Die Frau ist durch den Mord sogar den Tieren fremd geworden und in eine unerträgliche Einsamkeit geraten. Um ihre Einsamkeit loszuwerden, hat sie mich zu ihrem Mitwisser gemacht. Sie mußte einen Mitwisser haben, der kein Mörder war. Sie wollte einen Menschen finden, der ihre Beichte voraussetzungslos annehmen konnte;
denn damit würde sie gewis sermaßen wieder eine Beziehung zur Menschheit gewinnen. Es durfte aber kein professioneller Beichtvater, sondern mußte ein Arzt sein. Bei einem Beichtvater hätte sie vermutet, daß er sie von Amts wegen anhörte; daß er die Tatsachen
nicht als solche aufnähme, sondern zum Zwecke der moralischen Beurteilung. Sie hatte erlebt, daß Menschen und Tiere sie verließen, und war von diesem schweigenden Urteil dermaßen betroffen, daß sie keine weitere Verdammung mehr hät te ertragen können.
Ich habe nie erfahren, wer sie war; auch besitze ich keinen Beweis, daß ihre Geschichte der Wahrheit entsprach. Später fragte ich mich manchmal, wie ihr Leben wohl weiter gegangen sei. Denn damals war ihre Geschichte noch nicht zu Ende. Vielleicht kam es schließlich zu einem Suizid. Ich kann mir nicht vorstellen, wie sie in dieser äußersten Einsamkeit hätte weiterleben können.
Klinische Diagnosen sind wichtig, da sie eine gewisse Orientierung geben, aber dem Patienten helfen sie nichts . Der entscheidende Punkt ist die Frage der «Geschichte» des Patienten; denn sie deckt den menschlichen Hintergrund und das menschliche Leiden auf, und nur da kann die Therapie des Arztes einsetzen. Das zeigte mir auch ein ariderer Fall sehr deutlich.
Es handelte sich um eine alte Patientin auf der Frauenstation, eine fünfundsiebzigj ährige Frau, die seit vierzig Jahren bettlägerig war. Vor fast fünfzig Jahren war sie in die Anstalt gekommen, aber niemand konnte sich mehr an ihre Einlieferung erinnern; alle waren inzwischen gestorben. Nur eine Oberschwester, die seit fünf-unddreißig Jahren in der Anstalt arbeitete, wußte noch etwas über ihre Geschichte. Die Alte konnte nicht mehr sprechen und nur flüssige oder halbflüssige Nahrung zu sich nehmen. Sie aß mit den Fingern und schaufelte gewissermaßen die Nahrung in den Mund. Manchmal brauchte sie fast zwei Stunden für eine Tasse Milch. Wenn sie nicht gerade aß, machte sie merkwürdige, rhythmische Bewegungen mit Händen und Armen, deren Natur ich nicht verstand. Ich war tief beeindruckt vom Grade der Zerstörung, die eine Geisteskrankheit anrichten kann, wußte aber keine Erklärung. In den klinischen Vorlesungen wurde sie als katatonische Form der Dementia praecox vorgeführt, aber das sagte mir nichts, denn es enthielt nicht das Geringste über die Bedeutung und Entstehung der merkwürdigen Bewegungen.
Der Eindruck, den dieser Fall auf mich machte, charakterisiert meine Reaktion auf die damalige Psychiatrie. Ich hatte, als ich Assistent wurde, das Gefühl, überhaupt nichts von dem zu verstehen, was Psychiatrie zu sein vorgab. Ich fühlte mich höchst unbehaglich neben meinem Chef und den Kollegen, die so sicher auf
traten, während ich ratlos im Dunkeln tappte. Die Hauptaufgabe der Psychiatrie sah ich in der Erkenntnis der Dinge, die sich im Innern des kranken Geistes ereignen, und davon wußte ich noch nichts. Da stak ich nun in einem Beruf, in dem ich mich überhaupt nicht auskannte!
Eines Abends spät ging ich durch die Abteilung, sah die alte Frau mit ihren rätselhaften Bewegungen und fragte mich wieder einmaclass="underline"
Warum muß das sein? Da ging ich zu unserer alten Oberschwester und erkundigte mich, ob die Patientin immer schon so gewesen sei. «Ja», antwortete sie, «aber meine Vorgängerin erzählte mir, sie habe früher Schuhe hergestellt.» Daraufhin konsultierte ich nochmals ihre alte Krankengeschichte, und dort hieß es, daß sie Bewegungen mache wie beim Schustern. Früher hielten die Schuster die Schuhe zwischen den Knien und zogen die Fäden mit ganz ähnlichen Bewegungen durch das Leder. (Bei Dorf schustern kann man das auch heute noch sehen). Als die Patientin bald darauf starb, kam ihr älterer Bruder zum Begräbnis. - «Warum ist Ihre Schwester krank geworden?» fragte ich ihn. Da erzählte er, sie habe einen Schuhmacher geliebt, der sie aber aus irgendeinem Grunde nicht heiraten wollte, und damals sei sie «übergeschnappt». - Die Schuhmacherbewegungen zeigten ihre Identität mit dem Geliebten, die bis zum Tode dauerte.
Damals erhielt ich eine erste Ahnung von den psychischen Ursprüngen der sogenannten «Dementia praecox». Von nun an widmete ich alle Aufmerksamkeit den Sinnzusammenhängen in der Psychose.
Ich erinnere mich gut der Patientin, an deren Geschichte mir die psychologischen Hintergründe der Psychose und vor allem der «unsinnigen Wahnideen» klar wurden. Ich verstand in diesem Falle zum erstenmal die bis dahin als sinnlos erklärte Sprache der Schizophrenen. Es war Babette S., deren Geschichte ich publiziert habe 2. 1908 hielt ich im Rathaus von Zürich einen Vortrag über sie.
Die Patientin stammte aus der Zürcher Altstadt, aus den engen und schmutzigen Gassen, wo sie in ärmlichen Verhältnissen zur Welt gekommen und aufgewachsen war. Die Schwester war eine Prostituierte, der Vater Trinker. Sie erkrankte mit neununddreißig
2 «Über die Psychologie der Dementia praecox», Halle 1907, und «Der Inhalt der Psychose», Wien 1908, in Ges. Werke I, 1966.
Jahren an der paranoiden Form der Dementia praecox mit charakteristischem Größenwahn. Als ich sie kennenlernte, befand sie sich schon zwanzig Jahre in der Anstalt. Viele Hunderte von Medizinstudenten erhielten bei ihr einen Eindruck von dem unheimlichen Prozeß der psychischen Zersetzung. Sie war eines der klassischen Demonstrationsobjekte der Klinik. Babette war vollkommen verrückt und sagte Dinge, die man überhaupt nicht verstehen konnte. In mühseliger Arbeit unternahm ich den Versuch, die Inhalte ihrer abstrusen Aussprüche zu verstehen. Z. B. sagte sie: «Ich bin die Loreley» und zwar darum, weil der Arzt, wenn er sich zu erklären versuchte, immer sagte: «Ich weiß nicht, was soll es« bedeuten.» Oder sie brachte Klagen hervor wie: «Ich bin die Sokrates-Vertretung», was - wie ich herausfand - bedeuten sollte: «Ich bin ebenso ungerecht angeschuldigt wie Sokrates.» Skurrile Aussprüche wie: «Ich bin das Doppelpolytechnikum unersetzlich», «Ich bin Zwetschgenkuchen auf Maisgriesboden», «Ich bin Germania und Helvetia aus ausschließlich süßer Butter», «Neapel und ich müssen die Welt mit Nudeln versorgen», bedeuteten Wertsteigerungen, d. h. Kompensationen eines Minderwertigkeitsgefühls.
Die Beschäftigung mit Babette und anderen, ähnlichen Fällen überzeugte mich, daß vieles, was wir bis dahin bei den Geisteskranken als sinnlos angesehen hatten, gar nicht so «verrückt» war, wie es schien. Ich erfuhr mehr als einmal, daß bei solchen Patienten im Hintergrund eine «Person» verborgen ist, die als normal bezeichnet werden muß und die gewissermaßen zusieht. Gelegentlich kann sie auch - meist via Stimmen oder Träume - ganz vernünftige Bemerkungen und Einwände machen, und es kann sogar vorkommen, daß sie z. B. bei physischer Erkrankung wieder in den Vordergrund rückt und den Patienten fast normal erscheinen läßt.
Ich hatte einmal eine alte Schizophrene zu behandeln, an der mir die hintergründige «normale» Person sehr deutlich wurde. Es war ein Fall, der nicht zu heilen, sondern nur zu betreuen war. Wie jeder Arzt hatte auch ich Patienten, die man ohne Hoffnung auf Heilung in den Tod begleit en muß. Die Frau hörte Stimmen, die über den ganzen Körper verteilt waren, und eine Stimme in der Mitte des Thorax war «Gottes Stimme». - «Auf sie müssen wir uns verlassen», sagte ich ihr - und staunte über meinen eigenen Mut. In der Regel machte diese Stimme sehr vernünftige Bemerkungen, und mit ihrer Hilfe kam ich mit der Patientin gut aus. Einmal sagte die Stimme: «Er soll dich abhören über die Bibel!» Sie