Ich habe einen solchen Fall in «Über die Archetypen des kollektiven Unbewußten»4 beschrieben. Ein Theologe hatte einen Traum, der sich öfters wiederholte. Er träumt, er stehe an einem Abhang, von wo aus er eine schöne Aussicht auf ein tiefes Tal mit dichten Wäldern hat. Er weiß, daß ihn bisher immer etwas davon abgehalten hatte, dorthin zu gehen. Dieses Mal aber will er seinen Plan durchführen. Wie er sich dem See nähert, wird es unheimlich, und plötzlich huscht ein leiser Windstoß über die Fläche des Wassers, das sich dunkel kräuselt. Er erwacht mit einem Angstschrei.
Der Traum erscheint zunächst unverständlich; aber als Theologe hätte sich der Träumer eigentlich an den «Teich» erinnern sollen, dessen Wasser von einem plötzlichen Wind bewegt wurde, und in den man die Kranken tauchte den Teich Bethesda. Ein Engel kommt hernieder und berührt das Wasser, welches dadurch Heilkraft erlangt. Der leise Wind ist das Pneuma, das weht, wo es will. Und das macht dem Träumer Höllenangst. Es wird eine unsichtbare Präsenz angedeutet, ein Numen, das aus sich lebt, und vor welchem den Menschen ein Schauer überfällt. Den Einfall vom Teich Bethesda gab der Träumer sich nur unwillig zu. Er wollte ihn nicht haben, denn dergleichen Dinge kommen nur in der Bibel und allenfalls noch am Sonntagvormittag m der Predigt vor. Mit Psychologie haben sie gar nichts zu tun. Vom Hl. Geist vollends spricht man nur bei feierlichen Gelegenheiten, aber er ist beileibe kein Phänomen der Erfahrung.
4 «Über die Archetypen des kollektiven Unbewußten», 1935, in Ges. Werke IX/1, 1976.
Ich weiß, daß der Träumer den Schrecken hätte überwinden und sozusagen hinter seine Panik gelangen sollen. Aber ich insistiere nie, wenn jemand nicht gewillt ist, den eigenen Weg zu gehen und die Verantwortung mit zu übernehmen. Ich bin nicht bereit zu der billigen Annahme, daß es sich um «nichts als» gewöhnliche Widerstände handle. Widerstände - namentlich wenn sie hartnäckig sind ^•verdienen Beachtung, weil sie oft soviel wie Warnungen bedeu-ten, die nicht übersehen sein wollen. Das Heilende kann ein Gilt sein, das nicht jedermann erträgt, oder eine Operation, die tödlich wirkt, wenn sie kontraindiziert ist.
Wenn es um das innere Erleben geht, um das Allerpersönlichste, dann wird es den meisten Menschen unheimlich, und viele laufen davon. So auch dieser Theologe. Ich bin mir natürlich bewußt, daß die Theologen in einer schwierigeren Lage sind als andere. Einerseits sind sie dem Religiösen näher, andererseits aber auch enger gebunden durch die Kirche und das Dogma. Das Risiko des Innern Erlebens, das geistige Abenteuer, ist den meisten Menschen fremd. Die Möglichkeit, daß es psychische Wirklichkeit sein könnte, ist Anathema. Es muß «übernatürlich» oder wenigstens «historisch» begründet sein, aber psychisch? Angesichts dieser Frage bricht oft plötzlich eine ebenso ungeahnte wie profunde Verachtung der Seele durch.
In der heutigen Psychotherapie wird oft gefordert, daß der Arzt oder Psychotherapeut mit dem Patienten und dessen Affekten sozusagen «mitzugehen» habe. Ich halte das nicht immer für das Richtige. Manchmal bedarf es auch des aktiven Eingriffes von sei-ten des Arztes.
Einmal kam eine Dame aus dem Hochadel zu mir, die ihre Angestellten inclusive ihre Ärzte - zu ohrfeigen pflegte. Sie litt an einer Zwangsneurose und war zur Behandlung in einer Klinik gewesen. Natürlich hatte sie dem Chefarzt bald die obligate Ohrfeige verabreicht. In ihren Augen war er ja auch nur ein besserer valet de chambre. Sie zahlte ja! Er schickte sie dann zu einem anderen Arzt, und dort passierte wieder das gleiche. Da die Dame nicht eigentlich verrückt, wohl aber mit Handschuhen zu behandeln war, geriet er in einige Verlegenheit und schickte sie zu mir.
Sie war eine sehr stattliche Persönlichkeit, sechs Fuß hoch - die konnte hauen, sage ich Ihnen! Sie erschien also, und wir haben uns sehr gut unterhalten. Dann kam der Augenblick, wo ich ihr
etwas Unangenehmes sagen mußte. Wütend sprang sie auf und drohte, mich zu schlagen. Ich war auch aufgesprungen und sagte zu ihr: «Gut, Sie sind die Dame, Sie hauen zuerst - Ladies first! Aber dann haue ich!» - und meinte es auch. Sie fiel in ihren Stuhl zurück und sank direkt zusammen. «Das hat mir noch niemand gesagt», klagte sie. Aber von diesem Augenblick an wurde die Therapie erfolgreich.
Was diese Patientin brauchte, war die männliche Reaktion. In diesem Falle wäre es ganz falsch gewesen, «mitzugehen». Das hätte ihr gar nichts genützt. Sie hatte eine Zwangsneurose, weil sie sich moralisch nicht selber beschränken konnte. Solche Leute werden von der Natur beschränkt - eben durch die Zwangssymptome.
Ich habe vor Jahren einmal eine Statistik angefertigt über die Resultate meiner Behandlungen. Genau weiß ich die Zahlen nicht mehr, aber vorsichtig gesagt waren ein Drittel wirklich geheilt, ein Drittel weitgehend gebessert und ein Drittel nicht wesentlich beeinflußt. Aber gerade die nicht gebesserten Fälle sind schwer zu beurteilen, weil manches erst nach Jahren realisiert und verstanden wird und auch dann erst wirken kann. Wie oft ist es mir passiert, daß ehemalige Patienten mir schrieben: «Ich habe erst zehn Jahre, nachdem ich bei Ihnen gewesen bin, realisiert, was eigentlich gewesen ist.»
Ich habe wenige Fälle gehabt, die mir davongelaufen sind, ganz selten mußte ich einen Patienten fortschicken. Aber auch darunter gab es einige, die mir später positive Berichte schickten. Darum ist die Beurteilung des Erfolges einer Behandlung oft schwierig.
Im Leben eines Arztes ist es eine Selbstverständlichkeit, daß ihm in seiner praktischen Tätigkeit Menschen begegnen, die auch für ihn selber von Bedeutung sind. Er begegnet Persönlichkeiten, welche zu ihrem Glück oder Unglück nie das Interesse der Öffentlichkeit erregt und trotzdem oder gerade deshalb ein ungewöhnliches Ausmaß besitzen, oder Entwicklungen und Katastrophen durchlaufen haben, die ihresgleichen suchen. Manchmal sind es außergewöhnliche Begabungen, für die ein anderer in unerschöpflichem Enthusiasmus sein ganzes Leben opfern könnte, die aber in eine so seltsam ungünstige psychische Disposition eingepflanzt sind, daß man nicht weiß, ob man es mit einem Genie oder einer fragmentarischen Entwicklung zu tun hat. Nicht selten auch blühen
unter unwahrscheinlichen Umständen Reichtümer der Seele, welchen im sozialen Flachland zu begegnen man nie vermutet hätte. Der für die psychotherapeutische Wirkung notwendige Rapport erlaubt es dem Arzt nicht, sich den großen Eindrücken von den Höhen und Tiefen des leidenden Menschen zu entziehen. Der Rapport besteht ja in beständiger Vergleichung und Angleichung, in der dialektischen Auseinandersetzung der einander gegenübergesetzten psychischen Tatsächlichkeiten. Wirken diese Eindrücke aus irgendwelchem Grunde beim einen oder anderen nicht, so bleibt auch der psychotherapeutische Prozeß wirkungslos, und es kommt zu keiner Wandlung. Wird nicht der eine dem anderen zum Problem, so wird auch keine Antwort gefunden.
Unter den sogenannten neurotischen Patienten unserer Tage gibt es nicht wenige, die in früheren Zeiten nicht neurotisch, d. h. entzweit mit sich selber, geworden wären. Hätten sie in einer Zeit und in einem Milieu gelebt, wo der Mensch noch durch den Mythus mit der Ahnenwelt und dadurch mit der erlebten und nicht bloß von außen gesehenen Natur verbunden war, so wäre ihnen das Uneinswerden mit sich selber erspart geblieben. Es handelt sich um Menschen, die den Verlust des Mythus nicht ertragen und weder den Weg zu einer nur äußeren Welt, d. h. zum Weltbild der Naturwissenschaft, finden, noch sich am intellektuellen Phantasiespiel mit Wörtern, das mit Weisheit nicht das Geringste zu tun hat, sättigen können.
Diese Opfer der seelischen Spaltung unserer Zeit sind bloße «Fakultativneurotiker», von denen das anscheinend Krankhafte in dem Moment abfällt, wo die Lücke, die zwischen dem Ich und dem Unbewußten klafft, geschlossen wird. Wer diese Spaltung selber zutiefst erfahren hat, ist auch am ehesten in der Lage, sich ein besseres Verständnis der unbewußten seelischen Vo rgänge zu erwerben und jene typische, dem Psychologen drohende Gefahr der Inflation zu vermeiden. Wer die numinose Wirkung der Archetypen nicht aus eigener Erfahrung kennt, der wird kaum dieser negativen Wirkung entgehen, wenn er in praxi mit ihr konfrontiert ist. Er wird überschätzen oder unterschätzen, da er nur einen intellektuellen Begriff, nicht aber ein empirisches Maß besitzt. Hier beginnen - nicht nur für den Arzt - die bedenklichen Abwege, deren erster der intellektuelle Bemächtigungsversuch ist. Er dient dem heimlichen Zwecke, sich selber der archetypischen Wirkung und damit der wirklichen Erfahrung zu entziehen zugunsten einer anscheinend gesicherten künstlichen, aber bloß zweidimensionalen Begriffswelt, welche mit sogenannten klaren Begriffen die Wirklichkeit des Lebens zudecken möchte. Die Verschiebung ins Begriffliche nimmt der Erfahrung die Substanz und verleiht sie dem bloßen Namen, der nunmehr an die Stelle der Wirklichkeit gesetzt wird. Einem Begriff ist niemand verpflichtet, und das ist eben die gesuchte Annehmlichkeit, die Schutz vor der Erfahrung verspricht. Der Geist aber lebt nicht in Begriffen, sondern in Taten und Tatsachen. Mit bloßen Wörtern lockt man keinen Hund vom Ofen, trotzdem wiederholt man diese Prozedur ins Endlose.