Mit der Arbeit im Burghölzli begann mein Leben in einer ungeteilten Wirklichkeit, ganz nur Absicht, Bewußtheit, Pflicht und Verantwortung. Es war der Eintritt ins Weltkloster, und die Unterwerfung unter das Gelübde, nur das Wahrscheinliche, das Durchschnittliche, das Banale und das Sinnarme zu glauben, allem Fremden und Bedeutenden abzusagen und alles Ungewöhnliche auf das Gewöhnliche zu reduzieren. Es gab nur Oberflächen, die nichts ver
7 Unmittelbar nach dem Tode seiner Schwester schrieb Jung folgende Zeilen: «Bis 1904 lebte meine Schwester Gertrud mit ihrer Mutter in Basel. Dann siedelte sie mit dieser nach Zürich über, wo sie zuerst bis 1909 in Zollikon und von da an, bis zu ihrem Tode, in Küsnacht wohnte. Nach dem im Jahre 1923 erfolgten Tode ihrer Mutter lebte sie allein. Ihr äußeres Leben war still, zurückgezogen und verlief im engen Kreise verwandtschaftlicher und freundschaftlicher Beziehungen. Sie war höflich, freundlich, gütig und versagte der Umwelt neugierige Blicke in ihr Inneres. So starb sie auch, klaglos, ihr eigenes Schicksal nicht erwähnend, in vollkommener Haltung. Sie legte ein Leben ab, das sich innerlich erfüllt hatte, unberührt von Urteil und Mitteilung.»
deckten, nur Anfänge ohne Fortsetzungen, Kontingenzen' ohne Zusammenhang, Erkenntnisse, die sich zu immer kleineren Kreisen verengerten, Unzulänglichkeiten, die Probleme zu sein beanspruchten, Horizonte von drangvoller Enge und die unabsehbare Wüste der Routine. Für ein halbes Jahr schloß ich mich in die Klostermauern ein, um mich an das Leben und den Geist einer Irrenanstalt zu gewöhnen und las mich durch die fünfzig Bände der «Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie» hindurch, seit ihrem Anfang, um die psychiatrische Mentalität kennenzulernen. Ich wollte wissen, wie der menschliche Geist auf den Anblick seiner eigenen Zerstörung reagiert, denn Psychiatrie erschien mir als ein artikulierter Ausdruck jener biologischen Reaktion, die den sogenannten gesunden Geist im Anblick der Geisteskrankheit befällt. Meine Fachkollegen erschienen mir ebenso interessant wie die Kranken. Ich habe deshalb in den folgenden Jahren eine ebenso geheime wie instruktive Statistik über die hereditären Vorbedingungen meiner schweizerischen Kollegen ausgearbeitet, zu meiner persönlichen Erbauung sowohl wie zum Verständnis der psychiatrischen Reaktion.
Ich brauche wohl kaum zu erwähnen, daß meine Konzentration und meine selbstauferlegte Klausur meine Kollegen befremdete. Sie wußten natürlich nicht, wie sehr die Psychiatrie mich befremdete und wie viel mir daran lag, mich mit deren Geist bekannt zu machen. Das therapeutische Interesse lag mir damals fern, aber die pathologischen Varianten der sogenannten Normalität zogen mich mächtig an, da sie mir die ersehnte Möglichkeit zu einer tieferen Erkenntnis der Psyche überhaupt boten.
Unter diesen Voraussetzungen begann meine psychiatrische Laufbahn, mein subjektives Experiment, aus dem mein objektives Leben hervorging.
Ich habe weder die Lust noch die Fähigkeit, mich dermaßen außer mich selbst zu setzen, daß ich me in eigenes Schicksal wirklich objektiv betrachten könnte. Ich würde dem bekannten autobiographischen Fehler verfallen, entweder eine Illusion darüber, wie es hätte sein sollen, zu entwickeln, oder eine Apologie pro vita sua zu verfassen. Schließlich ist man ein Geschehnis, das sich nicht selber beurteilt, sondern vielmehr dem Urteil anderer - for better or worse - anheimfällt.
Psychiatrische Tätigkeit
Die Jahre am Burghölzli, der Psychiatrischen Universitätsklinik von Zürich, waren meine Lehrjahre. Im Vordergrund meines Interesses und meines Forschens stand die brennende Frage: was geht in den Geisteskranken vor? Das verstand ich damals noch nicht, und unter meinen Kollegen befand sich niemand, der sich um dieses Problem gekümmert hätte. Der PsychiatrieUnterricht war darauf angelegt, von der kranken Persönlichkeit sozusagen zu abstrahieren und sich mit Diagnosen, mit Symptombeschreibungen und Statistik 2u begnügen. Vom sogenannten klinischen Standpunkt aus, der damals vorherrschte, ging es den Ärzten nicht um den Geisteskranken als Menschen, als Individualität, sondern man hatte den Patienten Nr. X mit einer langen Liste von Diagnosen und Symptomen zu behandeln. Man «etikettierte» ihn, stempelte ihn ab mit einer Diagnose, und damit war der Fall zum größten Teil erledigt. Die Psychologie des Geisteskranken spielte überhaupt keine Rolle.
In dieser Situation wurde Freud wesentlich für mich, und zwar vor allem durch seine grundlegenden Untersuchungen über die Psychologie der Hysterie und des Traumes. Seine Auffassungen zeigten mir einen Weg zu weiteren Untersuchungen und zum Verständnis der individuellen Fälle. Freud brachte die psychologische Frage in die Psychiatrie, obwohl er selber kein Psychiater, sondern Neurologe war.
Ich erinnere mich noch gut an einen Fall, der mich damals sehr beeindruckte. Es handelte sich um eine junge Frau, die mit der Etikette «Melancholie» in die Klinik eingeliefert worden war und sich auf meiner Abteilung befand. Man machte die Untersuchungen mit der üblichen Sorgfalt: Anamnese, Tests, körperliche Untersuchungen usw. Diagnose: Schizophrenie, oder, wie man damals sagte, «Dementia praecox». Prognose: schlecht.
Ich wagte zuerst nicht, an der Diagnose zu zweifeln. Damals war ich noch ein junger Mann, ein Anfänger, und hätte es mir nicht zugetraut, eine abweichende Diagnose zu stellen. Und doch erschien mir der Fall merkwürdig. Ich hatte den Eindruck, es handle
sich nicht um eine Schizophrenie, sondern um eine gewöhnliche Depression, und nahm mir vor, die Patientin nach meinen eigenen Methoden zu untersuchen. Damals beschäftigte ich mich mit diagnostischen Assoziationsstudien, und so machte ich mit ihr das Assoziationsexperiment. Außerdem besprach ich mit ihr die Träume. Auf diese Weise gelang es mir, ihre Vergangenheit zu erhellen und Wesentliches zu erfahren, was durch die übliche Anamnese nicht aufgeklärt worden war. Ich erhielt die Informationen sozusagen direkt vom Unbewußten, und aus ihnen ergab sich eine dunkle und tragische Geschichte.
Bevor die Frau heiratete, hatte sie einen Mann gekannt, den Sohn eines Großindustriellen, für den sich alle Mädchen der Umgebung interessierten. Da sie sehr hübsch war, glaubte sie, ihm zu gefallen und einige Chancen bei ihm zu haben. Aber anscheinend interessierte er sich nicht für sie, und so heiratete sie einen anderen.
Fünf Jahre später besuchte sie ein alter Freund. Sie tauschten Erinnerungen aus, und bei dieser Gelegenheit sagte der Freund:
«Als Sie heirateten, war das für jemanden ein Schock - für Ihren Herrn X» (den Sohn des Großindustriellen). Das war der Moment ! In diesem Augenblick begann die Depression, und nach einigen Wochen kam es zur Katastrophe:
Sie badete ihre Kinder, zuerst ihr vierjähriges Mädchen und danach ihren zweijährigen Sohn. Sie lebte in einem Lande, wo die Wasserversorgung hygienisch nicht einwandfrei war; es gab reines Quellwasser zum Trinken und infektiöses Wasser aus dem Fluß zum Baden und Waschen. Als sie nun das kleine Mädchen badete, sah sie, wie es am Schwamm sog, aber sie hinderte es nicht daran. Ihrem kleinen Sohn gab sie sogar ein Glas des ungereinigten Wassers zu trinken. Das tat sie natürlich unbewußt oder nur halb bewußt; denn sie befand sich bereits im Schatten der beginnenden Depression.