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brachte eine alte zerlesene Bibel mit, und ich mußte ihr jedesmal ein Kapitel angeben, das sie zu lesen hatte. Das nächste Mal mußte ich sie darüber abhören. Das tat ich etwa sieben Jahre lang, alle vierzehn Tage einmal. Ich kam mir in dieser Rolle allerdings zunächst etwas sonderbar vor, aber nach einiger Zeit wurde mir klar, was die Übung bedeutete: auf diese Weise wurde die Aufmerksamkeit der Patientin wachgehalten, so daß sie nicht tiefer in den zersetzenden Traum des Unbewußten fiel. Das Resultat war, daß sich nach etwa sechs Jahren die früher überall verbreiteten Stimmen ausschließlich und genau auf die linke Körperhälfte zurückgezogen hatten, während die rechte völlig befreit war. Die Intensität des Phänomens auf der linken Seite war nicht etwa verdoppelt, sondern gleich stark wie früher. Man könnte sagen, daß die Patientin wenigstens «halbseitig geheilt» war. Das war ein unerwarteter Erfolg, denn ich hatte mir nicht vorgestellt, daß unsere Bibellektüre therapeutisch wirken könnte.

Durch die Beschäftigung mit den Patienten war mir klar geworden, daß Verfolgungsideen und Halluzinationen einen Sinnkern enthalten. Eine Persönlichkeit steht dahinter, eine Lebensgeschichte, ein Hoffen und ein Wünschen. Es liegt nur an uns, wenn wir den Sinn nicht verstehen. Es wurde mir zum ersten Mal deutlich, daß in der Psychose eine allgemeine Persönlichkeitspsychologie verborgen liegt, daß sich auch hier die alten Menschheitskonflikte wiederfinden. Auch in Patienten, die stumpf und apathisch oder verblödet wirken, geht mehr und Sinnvolleres vor, als es den Anschein hat. Im Grunde genommen entdecken wir im Geisteskranken nichts Neues und Unbekanntes, sondern wir begegnen dem Untergrund unseres eigenen Wesens. Diese Einsicht war für mich damals ein mächtiges Gefühlserlebnis.

Es ist mir immer erstaunlich, wie lange es gebraucht hat, bis die Psychiatrie sich endlich den Inhalten der Psychose zuwandte. Man fragte sich nie, was die Phantasien der Patienten bedeuteten und warum der eine Patient eine ganz andere Phantasie hatte als der andere, warum z. B. der eine glaubte, von Jesuiten verfolgt zu sein, ein anderer, daß die Juden ihn vergiften wollten, oder ein dritter, die Polizei sei hinter ihm her. Man nahm die Inhalte der Phantasien nicht ernst, sondern sprach z. B. ganz allgemein von «Verfolgungsideen». Merkwürdig erscheint es mir auch, daß meine damaligen Untersuchungen heute fast vergessen sind. Ich habe schon zu

Anfang des Jahrhunderts Schizophrenien psychotherapeutisch behandelt. Diese Methode hat man nicht erst heute entdeckt. Aber es brauchte noch sehr viel Zeit, bis man anfing, die Psychologie in die Psychotherapie aufzunehmen.

Als ich noch in der Klinik war, mußte ich meine schizophrenen Patienten sehr diskret behandeln. Ich mußte sehr vorsichtig sein, wollte ich den Vorwurf der Phantasterei vermeiden. Schizophrenie, oder, wie es damals hieß, «Dementia praecox», galt als unheilbar. Wenn sich eine Schizophrenie mit Erfolg behandeln ließ, sagte man einfach, es sei eben keine gewesen.

Als Freud mich 1908 in Zürich besuchte, demonstrierte ich ihm den Fall der Babette. Nachher sagte er zu mir: «Wissen Sie, Jung, was Sie bei dieser Patientin herausgefunden haben, ist ja sicher interessant. Aber wie haben Sie es bloß aushalten können, mit diesem phänomenal häßlichen Frauenzimmer Stunden und Tage zu verbringen?» - Ich muß ihn etwas entgeistert angeschaut haben, denn .dieser Gedanke war mir überhaupt nie gekommen. Mir war sie in einem gewissen Sinne ein freundliches altes Ding, weil sie so schöne Wahnideen hatte und so interessante Sachen sagte. Und schließlich trat auch bei ihr aus einer Wolke von groteskem Unsinn die menschliche Gestalt hervor. Therapeutisch ist bei Babette nichts geschehen, dazu war sie schon zu lange krank. Aber ich habe andere Fälle gesehen, bei welchen diese Art des so rgfältigen Eingehens eine nachhaltige therapeutische Wirkung hatte.

Von außen gesehen, erscheint bei den Geisteskranken nur die tragische Zerstörung, selten aber das Leben jener Seite der Seele, die uns abgewandt ist. Häufig trügt der äußere Anschein, wie ich zu meinem Erstaunen in dem Fall einer jungen katatonen Patientin erfuhr. Sie war achtzehnjährig und stammte aus einer gebildeten Familie. Mit fünfzehn Jahren wurde sie von ihrem Bruder verführt und von Schulkameraden mißbraucht. Vom sechzehnten Jahre an vereinsamte sie. Sie verbarg sich vor den Menschen und hatte schließlich nur noch eine Gefühlsbeziehung zu einem bösen Hofhund, der anderen Leuten gehörte, und den sie umzustimmen versuchte. Sie wurde immer merkwürdiger, und mit siebzehn Jahren kam sie ins Irrenhaus, wo sie anderthalb Jahre zubrachte. Sie hörte Stimmen, verweigerte die Nahrung und war völlig mutazistisch (d. h. sprach nicht mehr). Als ich sie zum ersten Mal sah, befand sie sich in einem typisch katatonen Zustand.

Im Laufe vieler Wochen gelang es mir, sie allmählich zum Sprechen zu bringen. Nach Überwindung heftiger Widerstände erzählte sie mir, daß sie auf dem Mond gelebt hätte. Dieser sei bewohnt, aber zuerst hätte sie nur Männer gesehen. Die hätten sie sofort mit sich genommen und in eine «untermondliche» Behausung gebracht, wo sich ihre Kinder und Frauen aufhielten. Auf den hohen Mondbergen hauste nämlich ein Vampyr, der Weiber und Kinder raubte und tötete, so daß das Mondvolk von Vernichtung bedroht war. Das war der Grund für die «untermondliche» Existenz der weiblichen Bevölkerungshälfte.

Meine Patientin beschloß nun, etwas für das Mondvolk zu tun und nahm sich vor, den Vampyr zu vernichten. Nach langen Vorbereitungen erwartete sie den Vampyr auf der Plattform eines Turmes, der zu diesem Zwecke gebaut worden war. Nach einer Reihe von Nächten sah sie ihn endlich von fern wie einen großen schwarzen Vogel heranschweben. Sie nahm ihr langes Opfermesser, verbarg es in ihrem Gewand und erwartete seine Ankunft. Plötzlich stand er vor ihr. Er hatte mehrere Flügelpaare. Sein Gesicht und seine ganze Gestalt waren von ihnen bedeckt, so daß sie nichts sehen konnte als seine Federn. Sie war verwundert, und Neugier packte sie zu erfahren, wie er aussähe. Sie näherte sich ihm, die Hand am Messer. Da öffneten sich plötzlich die Flügel, und ein überirdisch schöner Mann stand vor ihr. Mit eisernem Griff schloß er sie in seine Flügelarme, so daß sie sich des Messers nicht mehr bedienen konnte. Überdies war sie so gebannt von dem Blick des Vampyrs, daß sie gar nicht mehr imstande gewesen wäre, zuzustoßen. Er hob sie vom Boden auf und flog mit ihr davon.

Nach dieser Revelation konnte sie wieder ungehemmt sprechen, und nun kamen auch ihre Widerstände heraus: ich hätte ihr den Rückweg zum Mond versperrt, sie könne jetzt nicht mehr von der Erde weg. Diese Welt sei nicht schön, aber der Mond sei schön, und dort sei das Leben sinnreich. Etwas später hatte sie einen Rückfall in ihre Katatonie. Eine Zeitlang war sie tobsüchtig.

Als sie nach zwei Monaten entlassen wurde, konnte man wieder mit ihr reden, und allmählich sah sie ein, daß das Leben auf der Erde unvermeidlich war. Verzweifelt sträubte sie sich aber gegen diese Unvermeidlichkeit und ihre Konsequenzen und mußte nochmals in der Anstalt versorgt werden. Einmal besuchte ich sie in ihrer Zelle und sagte zu ihr: «Das nützt Ihnen alles nichts, auf den Mond können Sie nicht zurück!» Das nahm sie schweigend und völlig teilnahmslos auf. Diesmal wurde sie schon nach kürzerer Zeit entlassen und fügte sich resigniert in ihr Schicksal.

Sie nahm eine Stelle als Pflegerin in einem Sanatorium an. Dort war ein Assistenzarzt, der sich ihr etwas unvorsichtig anzunähern versuchte, was sie mit einem Revolverschuß quittierte. Glücklicherweise bewirkte er nur eine leichte Verletzung. Sie hatte sich also einen Revolver verschafft! Schon früher hatte sie einen geladenen Revolver bei sich getragen. In der letzten Stunde, zum Schluß der Behandlung, hatte sie ihn mir mitgebracht. Auf meine erstaunte Frage antwortete sie: «Damit hätte ich Sie niedergeschossen, wenn Sie versagt hätten!»