Wie momentan aufzuckende Flammen fuhren mir diese Gedanken durch den Kopf. Viel später, als ich über Freuds Charakter nachdachte, wurden sie mir wichtig und enthüllten ihre Bedeutung. Es war vor allem ein Charakterzug, der mich beschäftigte: Freuds Bitterkeit. Schon bei unserer ersten Begegnung war sie mir aufgefallen. Lange blieb sie mir unverständlich, bis ich sie im Zusammenhang mit seiner Einstellung zur Sexualität sehen konnte. Für Freud bedeutete zwar die Sexualität ein Numinosum, aber in seiner Terminologie und Theorie kommt sie ausschließlich als biologische Funktion zum Ausdruck. Nur die Bewegtheit, mit der er über sie sprach, ließ darauf schließen, daß noch Tieferes in ihm anklang. Letzten Endes wollte er lehren - so wenigstens schien es mir - daß, von innen her betrachtet, Sexualität auch Geistigkeit umfasse,
oder Sinn enthalte. Seine konkretistische Terminologie war aber zu eng, um diesem Gedanken Ausdruck zu geben. So hatte ich von ihm den Eindruck, daß er im Grunde genommen gegen sein eigenes Ziel und gegen sich selbst arbeitete; und es gibt keine schlimmere Bitterkeit als die eines Menschen, der sein eigener ärgster Feind ist. Nach seinem eigenen Ausspruch fühlte er sich von einer «schwarzen Schlammflut» bedroht, er, der vor allen die schwarze Tiefe auszuschöpfen versucht hatte.
Freud hat sich nie gefragt, warum er ständig über den Sexus reden mußte, warum ihn dieser Gedanke so ergriffen hat. Es wurde ihm nie bewußt, daß sich in der «Monotonie der Deutung» eine Flucht vor sich selber ausdrückte, oder vor jener anderen, vielleicht als «mystisch» zu bezeichnenden Seite in ihm. Ohne Anerkennung dieser Seite konnte er jedoch nie in Einklang mit sich selber kommen. Er war blind gegenüber der Paradoxie und Doppeldeutigkeit der Inhalte des Unbewußten und wußte nicht, daß alles, was aus dem Unbewußten auftaucht, ein Oben und ein Unten, ein Innen und ein Außen hat. Wenn man über das Außen redet - und das tat Freud - so berücksichtigt man nur die eine Hälfte, und folgerichtig entsteht aus dem Unbewußten eine Gegenwirkung.
Gegen diese Einseitigkeit Freuds war nichts zu machen. Vielleicht hätte ihm eine eigene innere Erfahrung die Augen öffnen können; doch womöglich hätte sein Intellekt auch sie auf «bloße Sexualität» oder «Psychosexualität» reduziert. Er blieb dem einen Aspekt verfallen, und eben darum sehe ich in ihm eine tragische Gestalt; denn er war ein großer Mann und, was noch mehr ist, ein Ergriffener.
Nach jenem zweiten Gespräch in Wien verstand ich auch die Machthypothese Alfred Adlers, der ich bis dahin nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt hatte: Adler hatte, wie viele Söhne, vom «Vater» nicht das gelernt, was dieser sagte, sondern was er tat Sodann fiel mir das Problem von Liebe - oder Eros - und Macht wie ein Zentnerstein aufs Gemüt. Freud hatte, wie er mir selber sagte, Nietzsche nie gelesen. Jetzt sah ich seine Psychologie als einen Schachzug der Geistesgeschichte, der Nietzsches Vergötterung des Machtprinzips kompensierte. Das Problem lautete offenbar nicht «Freud versus Adler», sondern «Freud versus Nietzsche». Es schien mir viel mehr zu bedeuten als einen Hausstreit in der Psy-chopathologie. Der Gedanke dämmerte mir, daß Eros und Macht
trieb wie entzweite Brüder und Söhne eines Vaters seien, einer motivierenden seelischen Kraft, die sich - wie die positive und negative elektrische Ladung in gegensätzlicher Form in der Erfahrung manifestiert: die eine als ein patiens, der Eros, und die andere als ein agens, der Machttrieb - und vice versa. Der Eros nimmt den Machttrieb ebenso sehr in Anspruch wie dieser den ersteren. Wo ist der eine Trieb ohne den anderen? Der Mensch unterliegt einerseits dem Triebe, andererseits versucht er, ihn zu bewältigen. Freud zeigt, wie das Objekt dem Trieb erliegt, und Adler, wie er diesen benutzt, um das Objekt zu vergewaltigen. Der seinem Schicksal ausgelieferte und erlegene Nietzsche mußte sich einen «Übermenschen» erschaffen. Freud, so schloß ich, muß so tief unter dem Eindruck der Macht des Eros stehen, daß er ihn wie ein religiöses Numen sogar zum Dogma - aere perennius - erheben will. Es ist kein Geheimnis, daß «Zarathustra» der Verkünder eines Evangeliunis ist, und Freud konkurriert sogar mit der Kirche in seiner Absicht, Lehrsätze zu kanonisieren. Er hat dies allerdings nicht allzu laut getan, dafür aber mich der Absicht verdächtigt, als Prophet gelten zu wollen. Er erhebt den tragischen Anspruch und verwischt ihn zugleich. So verfährt man meistens mit Numinosi-täten, und das ist richtig, denn sie sind in der einen Hinsicht wahr, in der anderen unwahr. Das numinose Erlebnis erhöht und erniedrigt zugleich. Wenn Freud die psychologische Wahrheit, daß die Sexualität numinos ist - sie ist ein Gott und ein Teufel - etwas mehr berücksichtigt hätte, so wäre er nicht in der Enge eines biologischen Begriffes stecken geblieben. Und Nietzsche wäre vielleicht nicht mit seinem Überschwang über den Rand der Welt hinausgefallen, wenn er sich mehr an die Grundlagen der menschlichen Exi stenz gehalten hätte.
Wo immer die Seele durch ein numinoses Erlebnis in heftige Schwingung versetzt wird, besteht die Gefahr, daß der Faden, an dem man aufgehängt ist, zerrissen wird. Dadurch fällt der eine Mensch in ein absolutes «Ja» und der andere in ein ebenso absolutes «Nein». «Nirdvandva» (frei von den Zweien) sagt der Osten. Das habe ich mir gemerkt. Das geistige Pendel schwingt zwischen Sinn und Unsinn und nicht zwischen richtig und unrichtig. Die Gefahr des Numinosen besteht darin, daß es zu Extremen verleitet, und daß dann eine bescheidene Wahrheit für die Wahrheit und ein kleiner Irrtum für eine fatale Verirrung gehalten wird. Tout passe - was gestern Wahrheit war, ist heute eine Täuschung, und was
vorgestern als Fehlschluß galt, kann morgen eine Offenbarung sein - vollends in psychologischen Dingen, von denen wir ja in Wirklichkeit noch sehr wenig wissen. Wir haben es uns längst nicht immer klar gemacht, was es heißt, daß überhaupt nichts existiert, wenn nicht ein kleines - oh so vergängliches Bewußtsein etwas davon gemerkt hat!
Das Gespräch mit Freud hatte mir gezeigt, daß er befürchtete, das numinose Licht seiner Sexualerkenntnis könnte durch eine <schwarze Schlammflut> ausgelöscht werden. Dadurch entstand eine mythologische Situation: der Kampf zwischen Licht und Dunkel. Das erklärt die Numinosität dieser Angelegenheit und die sofortige Zuhilfenahme eines religiösen Abwehrmittels, des Dogmas. In meinem nächsten Buch, das sich mit der Psychologie des Hel-denkampfes beschäftigte5, griff ich den mythologischen Hintergrund von Freuds seltsamer Reaktion auf.
Die sexuelle Interpretation einerseits und die Machtabsichten des «Dogmas» andererseits führten mich im Laufe der Jahre zum typo-logischen Problem, sowie zur Polarität und Energetik der Seele. Darauf folgte die über einige Jahrzehnte sich erstreckende Untersuchung der «schwarzen Schlammflut des Okkultismus»; ich versuchte, die bewußten und unbewußten historischen Voraussetzungen unserer gegenwärtigen Psychologie zu verstehen.
Es interessierte mich, Freuds Ansichten über Praekognition und über Parapsychologie im allgemeinen zu hören. Als ich ihn im Jahre 1909 in Wien besuchte, fragte ich ihn, wie er darüber dächte. Aus seinem materialistischen Vorurteil heraus lehnte er diesen ganzen Fragenkomplex als Unsinn ab und berief sich dabei auf einen dermaßen oberflächlichen Positivismus, daß ich Mühe hatte, ihm nicht allzu scharf zu entgegnen. Es vergingen noch einige Jahre, bis Freud die Ernsthaftigkeit der Parapsychologie und die Tatsächlichkeit «okkulter» Phänomene anerkannte.