Tatsächlich verdankte ich ihr meinen lokalen Ruhm als Zauberer, und da sich die Geschichte bald herumgesprochen hatte, auch meine ersten Privatpatienten. Meine psychotherapeutische Praxis begann damit, daß eine Mutter mich an die Stelle ihres geisteskranken Sohnes gesetzt hatte! Natürlich erklärte ich ihr die Zusammenhänge, und sie nahm alles mit großem Verständnis auf. Später hatte sie nie mehr einen Rückfall.
Das war meine erste wirklich therapeutische Erfahrung, ich könnte sagen: meine erste Analyse. Ich erinnere mich deutlich der Unterhaltung mit der alten Dame. Sie war intelligent und außerordentlich dankbar, daß ich sie ernst genommen und Anteil an ihrem Schicksal und dem ihres Sohnes gezeigt hatte. Das hatte ihr geholfen.
Im Anfang wandte ich auch in meiner Privatpraxis die Hypnose an, aber sehr bald gab ich sie auf, weil man damit im Dunkeln tappt. Man weiß nie, wie lange ein Fortschritt oder eine Genesung anhält, und ich hatte immer Widerstände dagegen, im Ungewissen zu wirken. Ebensowenig liebte ich es, von mir aus zu entscheiden, was der Patient tun sollte. Mir lag viel mehr daran, vom Patienten selber zu erfahren, wohin er sich natürlicherweis e entwickeln würde. Dazu brauchte es die sorgfältige Analyse der Träume und anderer Manifestationen des Unbewußten.
In den Jahren 1904/05 richtete ich ein Laboratorium für experimentelle Psychopathologie an der Psychiatrischen Klinik ein. Dort hatte ich eine Anzahl Schüler, mit denen ich psychische Reaktionen (i. e. Assoziationen) untersuchte. Franz Riklin sen. war mein Mitarbeiter. Ludwig Binswanger schrieb damals seine Doktor-Dissertation über das Assoziationsexperiment in Verbindung mit dem psychogalvanischen Effekt, und ich verfaßte meine Arbeit «Zur
psychologischen Tatbestandsdiagnostik»'. Es waren auch einige Amerikaner da, unter anderem Carl Peterson und Charles Ricksher. Ihre Arbeiten sind in amerikanischen Fachzeitschriften erschienen. Ich verdankte es den Assoziationsstudien, daß ich später, im Jahre 1909, an die Clark-University eingeladen wurde; dort sollte ich über meine Arbeiten referieren. Gleichzeitig und unabhängig von mir wurde Freud eingeladen. Wir erhielten beide den Doctor of Laws honoris causa.
Es waren ebenfalls das Assoziationsexperiment und das psycho-galvanische Experiment, durch welche ich in Amerika bekannt wurde; bald kamen zahlreiche Patienten von dort. Ich erinnere mich noch gut an einen der ersten Fälle:
Ein amerikanischer Kollege hatte mir einen Patienten geschickt. Die Diagnose lautete «Alkoholneurasthenie». Die Prognose bezeichnete ihn als «incurable». Dementsprechend hatte mein Kollege in vorsorglicher Weise dem Patienten auch schon den Rat erteilt, eine gewisse neurologische Autorität in Berlin aufzusuchen, in der Voraussicht, daß mein Versuch einer Therapie zu nichts führen würde. Er kam in die Sprechstunde, und nachdem ich mich ein wenig mit ihm unterhalten hatte, sah ich, daß der Mann eine gewöhnliche Neurose hatte, von deren psychischem Ursprung er nichts ahnte. Ich machte mit ihm das Assoziationsexperiment und erkannte bei dieser Gelegenheit, daß er an den Folgen eines for-midablen Mutterkomplexes litt. Er stammte aus einer reichen und angesehenen Familie, hatte eine sympathische Frau und sozusagen keine Sorgen - äußerlich. Nur trank er zu viel, und dies war ein verzweifelter Versuch, sich zu narkotisieren, um seine bedrÜkkende Situation zu vergessen. Natürlich kam er auf diese Weise nicht aus seinen Schwierigkeiten heraus.
Seine Mutter war Eigentümerin eines großen Unternehmens, und der ungewöhnlich begabte Sohn hatte darin eine führende Stellung inne. Eigentlich hätte er schon längst die drückende Unterordnung unter die Mutter aufgeben sollen, aber er konnte sich nicht entschließen, seine glänzende Position zu opfern. So blieb er an die Mutter gekettet, die ihm seine Stellung vermittelt hatte. Immer wenn er mit ihr zusammen war oder sich einer ihrer Einmischungen unterwerfen mußte, fing er an zu trinken, um seine Affekte zu be
( Zentralblatt für Nervenheilkunde und Psychiatrie, Jahrg. XXVIII, 1905, in Ges. Werke I, 1966.
täuben, resp. sie los zu werden. Im Grunde wollte er aber gar nicht heraus aus dem warmen Nest, sondern ließ sich, gegen seinen eigenen Instinkt, von Wohlstand und Bequemlichkeit verführen.
Nach kurzer Behandlung hörte er auf zu trinken und hielt sich für geheilt. Aber ich sagte ihm: «Ich garantiere nicht, daß Sie nicht wieder in den gleichen Zustand hineingeraten, wenn Sie in Ihre frühere Situation zurückkehren.» Er glaubte mir aber nicht und fuhr guten Mutes heim nach Amerika.
Kaum war er wieder unter dem Einfluß der Mutter, fing das Trinken wieder an. Da wurde ich von ihr, als sie sich in der Schweiz aufhielt, zu einer Konsultation gerufen. Sie war eine*ge-scheite Frau, aber ein Machtteufel ersten Ranges. Ich sah, wogegen der Sohn stehen mußte, und wußte, daß er die Kraft zum Widerstand nicht aufbrachte. Er war auch körperlich eine etwas zarte Erscheinung und seiner Mutter einfach nicht gewachsen. So entschloß ich mich zu einem Gewaltstreich. Hinter seinem Rücken stellte ich der Mutter ein Zeugnis über ihn aus, daß er wegen seines Alkoholismus seine Stellung in ihrem Geschäft unmöglich länger versehen könne. Man solle ihn entlassen. Dieser Rat wurde auch befolgt, und natürlich geriet der Sohn in Wut gegen mich.
Hier hatte ich etwas unternommen, was sich normalerweise mit dem ärztlichen Gewissen nicht leicht vereinen läßt. Aber ich wußte, daß ich um des Patienten willen die Schuld auf mich nehmen mußte.
Und wie hat er sich weiter entwickelt ? Er war nun von der Mutter getrennt und konnte seine Persönlichkeit entfalten: Er machte eine glänzende Karriere
- trotz oder gerade wegen der Roßkur. Seine Frau war mir dankbar; denn ihr Mann hatte nicht nur den Alkoholismus überwunden, sondern ging nun seinen individuellen Weg mit größtem Erfolg.
Jahrelang hatte ich dem Patienten gegenüber ein schlechtes Gewissen, weil ich das Zeugnis hinter seinem Rücken ausgestellt hatte. Ich wußte aber genau, daß nur ein Gewaltakt ihn losbringen könnte. Und damit war auch die Neurose erledigt.
Ein anderer Fall ist mir ebenfalls unvergeßlich geblieben. Eine Dame kam in meine Sprechstunde. Sie weigerte sich, ihren Namen zu nennen; er täte nichts zur Sache, denn sie wolle mich nur einmal konsultieren. Sie gehörte offenkundig zu den oberen Gesellschaftsschichten. Sie gab an, Ärztin gewesen zu sein. Was sie mir mitzu
teilen hatte, war eine Beichte: vor zwanzig Jahren hatte sie aus Eifersucht einen Mord begangen. Sie hatte ihre beste Freundin vergiftet, weil sie deren Mann heiraten wollte. Nach ihrer Ansicht spielte ein Mord für sie keine Rolle , wenn er nicht entdeckt würde. Wenn sie den Mann ihrer Freundin heiraten wolle, so könne sie sie einfach aus dem Wege räumen. Das war ihr Standpunkt. Moralische Bedenken kämen für sie nicht in Betracht.
Und nachher? Sie hat zwar den Mann geheiratet, aber er ist sehr bald, ziemlich jung, gestorben. In den folgenden Jahren ereigneten sich seltsame Dinge: die Tochter aus dieser Ehe strebte, sobald sie erwachsen war, von der Mutter weg. Sie heiratete jung und zog sich immer mehr zurück. Schließlich verschwand sie aus ihrem Gesichtskreis, und die Mutter verlor jeden Kontakt mit ihr.
Die Frau war eine leidenschaftliche Reiterin und besaß mehrere Reitpferde, die ihr Interesse in Anspruch nahmen. Eines Tages entdeckte sie, daß die Pferde anfingen, unter ihr nerv ös zu werden. Sogar ihr Lieblingspferd scheute und warf sie ab. Schließlich mußte sie das Reiten aufgeben. Sie hielt sich nunmehr an ihre Hunde. Sie besaß einen besonders schönen Wolfshund, an dem sie sehr hing. Der «Zufall» wollte es, daß gerade dieser Hund von einer Lähmung befallen wurde. Da war das Maß voll, und sie fühlte sich «moralisch erledigt». Sie mußte beichten, und zu diesem Zweck kam sie zu mir. Sie war eine Mörderin, aber darüber hinaus hatte sie sich auch selbst gemordet. Denn wer ein solches Verbrechen begeht, zerstört seine Seele. Wer mordet, ist schon selbst gerichtet. Hat jemand ein Verbrechen begangen und wird gefaßte so erreicht ihn die gerichtliche Strafe. Hat er es im Geheimen getan, ohne moralische Bewußtheit, und bleibt unentdeckt, so kann ihn die Strafe trotzdem erreichen, wie unser Fall zeigt. Es kommt doch an den Tag. Mitunter sieht es so aus, als ob auch die Tiere und Pflanzen es «wüßten».