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Die Deutung war mir sogleich klar: wenn ich im Traum auf diese Weise zu meiner Patientin hinaufschauen mußte, hatte ich in Wirklichkeit wahrscheinlich auf sie herabgeschaut. Träume sind ja Kompensationen der bewußten Einstellung. Ich teilte ihr den Traum und meine Deutung mit. Das bewirkte eine sofortige Veränderung der Situation, und die Behandlung kam wieder in Fluß.

Als Arzt muß ich mich immer fragen, was mir der Patient für eine Botschaft bringt. Was bedeutet er für mich? Wenn er nichts für mich bedeutet, habe ich keinen Angriffspunkt. Nur wo der Arzt selber getroffen ist, wirkt er. «Nur der Verwundete heilt.» Wo aber der Arzt einen Persona-Panzer hat, wirkt er nicht. Ich nehme meine Patienten ernst. Vielleicht bin ich genauso vor ein Problem gestellt wie sie. Oft passiert es ja, daß der Patient gerade das richtige Pflaster für die schwache Stelle des Arztes ist. Daraus können schwierige Situationen entstehen, auch für den Arzt, oder gerade für ihn.

Jeder Therapeut sollte eine Kontrolle haben durch eine Drittperson, damit er noch einen anderen Gesichtspunkt erhält. Selbst der Papst hat einen Beichtvater. Ich rate den Analytikern immer:

«Habt einen »Beichtvater' oder eine »Beichtmutter'!» Die Frauen sind dafür nämlich sehr begabt. Sie haben oft eine ausgezeichnete Intuition und eine treffende Kritik und können den Männern, und unter Umständen auch deren Anima-Intrigen, wohl in die Karten sehen. Sie sehen Seiten, die der Mann nicht sieht. Darum war noch keine Frau davon überzeugt, daß ihr Mann der Übermensch sei!

Wenn jemand eine Neurose hat, ist es verständlich, daß er eine Analyse durchmacht; wenn er aber «normal» ist, besteht kein Zwang dazu. Aber ich kann Ihnen versichern, mit der sogenannten Normalität habe ich erstaunliche Erfahrungen gemacht: Einmal bin ich nämlich einem ganz «normalen» Schüler begegnet. Er war Arzt und kam zu mir mit den besten Empfehlungen eines alten Kollegen. Er war sein Assistent gewesen und hatte seine Praxis übernommen. Er hatte normalen Erfolg, eine normale Praxis, eine normale Frau, normale Kinder, wohnte in einem normalen kleinen Haus in einer normalen kleinen Stadt, er hatte ein normales Einkommen und wahrscheinlich auch eine normale Ernährung! Er wollte Analytiker werden. Ich sagte ihm: «Wissen Sie, was das heißt ? Das heißt: Sie müssen zuerst sich selber kennenlernen. Das Instrument sind Sie selber. Wenn Sie nicht richtig sind, wie kann dann der Patient richtig werden? Wenn Sie nicht überzeugt sind, wie können Sie ihn überzeugen? Sie selber müssen der wirkliche Stoff sein. Aber wenn Sie es nicht sind, dann helfe Ihnen Gott! Dann werden Sie die Patienten in die Irre führen. Sie müssen also erst einmal die Analyse selber auf sich nehmen.» - Der Mann war einverstanden, sagte mir aber gleich: «Ich habe Ihnen nichts Problematisches zu erzählen!» Das hätte mich warnen sollen. Ich sagte: «Nun gut, dann können wir Ihre Träume betrachten.» Er sagte: «Ich habe keine Träume.» Ich: «Sie werden bald welche haben.» Ein anderer hätte wahrscheinlich schon in der nächsten Nacht geträumt. Er konnte sich aber an keinen Traum erinnern. Das ging so etwa vierzehn Tage lang, und es wurde mir etwas unheimlich.

Endlich kam ein eindrucksvoller Traum. Er träumte, daß er in der Eisenbahn fuhr. Der Zug hatte in einer bestimmten Stadt zwei Stunden Aufenthalt. Da der Träumer diese Stadt nicht kannte

und sie gern kennenlernen wollte, machte er sich auf den Weg ins Stadtzentrum. Dort fand er ein mittelalterliches Haus, wahrscheinlich das Rathaus, und ging hinein. Er wanderte durch lange Korridore und kam in schöne Räume, an deren Wänden alte Bilder und schöne Gobelins hingen. Kostbare alte Gegenstände standen herum. Plötzlich sah er, daß es dunkle r geworden und die Sonne untergegangen war. Er dachte: Ich muß ja zurück zum Bahnhof! -In diesem Augenblick entdeckte er, daß er sich verlaufen hatte und nicht mehr wußte, wo der Ausgang war. Er erschrak und realisierte gleichzeitig, daß er in diesem Haus keinem Menschen begegnet war. Es wurde ihm unheimlich, und er beschleunigte seine Schritte, in der Hoffnung, irgend jemandem zu begegnen. Aber er begegnete niemandem. Dann kam er zu einer großen Tür und dachte erleichtert: Da ist der Ausgang! - Er öffnete die Tür und entdeckte, daß er in einen riesigen Raum geraten war. Er war so dunkel, daß der Träumer nicht einmal die gegenüberliegende Wand deutlich erkennen konnte. Er erschrak zutiefst und rannte durch den leeren weiten Raum, denn er hoffte, die Ausgangstür an der anderen Seite der Halle zu finden. Da sah er - genau in der Mitte des Raumes - etwas Weißes am Boden, und als er näher kam, entdeckte er, daß es ein idiotisches Kind von etwa zwei Jahren war. Das saß auf einem Nachttopf und hatte sich mit Faeces angeschmiert. In diesem Augenblick erwachte er mit einem Schrei und in Panik.

Nun wußte ich genug: das war eine latente Psychose! Ich kann Ihnen sagen, ich schwitzte, als ich versuchte, ihn aus dem Traum herauszuführen. Ich mußte den Traum so harmlos wie möglich darstellen. Auf Details ging ich überhaupt nicht ein.

Was der Traum erzählt, ist ungefähr folgendes: die Reise, mit der er beginnt, ist die Reise nach Zürich. Dort bleibt er aber nur kurze Zeit. Das Kind im Zentrum ist eine Gestalt seiner selbst als ein zweijähriges Kind. Für kleine Kinder sind solch schlechte Manieren zwar etwas ungewöhnlich, aber immerhin möglich. Faeces ziehen ihr Interesse an, denn sie sind farbig und riechen! Wenn ein Kind in der Stadt aufwächst, womöglich noch in einer strengen Familie, kann so etwas leicht einmal vorkommen.

Aber jener Arzt, der Träumer, war kein Kind, er war ein Erwachsener. Und darum ist das Traumbild im Zentrum ein nefastes Symbol. Als er mir den Traum erzählte, wurde mir klar, daß seine Normalität e ine Kompensation war. Ich hatte ihn im letzten Moment erwischt, denn. um ein Haar wäre die latente Psychose aus

gebrochen und manifest geworden. Das mußte verhindert werden. Es ist mir schließlich mit Hilfe eines seiner Träume gelungen, ein plausibles Ende für die Lehranalyse zu finden. Für dieses Ende waren wir beide einander sehr dankbar. Ich hatte ihn von meiner Diagnose nichts wissen lassen, aber er hatte wohl bemerkt, daß eine fatale Panik im Anzug war, als ein Traum ihm mitteilte, daß ein gefährlicher Geisteskranker ihn verfolge. Gleich darauf kehrte der Träumer in seine Heimat zurück. Das Unbewußte hat er nie mehr angerührt. Seine Tendenz zur Normalität entsprach einer Persönlichkeit, die durch die Konfrontation mit dem Unbewußten nicht entwickelt, sondern nur gesprengt worden wäre. Diese latenten Psychosen sind die «betes noires» des Psychotherapeuten, da sie oft sehr schwer zu erkennen sind. In diesen Fällen ist es besonders wichtig, die Träume zu verstehen.

Damit kommen wir auf die Frage der Laienanalyse. Ich setzte mich dafür ein, daß auch Nichtmediziner Psychotherapie studieren und sie ausüben, aber bei den latenten Psychosen können sie leicht daneben greifen. Deshalb befürworte ich, daß Laien als Analytike r arbeiten, aber unter Kontrolle eines Facharztes. Sobald sie im ^geringsten unsicher werden, sollten sie ihn zu Rate ziehen. Schon für Ärzte ist es oft schwer, eine latente Schizophrenie zu erkennen und zu behandeln, umsomehr für Laien. Aber ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht: die Laien, die sich jahrelang mit Psychotherapie befaßt haben und die selber in Analyse waren, wissen etwas und können auch etwas. Dazu kommt, daß es gar nicht genug Ärzte gibt, die Psychotherapie anwenden. Dieser Beruf bedarf einer sehr langen und gründlichen Ausbildung und einer allgemeinen Bildung, die nur die wenigsten haben.

Die Beziehung zwischen Arzt und Patient kann, besonders wenn eine Übertragung des Patienten oder eine mehr oder weniger unbewußte Identifikation von Arzt und Patient hineinspielt, gelegentlich zu Erscheinungen parapsychologischer Natur führen. Dies habe ich öfters erlebt. Besonders eindrücklich ist mir der Fall eines Patienten, den ich aus einer psychogenen Depression herausgeholt hatte. Darauf kehrte er nach Hause zurück und heiratete, aber die Frau gefiel mir nicht. Als ich sie zum ersten Mal sah, hatte ich ein unheimliches Gefühl. Ich merkte, daß ich ihr, wegen meines Einflusses auf ihren Mann, der mir dankbar war, ein Dorn im Auge war. Es ko mmt häufig vor, daß Frauen, die den Mann