Kurz darauf, nach der Inkubationszeit, erkrankte das Mädchen an Typhus und starb. Es war ihr Lieblingskind. Der Knabe war nicht infiziert worden. In jenem Augenblick wurde die Depression akut, und die Frau kam in die Anstalt.
Die Tatsache, daß sie eine Mörderin war, und viele Einzelheiten ihres Geheimnisses hatte ich aus dem Assoziationsexperiment ersehen, und es war mir klar, daß hier der zureichende Grund ihrer Depression lag. Es handelte sich in der Hauptsache um eine psychogene Störung.
Wie stand es mit der Therapie? Bisher hatte sie wegen ihrer Schlaflosigkeit Narkotika erhalten, und da Selbstmordverdacht vorlag, wurde sie überwacht. Aber sonst war nichts unternommen worden. Physisch ging es ihr gut.
Ich sah mich nun vor das Problem gestellt: soll ich offen mit ihr reden oder nicht? Soll ich die große Operation vornehmen? Das bedeutete für mich eine schwere Gewissensfrage, eine Pflichtenkol-lision sondergleichen. Aber ich mußte den Konflikt allein mit mir ausfechten; denn hätte ich meine Kollegen gefragt, so hätten sie mich wohl gewarnt: «Sagen Sie der Frau um Gotteswillen nicht solche Sachen. Sie werden sie nur noch verrückter machen.» Nach meiner Auffassung konnte aber die Wirkung auch umgekehrt sein. In der Psychologie gibt es ohnehin kaum eine eindeutige Wahrheit Eine Frage kann so oder anders beantwortet werden, je nachdem, ob man die unbewußten Faktoren mitberücksichtigt oder nicht. Natürlich war mir auch bewußt, was ich für mich riskierte: wenn die Patientin in des Teufels Küche kam, dann auch ich!
Trotzdem beschloß ich, eine. Therapie zu wagen, deren Ausgangspunkt sehr unsicher war. Ich sagte ihr alles, was ich durch das Assoziationsexperiment entdeckt hatte. Sie können sich denken, wie schwierig das war. Es ist nichts Geringes, jemandem einen Mord auf den Kopf zuzusagen. Und es war tragisch für die Patientin, es zu hören und anzunehmen. Aber der Effekt war, daß sie vierzehn Tage später entlassen werden konnte und nie wieder in eine Anstalt kam.
Noch andere Gründe hatten mich veranlaßt, vor meinen Kollegen zu schweigen: ich fürchtete, daß sie über den Fall diskutieren und womöglich irgendwelche legalen Fragen aufwerfen würden. Man konnte der Patientin zwar nichts nachweisen, und doch hätte eine solche Diskussion katastrophale Folgen für sie haben können. Es schien mir sinnvoller, daß sie ins Leben zurückkehrte, um im Leben ihre Schuld zu sühnen. Sie war vom Schicksal gestraft genug. Als sie entlassen wurde, ging sie mit einer schweren Last von dan-nen. Die mußte sie tragen. Ihre Buße hatte schon mit der Depression und der Internierung in der Anstalt begonnen, und der Verlust des Kindes war ihr ein tiefer Schmerz.
In vielen psychiatrischen Fällen hat der Patient eine Geschichte, die nicht erzählt wird, und um die in der Regel niemand weiß. Für mich beginnt die eigentliche Therapie erst nach der Erforschung dieser persönlichen Geschichte. Sie ist das Geheimnis des Patienten,
an dem er zerbrochen ist. Zugleich enthält sie den Schlüssel zu seiner Behandlung. Der Arzt muß nur wissen, wie er sie erfährt. Er muß die Fragen stellen, die den ganzen Menschen treffen und nicht nur sein Symptom. Die Exploration des bewußten Materials genügt in den meisten Fällen nicht. Unter Umständen kann das Assoziationsexperiment den Zugang öffnen, auch die Traumdeutung kann es, oder der .lange und geduldige menschliche Kontakt mit dem Patienten.
1905 habilitierte ich mich für Psychiatrie, und im gleichen Jahr wurde ich Oberarzt an der Psychiatrischen Klinik der Universität Zürich. Diese Stelle hatte ich vier Jahre lang inne. Dann (1909) mußte ich sie aufgeben, weil die Arbeit mir einfach über den Kopf wuchs. Im Laufe der Jahre war meine Privatpraxis so groß geworden, daß ich mit der Arbeit nicht mehr nachkam. Die Tätigkeit als Privatdozent behielt ich aber bis zum Jahr 1913 bei. Ich las über Psychopathologie und natürlich auch über die Grundlagen der Freudschen Psychoanalyse, sowie über die Psychologie der Primitiven. Das waren die Hauptgegenstände. In den ersten Semestern beschäftigte ich mich in den Vorlesungen vor allem mit Hypnose, sowie mit Janet und Flournoy. Später rückte das Problem der Freudschen Psychoanalyse in den Vordergrund.
Auch in den Kursen über Hypnose erkundigte ich mich nach der persönlichen Geschichte der Patienten, die ich den Studenten vorstellte. Ein Fall ist mir noch in guter Erinnerung:
Einmal erschien eine ältere Frau, etwa achtundfünfzig Jahre alt, anscheinend religiös eingestellt. Sie ging an Krücken, geführt von ihrer Magd. Seit siebzehn Jahren litt sie an einer schmerzhaften Lähmung des linken Beines. Ich setzte sie in einen bequemen Stuhl und fragte sie nach ihrer Geschichte. Sie fing an zu erzählen und zu jammern, und die ganze Geschichte ihrer Krankheit kam heraus, mit allem Drum und Dran. Schließlich unterbrach ich sie und sagte:
«Nun ja, jetzt haben wir keine Zeit mehr, so viel zu reden. Jetzt muß ich Sie hypnotisieren.» - Kaum hatte ich das gesagt, schloß sie die Augen und fiel in tiefe Trance - ohne jede Hypnose! Ich wunderte mich, ließ sie aber in Ruhe. Sie redete pausenlos und erzählte die merkwürdigsten Träume, welche eine ziemlich tiefgehende Erfahrung des Unbewußten darstellten. Das verstand ich jedoch erst viel später. Damals nahm ich an, es sei eine Art Delirium. Aber die Situation wurde mir etwas unbehaglich. Es waren
zwanzig Studenten da, denen ich eine Hypnose demonstrieren wollte!
Als ich die Patientin nach einer halben Stunde wieder wecken wollte, wachte sie nicht auf. Es wurd e mir unheimlich, und der Gedanke befiel mich, ich könnte am Ende an eine latente Psychose gerührt haben. Etwa zehn Minuten vergingen, bis es mir gelang, sie wieder aufzuwecken. Dabei durfte ich mir vor den Studenten nichts von meiner Angst anmerken lassen! Als die Frau zu sich kam, war sie schwindlig und konfus. Ich versuchte sie zu beruhigen: «Ich bin der Arzt, und alles ist in Ordnung.» Worauf sie rief: «Aber ich bin ja geheilt!», die Krücken fortwarf und gehen konnte. Ich bekam einen roten Kopf und sagte zu den Studenten:
«Jetzt haben Sie gesehen, was man mit Hypnose erreichen kann.» Ich hatte aber nicht die geringste Ahnung, was vor sich gegangen war.
Das war eine der Erfahrungen, die mich veranlaßten, die Hypnose aufzugeben. Ich verstand nicht, was eigentlich geschehen war, aber die Frau war tatsächlich geheilt und ging beglückt von dan-nen. Ich bat sie, mir von sich zu berichten, denn ich rechnete mit einem Rückfall spätestens nach vierundzwanzig Stunden. Aber die Schmerzen kehrten nicht zurück, und ich mußte trotz meiner Skepsis die Tatsache ihrer Heilung hinnehmen.
Bei der ersten Vorlesung im Sommersemester des nächsten Jahres erschien sie wieder. Diesmal klagte sie über heftige Rückenschmerzen, die sich erst vor kurzem eingestellt hatten. Ich hielt es nicht für ausgeschlossen, daß sie mit dem Wiederbeginn meiner Vorlesungen zusammenhingen. Vielleicht hatte sie die Ankündigung meiner Vorlesung in der Zeitung gelesen. Ich fragte, wann der Schmerz angefangen und was ihn verursacht habe. Sie konnte sich aber nicht erinnern, daß irgend etwas zu einer bestimmten Zeit vorgefallen sei und wußte einfach keine Erklärung. Schließlich brachte ich aus ihr heraus, daß die Schmerzen tatsächlich an dem Tag und zu der Stunde eingesetzt hatten, als ihr die Ankünd igung meiner Vorlesung in der Zeitung zu Gesicht gekommen war. Das bestätigte zwar meine Vermutung, aber ich begriff noch immer nicht, was die mirakulöse Heilung bewirkt haben konnte. Ich hypnotisierte sie wieder, d. h. sie fiel, wie damals, spontan in Trance und war nachher von ihrem Schmerz befreit.
Nach der Vorlesung behielt ich sie zurück, um Einzelheiten aus ihrem Leben zu erfahren. Dabei stellte sich heraus, daß sie einen schwachsinnigen Sohn hatte, der sich in der Klinik auf meiner Ab
teilung befand. Davon wußte ich nichts, weil sie den Namen ihres zweiten Mannes trug, während der Sohn aus erster Ehe stammte. Er war ihr einziges Kind. Natürlich hatte sie auf einen begabten und erfolgreichen Sohn gehofft und war schwer enttäuscht, als er schon in jungen Jahren psychisch erkrankte. Damals war ich noch ein junger Arzt und repräsentierte all das, was sie sich zum Sohne gewünscht hätte. Daher schlugen sich ihre ehrgeizigen Wünsche, die sie als Heldenmutter hegte, auf mich nieder. Sie adoptierte mich sozusagen als Sohn und verkündete ihre wundersame Heilung urbi et orbi.