Als sich die Aufregung wegen des Schusses gelegt hatte, kehrte sie wieder in ihre Heimat zurück. Sie heiratete, hatte mehrere Kinder und überstand zwei Weltkriege im Osten, ohne je wieder einen Rückfall zu erleiden.
Was läßt sich zur Deutung ihrer Phantasien sagen? Durch den Inzest, den sie als junges Mädchen erlitten hatte, fühlte sie sich in den Augen der Welt erniedrigt, im Reiche der Phantasie aber erhöht: sie wurde sozusagen in ein mythisches Reich versetzt; denn der Inzest ist traditionsgemäß eine Prärogative des Königs und der Götter. Dadurch trat aber eine völlige Entfremdung von der Welt ein, der Zustand der Psychose. Sie wurde sozusagen extramundan und verlor den Kontakt mit den Menschen. Sie geriet in kosmische Entfernung, in den Himmelsraum, wo sie dem geflügelten Dämon begegnete. Seine Gestalt übertrug sie in der Behandlung, der Regel entsprechend, auf mich. Damit war ich automatisch mit dem Tod bedroht, wie jeder, der sie zum normalen menschlichen Dasein hätte überreden können. Sie hatte durch ihre Erzählung den Dämon gewissermaßen an mich verraten und sich dadurch an einen irdischen Menschen gebunden. Daher konnte sie ins Leben zurückkehren und sogar heiraten.
Ich selber habe seither das Leiden der Geisteskranken mit anderen Augen angesehen, denn ich wußte nun auch um die bedeutenden Ereignisse ihres inneren Erlebens.
Ich werde oft nach meiner psychotherapeutischen oder analytischen Methode gefragt. Darauf kann ich keine eindeutige Antwort geben. Die Therapie ist bei jedem Fall verschieden. Wenn ein Arzt mir sagt, daß er strikte die eine oder andere «Methode befolge», so bezweifle ich den therapeutischen Effekt. Man spricht in der
Literatur so viel vom Widerstand des Patienten, daß es beinahe aussieht, als wolle man ihm etwas aufnötigen, während das Heilende doch aus ihm natürlich wachsen sollte. - Die Psychotherapie und die Analysen sind so verschieden wie die menschlichen Individuen. Ich behandle jeden Patienten so individuell wie möglich, denn die Lösung des Problems ist stets eine individuelle. Allgemeingültige Regeln lassen sich nur cum grano salis aufstellen. Eine psychologische Wahrheit ist nur dann gültig, wenn man sie auch umkehren kann. Eine Lösung, die für mich nicht in Frage käme, kann für jemand anderen gerade die richtige sein.
Natürlich muß ein Arzt die sogenannten «Methoden» kennen. Aber er muß sich davor hüten, sich auf einen bestimmten routinemäßigen Weg festzulegen. Theoretische Voraussetzungen sind nur mit Vorsicht anzuwenden. Heute sind sie vielleicht gültig, morgen können es andere sein. In meinen Analysen spielen sie keine Rolle. Sehr mit Absicht bin ich nicht systematisch. Für mich gibt es dem Individuum gegenüber nur das individuelle Verstehen. Für jeden Patienten braucht man eine andere Sprache. So kann man mich in einer Analyse auch adlerianisch reden hören oder in einer anderen freudianisch.
Der entscheidende Punkt ist, daß ich als Mensch einem anderen Menschen gegenüberstehe. Die Analyse ist ein Dialog, zu dem zwei Partner gehören. Analytiker und Patient sitzen einander gegenüber - Äug in Auge. Der Arzt hat etwas zu sagen, aber der Patient auch.
Da es in der Psychotherapie nicht darum geht, eine «Methode anzuwenden», genügt das psychiatrische Studium allein nicht. Ich selber hatte noch lange zu arbeiten, bis ich das Rüstzeug für die Psychotherapie besaß. Schon 1909 sah ich ein, daß ich latente Psychosen nicht behandeln kann, wenn ich deren Symbolik nicht verstehe. Damals fing ich an, Mythologie zu studieren.
Bei gebildeten und intelligenten Patienten braucht der Psychiater mehr als ein bloßes Fachwissen. Er muß, frei von allen theoretischen Voraussetzungen, verstehen, was den Patienten in Wirklichkeit bewegt, sonst erregt er überflüssige Widerstände. Es handelt sich ja nicht darum, daß eine Theorie bestätigt wird, sondern daß der Patient sich selber individuell begreift. Dies ist allerdings nicht möglich, ohne Vergleich mit kollektiven Anschauungen, über die der Arzt unterrichtet sein sollte. Hiefür genügt eine bloße medizinische Ausbildung nicht, denn der Horizont der menschlichen
Seele umfaßt unendlich viel mehr als den Gesichtskreis des ärztlichen Konsultationszimmers.
Die Seele ist bedeutend komplizierter und unzugänglicher als der Körper. Sie ist sozusagen die eine Hälfte der Welt, die es nämlich nur insofern gibt, als man sich ihrer bewußt wird. Darum is t die Seele nicht nur ein persönliches, sondern ein Weltproblem, und der Psychiater hat es mit einer ganzen Welt zu tun.
Heute kann man es sehen wie nie zuvor: die Gefahr, die uns allen droht, kommt nicht von der Natur, sondern vom Menschen, von der Seele des Einzelnen und der Vielen. Die psychische Alteration des Menschen ist die Gefahr! Alles hängt davon ab, ob unsere Psyche richtig funktioniert oder nicht. Wenn heutzutage gewisse Leute den Kopf verlieren, dann explodiert eine Wasserstoffbombe!
Der Psychotherapeut muß aber nicht nur den Patienten verstehen; ebenso wichtig ist es, daß er sich selbst versteht. Darum ist die conditio sine qua non der Ausbildung die eigene Analyse, die sogenannte Lehranalyse. Die Therapie des Patienten beginnt sozusagen beim Arzt; nur wenn er es versteht, mit sich und seinen eigenen Problemen umzugehen, kann er das auch dem Patienten beibringen. Aber nur dann. In der Lehranalyse muß der Arzt lernen, seine Seele zu erkennen und ernst zu nehmen. Wenn er das nicht kann, lernt es der Patient auch nicht. Damit verliert er aber ein Stück seiner Seele, so wie auch der Arzt das Stück seiner Seele, das er nicht kennen lernte, verloren hat. Es genügt daher nicht, daß der Arzt sich in der Lehranalyse ein Begriffs System aneignet. Als Ana-lysand muß er realisieren, daß die Analyse ihn selber angeht, daß sie ein Stück wirkliches Leben ist und keine Methode, die man auswendig (in wörtlichem Sinne!) lernen kann. Der Arzt oder Therapeut, der das in seiner Lehranalyse nicht begreift, wird später teuer dafür bezahlen müssen.
Es gibt zwar auch die sogenannte «kleine Psychotherapie», aber in der eigentlichen Analyse ist der ganze Mensch in die Schranken gerufen, Patient und Arzt. Es gibt viele Fälle, die man nicht heilen kann, ohne sich selber dranzugehen. Wenn es an die bedeutenden Dinge geht, ist es entscheidend, ob der Arzt sich selbst als einen Teil des Dramas begreift, oder ob er sich in seine Autorität hüllt. In den großen Krisen des Lebens, in den supremen Augenblicken, wo es sich um Sein oder Nicht-Sein handelt, da helfen die kleinen suggestiven Kunststücke nicht, da ist der Arzt mit seinem ganzen Sein herausgefordert.
Der Therapeut muß sich jederzeit Rechenschaft darüber ablegen, wie er selber auf die Konfrontation mit dem Patienten reagiert. Man reagiert ja nicht nur mit dem Bewußtsein, sondern man muß sich immer auch fragen: wie erlebt mein Unbewußtes die Situation? Man muß also seine Träume zu verstehen suchen, auf das Genaueste aufpassen und sich selber ebenso beobachten wie den Patienten, sonst kann unter Umständen die ganze Behandlung schief gehen. Ich will Ihnen ein Beispiel dafür erzählen.
Ich hatte einmal eine Patientin, eine sehr intelligente Frau, die mir aber aus verschiedenen Gründen etwas zweifelhaft erschien. Zuerst ging die Analyse gut, aber nach einer Weile schien es mir, als ob ich in der Traumdeutung nicht mehr das Richtige träfe, und ich glaubte auch eine Verflachung des Gespräches zu bemerken. So beschloß ich, mit meiner Patientin darüber zu reden, denn ihr war es natürlich auch nicht entgangen, daß etwas nicht richtig funktionierte. In der Nacht vor ihrem nächsten Besuch hatte ich folgenden Traum:
Ich wanderte auf einer Landstraße durch ein Tal im Abendson-nenschein. Rechts war ein steiler Hügel. Oben stand ein Schloß, und auf dem höchsten Turm saß eine Frau auf einer Art Balustrade. Um sie richtig sehen zu können, mußte ich den Kopf weit zurückbeugen. Ich erwachte mit einem Krampfgefühl im Nacken. Noch im Traume hatte ich erkannt, daß die Frau meine Patientin war.