dieses schließlich in sich integriert. Das Mädchen war eine «Frühvollendete». Mit sechsundzwanzig Jahren starb sie an Tuberkulose. Ich habe sie, als sie vierundzwanzig Jahre alt war, noch einmal gesehen und war nachhaltig beeindruckt von der Selbständigkeit und Reife ihrer Persönlichkeit. Nach ihrem Tode erfuhr ich von ihren Angehörigen, daß in den letzten Monaten ihres Lebens ihr Charakter Stück um Stück von ihr abfiel und sie schließlich in den Zustand eines zweijährigen Kindes zurückkehrte, in welchem Zustand sie in den letzten Schlaf fiel.
Dies war nun alles in allem die große Erfahrung, welche meine ganz frühe Philosophie aufhob und mir einen psychologischen Standpunkt ermöglichte. Ich hatte etwas Objektives über die menschliche Seele erfahren. Die Erfahrung war aber so beschaffen, daß ich wiederum nichts darüber sagen konnte. Ich wußt e niemanden, dem ich den ganzen Sachverhalt hätte mitteilen können. Wiederum mußte ich etwas des Nachdenkens Würdiges unerledigt zur Seite legen. Erst ein paar Jahre später ist daraus meine Dissertation entstanden.
In der Medizinischen Klinik hatte Friedrich von Müller den alten Immermann abgelöst. In von Müller traf ich einen Geist, der mir zusagte. Ich sah, wie eine scharfe Intelligenz ein Problem erfaßte und jene Fragen formulierte, die an sich schon eine halbe Lösung darstellten. Er seinerseits schien auch in mir etwas zu sehen, denn später, gegen den Abschluß meiner Studien hin, schlug er mir vor, als Assistent mit ihm nach München zu gehen, wohin er einen Ruf erhalten hatte. Seine Aufforderung hätte mich beinahe bewogen, mich der inneren Medizin zu widmen. Dazu wäre es wahrscheinlich auch gekommen, wenn sich nicht inzwischen etwas ereignet hätte, das mich aller Zweifel in bezug auf meine spätere professionelle Laufbahn enthoben hätte.
Ich hatte zwar psychiatrische Vorlesungen und Klinik gehört, aber der damalige Lehrer der Psychiatrie war nicht gerade anregend, und wenn ich mich an die Wirkungen erinnerte, welche die Erfahrungen meines Vaters in der Irrenanstalt und mit der Psycbi
atrie im speziellen bei ihm hinterlassen hatten, so war das ebenfalls nicht dazu angetan, mich für letztere einzunehmen. Als ich mich auf das Staatsexamen vorbereitete, war daher bezeichnenderweise das psychiatrische Lehrbuch das letzte, das ich mir vornahm. Ich erwartete nichts davon. Doch erinnere ich mich noch, wie ich das Buch von Krafft -Ebing' aufschlug und dachte: Nun, jetzt wollen wir einmal sehen, was ein Psychiater über seinen Stoff zu sagen hat. - Vorlesungen und Klinik hatten bei mir nicht den geringsten Eindruck hinterlassen. Ich konnte mich nicht eines einzigen klinisch demonstrierten Falles erinnern, sondern nur an Langeweile und Überdruß.
Ich fing mit der Vorrede an, in der Absicht herauszufinden, wie ein Psychiater seinen Gegenstand einführt oder gewissermaßen seine Daseinsberechtigung überhaupt begründet. Zur Entschuldigung dieser Anmaßlichkeit muß ich nun allerdings erwähnen, daß in der damaligen ärztlichen Welt die Psychiatrie sehr niedrig im Kurs stand. Niemand wußte etwas Rechtes über Psychiatrie, und es gab keine Psychologie, die den Menschen als Ganzes betrachtet und auch seine krankhafte Abart mit in die Betrachtung eingeschlossen hätte. Wie der Direktor mit seinen Kranken in derselben Anstalt eingeschlossen war, so war auch diese für sich abgeschlossen und lag isoliert draußen vor der Stadt, wie ein altes Siechenhaus mit seinen Aussätzigen. Niemand blickte gern dorthin. Die Ärzte wußten beinahe ebenso wenig wie die Laien und teilten darum auch deren Gefühle. Die Geisteskrankheit war eine hoffnungslose und fatale Angelegenheit, und dieser Schatten fiel auch auf die Psychiatrie. Der Psychiater war eine sonderbare Figur, wie ich auch bald aus eigener Erfahrung lernen sollte.
Ich las also in der Vorrede: «Es ist wohl in der Eigenartigkeit des Wissensgebietes und der Unvollkommenheit seines Ausbaus begründet, daß psychiatrische Lehrbücher ein mehr oder weniger subjektives Gepräge an sich tragen.» Einige Zeilen weiter unten nannte der Autor die Psychosen «Krankheiten der Person». Da befiel mich plötzlich ein heftiges Herzklopfen. Ich mußte aufstehen und Atem schöpfen. Ich fühlte mich in stärkster Erregung, denn es war mir wie durch eine blitzartige Erleuchtung klar geworden, daß es für mich kein anderes Ziel geben konnte als Psychiatrie. Hier allein konnten die beiden Ströme meines Interesses zusam