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' Lehrbuch der Psychiatrie. 4. Auflage, 1890. menfließen und durch ein vereintes Gefälle sich ihr Bett graben. Hier war das gemeinsame Feld der Erfahrung von biologischen und geistigen Tatsachen, welches ich überall gesucht und nicht gefunden hatte. Hier war endlich der Ort, wo der Zusammenstoß von Natur und Geist zum Ereignis wurde.

Meine heftige Reaktion setzte ein, als ich bei Krafft -Ebing vom «subjektiven Gepräge» des psychiatrischen Lehrbuches las. Also, dachte ich, ist das Lehrbuch zum Teil auch das subjektive Bekenntnis des Autors, der mit seinem Präjudiz, mit der Ganzheit seines So -Seins, hinter der Objektivität seiner Erfahrungen steht und auf die «Krankheit der Person» mit der Ganzheit seiner eigenen Persönlichkeit antwortet. Von meinen klinischen Lehrern hatte ich dergleichen nie gehört. Obwohl das in Frage stehende Lehrbuch sich von anderen Büchern der Art eigentlich nicht unterschied, so fiel doch von diesen wenigen Andeutungen ein verklärendes Licht auf das Problem der Psychiatrie, und sie zog mich unwiderruflich in ihren Bann.

Mein Entschluß war gefaßt. Als ich meinem Lehrer der Inneren Medizin davon Mitteilung machte, konnte ich von seinem Gesicht den Ausdruck der Enttäuschung und Verwunderung ablesen. Meine alte Wunde, das Gefühl von Fremdsein und Entfremdung, schmerzte wieder. Aber ich verstand jetzt besser, warum. Daß ich mich für diese Abseitswelt interessieren könnte, daran hatte niemand gedacht, nicht einmal ich selber. Meine Freunde waren erstaunt und befremdet und hielten mich für einen Narren, daß ich die Chance einer Karriere in Innerer Medizin, die so allgemein verständlich war und mir so verlockend und beneidet vor der Nase hing, gegen diesen psychiatrischen Unsinn vertauschen konnte.

Ich sah ein, daß ich offenbar wieder einmal auf ein Seitengeleise geraten war, auf dem mir niemand folgen wollte oder konnte. Aber ich wußte - und in dieser Überzeugung hätte mich niemand und nichts irre machen können -, daß mein Entschluß fest stand und ein Fatum war. Es war, wie wenn zwei Ströme sich vereinigt hätten und in einer großen Bewegung mich unwiderruflich zu fernen Zielen führten. Es war das hochgemute Gefühl «geeinter Zwie-natur», das mich wie auf magischer Woge durchs Examen trug, das ich als Bester bestand. Charakteristischerweise stellte mir der Pferdefuß, der hinter allen zu gut gelungenen Wundern herhinkt, sein Bein gerade in dem Fach, in welchem ich wirklich gut war,

nämlich in der pathologischen Anatomie. Es passierte mir der lächerliche Irrtum, daß ich in einem Präparat, das mir neben allerhand debris nur Epithelzellen zu enthalten schien, jene Ecke, in der sich Soorpilze befanden, übersah. In anderen Fächern hatte ich sogar im voraus die Intuition, worüber ich befragt werden würde. Dank diesem Umstande umging ich einige schwierige Klippen mit «wehender Fahne, Trommeln und Pfeifen». Aus Rache wurde ich dann dort, wo ich mich am sichersten fühlte, in einer geradezu grotesken Weise hineingelegt. Sonst hätte ich mein Staatsexamen mit dem Maximum bestanden.

Ein zweiter Kandidat erreichte dieselbe Punktzahl wie ich. Er war ein Alleingänger, eine für mich undurchsichtige, verdächtig banale Persönlichkeit. Man konnte mit ihm außer «Fachsimpeln» überhaupt nichts anfangen. Auf alles reagierte er mit einem enigmatischen Lächeln, das an das der aeginetischen Giebelfiguren erinnerte. Er hatte etwas Superiores und zugleich Unterlegenes oder Verlegenes an sich und paßte nie ganz in die Situation. Ich konnte mir nie einen Vers darauf machen. Das einzige, das an ihm positiv festgestellt werden konnte, war der Eindruck eines beinahe monomanen Strebers, der anscheinend an nichts Anteil nahm als an medizinischen Fakten und Kenntnissen. Wenige Jahre nach dem Abschluß seiner Studien erkrankte er an Schizophrenie. Ich erwähne diese Koinzidenz als ein charakteristisches Phänomen des Parallelismus der Geschehnisse. Mein erstes Buch war der Psychologie der Dementia praecox (Schizophrenie) gewidmet, in welchem das Präjudiz meiner Persönlichkeit auf die «Krankheit einer Person» antwortete: Psychiatrie im weitesten Sinne ist der Dialog einer krankenPsyche mit derals «normal» bezeichneten Psyche des Arztes, eine Auseinandersetzung der «kranken» Person mit der im Prinzip ebenso subjektiven Persönlichkeit des Behandelnden. Meine Bemühung war, darzulegen, daß Wahnideen und Halluzinationen nicht nur spezifische Symptome" der Geisteskrankheiten waren, sondern auch einen menschlichen Sinn hatten.

Am Abend nach der letzten Prüfung leistete ich mir den lange ersehnten Luxus, einmal - das erste Mal in meinem Leben - ins Theater zu gehen. Bis dahin hatten meine Finanzen eine derartige Extravaganz nicht erlaubt. Ich hatte aber noch etwas Geld übrig von dem Vertrieb der Antiquitätensammlung, welches mir nicht nur den Besuch der Oper, sondern auch eine Reise nach München und Stuttgart ermöglichte.

Bizet berauschte und überwältigte mich wie mit den Wogen eines unendlichen Meeres, und als mich am anderen Tag der Zug über die Grenze hinaus in eine weitere Welt trug, begleiteten mich die Melodien der Carmen. In München sah ich zum ersten Mal wirklich Antike, und diese im Verein mit Bizets Musik erzeugte in mir eine Atmosphäre, deren Tiefe und Bedeutungsschwere ich nur ahnen, aber nicht erfassen konnte. Es war eine frühlingshafte, hochzeitliche Stimmung, äußerlich aber eine trübe Woche zwischen dem l. und 9. Dezember 1900. In Stuttgart sah ich (zum letzten Mal) meine Tante, Frau Dr. Reimer-Jung. Sie war die Tochter aus der ersten Ehe meines Großvaters, des Professors C. G. Jung mit Virginie de Lassauix. Sie war eine bezaubernde alte Dame mit funkelnden blauen Augen und einem sprühenden Temperament. Ihr Mann war Psychiater. Sie schien mir umflossen von einer Welt ungreifbarer Phantasien und nicht heimzuweisender Erinnerungen -der letzte Hauch einer verschwindenden, nicht wiederzubringenden Vorwelt - ein endgültiger Abschied von der Nostalgie meiner Kindheit.

Am 10. Dezember 1900 trat ich meine Assistentenstelle im Burg -hölzli an. Ich ging gern nach Zürich, denn im Laufe der Jahre war mir Basel zu eng geworden. Für die Basler gab es nur ihre Stadt: nur in Basel war es «richtig», und jenseits der Birs fing das «Elend» an. Meine Freunde konnten nicht verstehen, daß ich wegging, und rechneten damit, daß ich binnen kurzem zurückkehren würde. Aber das war mir nicht möglich; denn in Basel war ich ein für alle Mal abgestempelt als Sohn des Pfarrers Paul Jung und Enkel meines Großvaters, des Professors Carl Gustav Jung. Ich gehörte sozusagen zu einer gewissen geistigen Gruppe und in einen bestimmten sozialen «set». Dagegen empfand ich Widerstände, denn ich wollte und konnte mich nicht festlegen lassen.

In geistiger Beziehung schien mir die Atmosphäre in Basel unübertrefflich und von einer beneidenswerten Weltoffenheit, aber der Druck der Tradition war mir zu viel. Als ich nach Zürich kam, empfand ich den Unterschied sehr stark. Die Beziehung von Zürich zur Welt ist nicht der Geist, sondern der Handel. Aber hier war die Luft frei, und das habe ich sehr geschätzt. Hier spürte man nirgends den braunen Dunst der Jahrhunderte, wenn man auch den reichen Hintergrund der Kultur vermißte. Für Basel habe ich heute noch immer ein schmerzliches faible, obwohl ich weiß, daß es

nicht mehr ist, wie es war. Ich erinnere mich noch der Tage, wo es einen Bachofen gab und einen Jakob Burckhardt, wo hinter dem Münster noch das alte Kapitelhaus stand und die alte Rheinbrücke zur Hälfte aus Holz war.

Für meine Mutter war es hart, daß ich Basel verließ. Aber ich wußte, daß ich ihr diesen Schmerz nicht ersparen konnte, und sie hat es tapfer getragen. Sie lebte mit meiner Schwester zusammen, die neun Jahre jünger war als ich, eine zarte und kränkliche Natur und in jeder Beziehung verschieden von mir. Sie war für das Leben einer alten Jungfer wie geboren und hat auch nicht geheiratet. Aber sie entwickelte eine bemerkenswerte Persönlichkeit, und ich habe ihre Haltung bewundert. Sie war eine geborene «Lady», und so ist sie auch gestorben. Sie mußte sich einer Operation unterziehen, die als harmlos galt, die sie jedoch nicht überlebte. Es machte mir einen tiefen Eindruck, als sich herausstellte, daß sie vorher alle ihre Angelegenheiten bis auf das letzte Pünktchen geordnet hatte. Im Grunde genommen war sie mir fremd, aber ich hatte großen Respekt vor ihr. Ich war viel emotionaler, sie hingegen war immer gelassen, obwohl in ihrer eigentlichen Natur sehr empfindsam. Ich hätte sie mir in einem Adeligen-Fräulein -Stift denken können, so wie auch die einzige, um etliche Jahre jüngere Schwester meines Großvaters Jung in einem solchen Fräuleinstift gelebt hatte 7.