«Wenn das, was Freud sagt, die Wahrheit ist, dann bin ich dabei. Ich pfeife auf eine Karriere, wenn sie voraussetze daß man die Forschung beschneidet und die Wahrheit verschweigt» Und ich fuhr fort, für Freud und seine Gedanken einzutreten. Nur vermochte ich auf Grund eigener Erfahrungen immer noch nicht zuzugeben, daß alle Neurosen durch sexuelle Verdrängung oder sexuelle Traumata verursacht seien. Für gewisse Fälle traf das zu, für andere aber nicht. Immerhin hatte Freud einen neuen Forschungsweg aufgetan, und die damalige Empörung gegen ihn schien mir absurd. *
Ich hatte nicht viel Verständnis für die in «Die Psychologie der Dementia praecox» ausgedrückten Ideen gefunden, und meine Kollegen lachten mich aus. Aber durch diese Arbeit kam ich zu Freud. Er lud mich zu sich ein, und im Februar 1907 fand unsere erste Begegnung in Wien statt. Wir trafen uns um ein Uhr mittags, und dreizehn Stunden lang sprachen wir sozusagen pausenlos. Freud war der erste wirklich bedeutende Mann, dem ich begegnete. Kein anderer Mensch in meiner damaligen Erfahrung konnte sich mit ihm messen. In seiner Einstellung gab es nichts Triviales.
8 «Die Hysterielehre Freuds, eine Erwiderung auf die Aschaffenburg-sche Kritik», Ges. Werke, IV, 1969.
4 Nachdem Jung (1906) seine Arbeit über die «Diagnostischen Assoziationsstudien» Freud zugesandt hatte, setzte die Korrespondenz zwischen den beiden Forschern ein. Der Briefwechsel wurde bis zum Jahre 1913 weitergeführt. 1907 hatte Jung auch seine Schrift «Die Psychologie der Dementia praecox» an Freud gesandt. A. J.
Ich fand ihn außerordentlich intelligent, scharfsinnig und in jeder Beziehung bemerkenswert. Und doch blieben meine ersten Eindrücke von ihm unklar, zum Teil auch unverstanden.
Was er mir über seine Sexualtheorie sagte, machte mir Eindruck. Trotzdem konnten seine Worte meine Bedenken und Zweifel nicht beheben. Ich brachte sie mehr als einmal vor, aber jedesmal hielt er mir meinen Mangel an Erfahrung entgegen. Freud hatte recht: damals besaß ich noch nicht genügend Erfahrung, um meine Einwände zu begründen. Ich sah, daß seine Sexualtheorie ungeheuer bedeutsam für ihn war, im persönlichen wie im philosophischen Sinne. Das beeindruckte mich, aber ich konnte mir nicht darüber klar werden, inwieweit diese positive Bewertung mit subjektiven Voraussetzungen bei ihm zusammenhing und inwieweit mit beweiskräftigen Erfahrungen.
Vor allem schien mir Freuds Einstellung zum Geist in hohem Maße fragwürdig. Wo immer bei einem Menschen oder in einem Kunstwerk der Ausdruck einer Geistigkeit zutage trat, verdächtigte er sie und ließ «verdrängte Sexualität» durchblicken. Was sich nicht unmittelbar als Sexualität deuten ließ, bezeichnete er als «Psychosexualität». Ich wandte ein, daß seine Hypothese, logisch zu Ende gedacht, zu einem vernichtenden Urteil über die Kultur führe. Kultur erschiene als bloße Farce, als morbides Ergebnis verdrängter Sexualität. «Ja», bestätigte er, «so ist es. Das ist ein Schicksalsfluch, gegen den wir machtlos sind.» Ich war keineswegs bereit, ihm recht zu geben oder es dabei bewenden zu lassen. Doch fühlte ich mich einer Diskussion noch nicht gewachsen.
Noch etwas anderes wurde mir bei der ersten Begegnung bedeutsam. Es betrifft Dinge, die ich jedoch erst nach dem Ende unserer Freundschaft ganz durchdenken und verstehen konnte. Es war unverkennbar, daß die Sexualtheorie Freud in ungewöhnlichem Maße am Herzen lag. Wenn er davon sprach, wurde sein Ton dringlich, fast ängstlich, und von seiner kritischen und skeptischen Art war nichts mehr zu bemerken. Ein seltsam bewegter Ausdruck, dessen Ursache ich mir nicht erklären konnte, belebte dabei sein Gesicht. Das machte mir einen starken Eindruck: die Sexualität bedeutete ihm ein Numinosum. Mein Eindruck wurde bestätigt durch ein Gespräch, das etwa drei Jahre später (1910) wiederum in Wien stattfand.
Ich erinnere mich noch lebhaft, wie Freud zu mir sagte: «Mein lieber Jung, versprechen Sie mir, nie die Sexualtheorie aufzugeben.
Das ist das Allerwesentlichste. Sehen Sie, wir müssen daraus ein Dogma machen, ein unerschütterliches Bollwerk.» Das sagte er zu mir voll Leidenschaft und in einem Ton, als sagte ein Vater:
«Und versprich mir eines, mein lieber Sohn: geh jeden Sonntag in die Kirche!» Etwas erstaunt fragte ich ihn: «Ein Bollwerk -wogegen?» Worauf er antwortete: «Gegen die schwarze Schlammflut-» hier zög erte er einen Moment, um beizufügen: «des Okkul-tismus.» Zunächst war es das «Bollwerk» und das «Dogma», was mich erschreckte; denn ein Dogma, d. h. ein indiskutables Bekenntnis, stellt man ja nur dort auf, wo man Zweifel ein für alle Mal unterdrücken will. Das hat aber mit wissenschaftlichem Urteil nichts mehr zu tun, sondern nur noch mit persönlichem Machttrieb.
Es war ein Stoß, der ins Lebensmark unserer Freundschaft traf. Ich wußte, daß ich mich damit nie würde abfinden können. Was Freud unter «Okkult ismus» zu verstehen schien, war so ziemlich alles, was Philosophie und Religion, einschließlich der in jenen Tagen aufgekommenen Parapsychologie über die Seele auszusagen wußten. Für mich war die Sexualtheorie genau so «okkult», d. h. unbewiesene, bloß mög liche Hypothese, wie viele andere spekulative Auffassungen. Eine wissenschaftliche Wahrheit war für mich eine für den Augenblick befriedigende Hypothese, aber kein Glaubensartikel für alle Zeiten.
Ohne dies damals richtig zu verstehen, hatte ich einen Einbruch unbewußter religiöser Faktoren bei Freud beobachtet. Offenbar wollte er mich zu einer gemeinsamen Verteidigung gegen bedrohliche unbewußte Inhalte anwerben.
Der Eindruck dieses Gesprächs trug zu meiner Konfusion bei; denn ich hatte bis dahin der Sexualität nicht die Bedeutung einer schwankenden Angelegenheit beigemessen, der man die Treue wahren muß, weil sie in Verlust geraten könnte. Für Freud bedeutete die Sexualität anscheinend mehr als anderen Leuten. Sie war ihm eine «res religiöse observanda». Unter dem Eindruck solcher Fragen und Gedanken benimmt man sich in der Regel scheu und zurückhaltend. So fand das Gespräch nach einigen stammelnden Versuchen meinerseits bald ein Ende.
Ich war tief beeindruckt, verlegen und verwirrt. Ich hatte das Gefühl, einen Blick in ein neues, unbekanntes Land erhascht zu haben, woraus mir Schwärme von neuen Gedanken zuflogen. Eines war mir klar: Freud, der stets mit Nachdruck auf seine Irreligiosität
(Kirche)
hinwies, hatte sich ein Dogma zurechtgelegt, oder vielmehr, anstelle eines ihm verloren gegangenen, eifersüchtigen Gottes hatte sich ein anderes zwingendes Bild, nämlich das der Sexualität, unterschoben; ein Bild, das nicht weniger drängend, anspruchsvoll, gebieterisch, bedrohlich und moralisch ambivalent war. Wie dem psychisch Stärkeren und darum zu Fürchtenden die Attribute «göttlich» oder «dämonisch» zukommen, so hatte die «sexuelle Libido» bei ihm die Rolle eines deus absconditus, eines verborgenen Gottes, angenommen. Der Vorteil dieser Wandlung bestand für Freud anscheinend darin, daß das neue numinose Prinzip ihm als wissenschaftlich einwandfrei erschien und befreit von aller religiösen Belastung. Im Grunde genommen blieb aber die Numinosität als psychologische Eigenschaft der rational inkommensurablen Gegensätze - Jahwe und Sexualität - dieselbe. Bloß die Benennung hatte sich geändert und damit allerdings auch der Gesichtspunkt: nicht oben war das Verlorene zu suchen, sondern unten. Aber was macht es schließlich dem Stärkeren aus, ob man es so oder anders bezeichnet? Wenn es keine Psychologie gäbe, sondern nur konkrete Gegenstände, so hätte man tatsächlich den einen zerstört und den anderen an seine Stelle gesetzt. In Wirklichkeit, d. h. im Bereich der psychologischen Erfahrung, ist aber von der Dringlichkeit, Ängstlichkeit, Zwangshaftigkeit usw., überhaupt nichts verschwunden. Nach wie vor bleibt die Frage, wie man der Angst, dem bösen Gewissen, der Schuld, dem Zwange, der Unbewußtheit und der Triebhaftigkeit beikommt oder entrinnt. Geht es von der hellen, idealistischen Seite nicht, dann vielleicht von der dunkeln, biologischen.