Выбрать главу

nicht wirklich lieben, eifersüchtig sind und seine Freundschaften zerstören. Sie wollen, daß er ihnen ganz gehört, weil nämlich sie selber ihm nicht gehören. Der Kern jeder Eifersucht is t ein Mangel an Liebe.

Die Einstellung der Frau bedeutete für den Patienten eine ungewohnte Belastung, welcher er nicht gewachsen war. Ein Jahr nach der Hochzeit geriet er unter diesem Druck wieder in eine Depression. Ich hatte mit ihm abgemacht - in Voraussicht dieser Möglichkeit - daß er sich sofort melde, wenn er ein Absinken seiner Stimmung bemerke. Das hat er aber unterlassen, nicht ohne das Zutun seiner Frau, welche seine Verstimmung bagatellisierte. Er ließ nichts von sich hören.

Zu jener Zeit mu ßte ich einen Vortrag in B. halten. Etwa um Mittemacht kam ich ins Hotel - ich hatte nach dem Vortrag noch mit ein paar Freunden zusammengesessen - und ging sogleich zu

Bett. Ich lag aber noch lange wach. Etwa gegen zwei Uhr - ich muß gerade eingeschlafen sein - erwachte ich mit Schrecken und war überzeugt, daß jemand in mein Zimmer gekommen sei; es war

mir auch, als ob die Türe hastig geöffnet worden wäre. Ich machte sofort Licht, aber da war nichts. Ich dachte, jemand hätte sich in der Tür geirrt und schaute in den Korridor, doch da war Totenstille. «Merkwürdig», dachte ich, «es ist doch jemand ins Zimmer gekommen!» Dann versuchte ich mich zurückzuerinnern, und es fiel mir ein, daß ich an einem dumpfen Schmerz erwacht war, wie wenn etwas an meine Stirn geprallt und dann an der hinteren Schädelwand angestoßen wäre. - Am anderen Tag erhielt ich ein Telegramm, daß jener Patient Suizid begangen hätte. Er hatte sich erschossen. Später erfuhr ich, daß die Kugel an der hinteren Schädelwand steckengeblieben war.

Bei diesem Erlebnis handelte es sich um ein echtes synchronistisches Phänomen, wie es nicht selten im Zusammenhang mit einer archetypischen Situation - hier dem Tod - beobachtet wird. Durch die Relativierung von Zeit und Raum im Unbewußten ist es möglich, daß ich etwas wahrgenommen hatte, was sich in Wirklichkeit ganz woanders abspielte. Das kollektive Unbewußte ist allen gemeinsam, es ist das Fundament dessen, was das Altertum als «Sympathie aller Dinge» bezeichnet hat. In diesem Fall hat mein Unbewußtes um den Zustand meines Patienten gewußt. Ich hatte mich schon den ganzen Abend merkwürdig unruhig und nervös gefühlt, sehr im Gegensatz zu meiner gewohnten Stimmung.

Ich versuche nie, einen Patienten zu etwas zu bekehren, und übe keinen Zwang aus. Es liegt mir alles daran, daß der Patient zu seiner eigenen Auffassung kommt. Ein Heide wird bei mir ein Heide und ein Christ ein Christ, ein Jude ein Jude, wenn es seinem Schicksal entspricht.

Ich erinnere mich gut an den Fall einer Jüdin, die ihren Glauben verloren hatte. Es begann mit einem Traum von mir, in welchem ein junges, mir unbekanntes Mädchen als Patientin zu mir kam. Sie trug mir ihren Fall vor, und während sie erzählte, dachte ich: Ich verstehe sie ja gar nicht. Ich verstehe nicht, um was es geht! Aber plötzlich fiel mir ein, daß sie einen ungewöhnlichen Vaterkomplex habe. - Das war der Traum.

Am nächsten Tag stand in meiner Agenda: Konsultation, vier Uhr. Ein junges Mädchen erschien. Eine Jüdin, Tochter eines reichen Bankiers, hübsch, elegant und sehr intelligent. Sie hatte bereits eine Analyse durchgemacht, aber der Arzt bekam eine Übertragung auf sie und flehte sie schließlich an, nicht mehr zu ihm zu kommen, sonst zerstöre sie seine Ehe.

Das Mädchen litt seit Jahren an einer schweren Angstneurose, die sich nach diesen Erfahrungen natürlich noch verschlimmerte. Ich begann mit der Anamnese, konnte aber nichts Besonderes entdecken. Sie war eine angepaßte westliche Jüdin, aufgeklärt bis in die Knochen. Zuerst konnte ich ihren Fall nicht verstehen. Plötzlich fiel mir mein Traum ein, und ich dachte: Herrgott, das ist ja diese kleine Person! Da ich aber keine Spur von einem Vaterkomplex bei ihr feststellen konnte, fragte ich sie, wie ich das in solchen Fällen zu tun pflege, nach dem Großvater. Da sah ich, wie sie einen kurzen Augenblick lang die Augen schloß und wußte sofort: hier liegt es! Ich bat sie also, mir von diesem Großvater zu erzählen und erfuhr, er sei ein Rabbi gewesen und hätte einer jüdischen Sekte angehört. Ich fragte: «Meinen Sie die Chassidim?» -Sie bejahte. - Ich fragte weiter: «Wenn er ein Rabbi war, war er vielleicht sogar ein Zaddik?» - Sie: «Ja, man sagt, er sei eine Art Heiliger gewesen und habe auch das zweite Gesicht besessen. Aber das ist alles Blödsinn! So etwas gibt es ja gar nicht!»

Damit hatte ich die Anamnese abgeschlossen und verstand die Geschichte ihrer Neurose, die ich ihr erklärte: «Jetzt werde ich Ihnen etwas sagen, was Sie vielleicht nicht akzeptieren können:

Ihr Großv ater war ein Zaddik. Ihr Vater ist dem jüdischen Glauben abtrünnig geworden. Er hat das Geheimnis verraten

und hat Gott vergessen. Und Sie haben Ihre Neurose, weil Sie an der Furcht Gottes leiden!» - Das schlug in sie ein wie ein Blitz!

In der folgenden Nacht hatte ich wieder einen Traum: Es fand ein Empfang in meinem Hause statt, und siehe da, diese kleine Person war auch da. Sie kam auf mich zu und fragte mich: «Haben Sie nicht einen Regenschirm? Es regnet so stark.» Ich fand auch wirklich einen Schirm, fummelte daran herum, um ihn zu öffnen, und wollte ihn ihr geben. Aber was geschah stattdessen? Ich überreichte ihn ihr auf den Knien, wie einer Gottheit!

Diesen Traum erzählte ich ihr, und in acht Tagen war die Neurose verschwunden3. Der Traum hatte mir gezeigt, daß sie nicht nur eine oberflächliche Person war, sondern daß dahinter eine Heilige stand. Aber sie hatte keine mythologischen Vorstellungen, und darum fand das Wesentliche in ihr keinen Ausdruck. Alle ihre Intentionen gingen auf Flirt, Kleider und Sexualität, weil sie gar nichts anderes wußte. Sie kannte nur den Intellekt und lebte ein sinnloses Leben. In Wirklichkeit war sie ein Kind Gottes, das Seinen geheimen Willen hätte erfüllen sollen. Ich mußte mythologische und religiöse Vorstellungen in ihr wachrufen, denn sie gehörte zu den Menschen, von denen geistige Betätigung gefordert ist. Dadurch erhielt ihr Leben Sinn, und von Neurose keine Spur mehr!

Bei diesem Falle wandte ich keine «Methode» an, sondern ich hatte die Präsenz des Numen gesehen. Das erklärte ich der Patientin, und das hat die Heilung bewirkt. Hier gab es keine Methode, hier galt die Furcht Gottes. Ich habe oft gesehen, daß Menschen neurotisch werden, wenn sie sich mit ungenügenden oder falschen Antworten auf die Fra

gen des Lebens begnügen. Sie suchen Stellung, Ehe, Reputation und äußeren Erfolg und Geld und bleiben unglücklich und neurotisch, auch wenn sie erlangt haben, was sie suchten. Solche Menschen stecken meist in einer zu großen geistigen Enge. Ihr Leben hat keinen genügenden Inhalt, keinen Sinn. Wenn sie sich zu einer umfassenderen Persönlichkeit entwickeln können, hört meist auch die Neurose auf. Darum war für mich von Anfang an der Entwicklungsgedanke von höchster Bedeutung.

3 Der Fall unterscheidet sich von den meisten anderen Fällen dieser Art durch die Kürze der Behandlungsdauer. A. J.

Der Großteil meiner Patienten bestand nicht aus gläubigen Menschen, sondern aus solchen, die ihren Glauben verloren hatten. Zu mir kamen die «verlorenen Schafe». Der gläubige Mensch hat auch heute Gelegenheit, in der Kirche die Symbole zu leben. Man denke an das Erlebnis der Messe, der Taufe, an die Imitatio Christi und vieles andere. Aber ein solches Leben und Erleben des Symbols setzt die lebendige Anteilnahme des Gläubigen voraus, und die fehlt dem heutigen Menschen sehr oft. Beim neurotischen Menschen fehlt sie meistens. In solchen Fällen sind wir darauf angewiesen zu beobachten, ob nicht das Unbewußte spontan Symbole heraufbringt, welche das Fehlende ersetzen. Dann bleibt aber immer noch die Frage offen, ob ein Mensch, der entsprechende Träume oder Visionen hat, imstande sei, ihren Sinn zu verstehen und die Konsequenzen auf sich zu nehmen.