Zu den schwierigsten und undankbarsten Patienten gehören daher, nach meiner Erfahrung, neben den habituellen Lügnern die sogenannten Intellektuellen; denn bei ihnen weiß die eine Hand n ie, was die andere tut. Sie kultivieren eine Psychologie ä comparti-ments. Mit einem durch kein Gefühl kontrollierten Intellekt läßt sich alles erledigen - und dennoch hat man eine Neurose.
Aus der Begegnung mit meinen Analysanden und der Auseinandersetzung mit dem seelischen Phänomen, das sie und meine Patienten mir in einer unerschöpflichen Abfolge von Bildern darstellten, habe ich unendlich viel gelernt, nicht etwa bloß Wissenschaft, sondern vor allem Einsicht ins eigene Wesen - und nicht zum wenigsten aus Irrtümern und Niederlagen. Ich hatte hauptsächlich weibliche Analysanden, die öfters außerordentlich gewis senhaft, verständnisvoll und intelligent auf die Arbeit eingingen. Sie haben wesentlich dazu beigetragen, daß ich in der Therapie neue Wege gehen konnte.
Einige Analysanden sind zu meinen Schülern im eigentlichen Sinn geworden, die meine Gedanken in die Welt getragen haben. Unter ihnen habe ich Menschen gefunden, deren Freundschaft sich durch die Jahrzehnte bewährt hat.
Meine Patienten und Analysanden haben mir die Wirklichkeit des menschlichen Lebens so nahe gebracht, daß ich nicht umhin konnte. Wesentliches darüber in Erfahrung zu bringen. Das Zusammentreffen mit Menschen der verschiedensten Art und von verschiedenstem psychologischem Niveau war für mich von unvergleichlich höherer Bedeutung als ein abgerissenes Gespräch mit einer Zelebrität. Die schönsten und folgenreichsten Gespräche meines Lebens sind anonym.
Sigmund Freud'
Das Abenteuer meiner geistigen Entwicklung hatte damit begonnen, daß ich Psychiater wurde. In ahnungsloser Weise fing ich an, geisteskranke Patienten klinisch, von außen her, zu beobachten. Dabei stieß ich auf psychische Vorgänge auffallender Natur, die ich registrierte und klassifizierte, ohne das geringste Verständnis für ihre Inhalte, die als «pathologisch» genügend bewertet erschienen. Im Laufe der Zeit konzentrierte sich mein Interesse immer mehr auf solche Kranke, an denen ich etwas Verstehbares erlebte, d. h. auf paranoide Fälle, manis ch-depressives Irresein und psychogene Störungen. Von Anfang meiner psychiatrischen Laufbahn an gewährten mir die Breuer-Freudschen Studien neben den Arbeiten Pierre Janets reiche Anregung. Vor allem waren mir die Freudschen Ansätze zu einer Methode der Traumanalyse und Trauminterpretation hilfreich für das Verständnis schizophrener Ausdrucksformen. Bereits 1900 hatte ich Freuds «Traumdeutung» gelesen1. Ich hatte das Buch wieder weggelegt, weil ich es noch nicht begriff. Mit fünfundzwanzig Jahren fehlten mir die Erfahrungen, um die Theorien Freuds nachzuprüfen. Das kam erst später. 1903 nahm ich die «Traumdeutung» noch einmal vor und entdeckte den Zusammenhang mit meinen eigenen Ideen. Was mich an dieser Schrift vor allem interessierte, war die Anwendung des aus der Neurosenpsychologie stammenden Begriffes «Verdrängungsmechanismus» auf das Gebiet des Traumes. Dies war mir wichtig, weil mir Verdrängungen bei meinen Wortassoziationsexperimenten häufig entge
1 Das Kapitel kann nur als Ergänzung der zahlreichen Schriften C. G. Jungs über
Sigmund Freud und sein Werk aufgefaßt werden. Die meisten in Ges. Werke IV, 1969. Vgl. auch «Sigmund Freud als Kulturhistorische Erscheinung», 1932, und «Sigmund Freud: Ein Nachruf», 1939, in Ges. Werke XV, 1971.
2 In seinem Nachruf auf Freud (Basler Nachrichten, l. Oktober 1939; in Ges. Werke XV, 1971) bezeichnete Jung dieses Werk als «epochemachend» und «wohl den kühnsten Versuch, der je gemacht wurde, auf dem scheinbar festen Boden der Empirie die Rätsel der unbewußten Psyche zu meistern . . . Für uns damals junge Psychiater war es eine Quelle der Erleuchtung, während es für unsere älteren Kollegen ein Gegenstand des Spottes war.»
gengetreten waren: auf gewisse Reizworte wußten die Patienten entweder keine assoziative Antwort, oder sie gaben sie mit erheblich verlängerter Reaktionszeit. Wie sich nachträglich herausstellte, trat eine solche Störung jedesmal dann auf, wenn das Reizwort einen seelischen Schmerz oder Konflikt berührt hatte. Das war aber den Patienten meist unbewußt, und auf meine Fragen nach der Ursache der Störung antworteten sie oft auf eine merkwürdig gekün -stelte Art und Weise. Die Lektüre von Freuds «Traumdeutung» zeigte mir, daß hier der Verdrängungsmechanismus am Werke war, und daß die von mir beobachteten Tatsachen mit seiner Theorie übereinstimmten. Ich konnte seine Ausführungen nur bestätigen.
Anders stand es in bezug auf den Inhalt der Verdrängung. Darin konnte ich Freud nicht recht geben. Er sah als Ursache der Verdrängung das sexuelle Trauma an, und das genügte mir nicht. Aus meiner Praxis kannte ich zahlreiche Fälle von Neurosen, bei denen die Sexualität nur eine untergeordnete Rolle spielte und andere Faktoren im Vordergrund standen, z. B. das Problem der sozialen Anpassung, der Unterdrückung durch tragische Lebensumstände, der Prestige-Ansprüche usw. Später habe ich Freud solche Fälle vorgelegt; aber andere Faktoren als Sexualität ließ er als Ursache nicht gelten. Das war für mich sehr unbefriedigend.
Am Anfang ist es mir nicht leicht gefallen, Freud den richtigen Platz in meinem Leben zu geben, oder mich richtig zu ihm einzustellen. Als ich mit seinem Werk bekannt wurde, lag eine akademische Laufbahn vor mir, und ich stand vor dem Abschluß einer Arbeit, die mich an der Universität vorwärts bringen sollte. Freud war aber in der akademischen Welt jener Zeit ausgesprochen persona non grata, und die Beziehung zu ihm war daher jedem wissenschaftlichen Ruf abträglich. Die «wichtigen Leute» erwähnten ihn höchstens verstohlen, und bei den Kongressen wurde er nur in den Couloirs diskutiert, niemals im Plenum. So war es mir keineswegs angenehm, daß ich die Übereinstimmung meiner Assoziationsversuche mit Freuds Theorien feststellen mußte.
Einmal war ich in meinem Laboratorium mit diesen Fragen beschäftigt, als mir der Teufel einflüsterte, ich sei berechtigt, die Ergebnisse meiner Experimente und meine Schlußfolgerungen zu publizieren, ohne Freud zu erwähnen. Ich hatte ja meine Versuche ausgearbeitet, lange ehe ich etwas von ihm verstand. Aber da hörte ich die Stimme meiner zweiten Persönlichkeit: «Wenn du derglei
chen tust, als ob du Freud nicht kenntest, so ist das ein Betrug. Man kann sein Leben nicht auf eine Lüge stellen.» - Damit war der Fall erledigt. Von da an nahm ich offen für Freud Partei und kämpfte für ihn.
Die ersten Lanzen brach ich für ihn, als auf einem Kongreß in München über Zwangsneurosen referiert, sein Name aber geflissentlich verschwiegen wurde. 1906 schrieb ich im Anschluß daran einen Aufsatz für die «Münchner Medizinische Wochenschrift» über die Freudsche Neurosenlehre, die so Wesentliches zum Verständnis der Zwangsneurosen beigetragen hatte'. Auf diesen Artikel hin schrieben mir zwei deutsche Professoren Warnungsbriefe: wenn ich auf der Seite Freuds bliebe und fortführe, ihn zu verteidigen, sei meine akademische Zukunft gefährdet. Ich antwortete: