Während Freud seine Argumente vorbrachte, hatte ich eine merkwürdige Empfindung. Es schien mir, als ob mein Zwerchfell aus Eisen bestünde und glühend würde - ein glühendes Zwerchfellgewölbe. Und in diesem Augenblick ertönte ein solcher Krach im Bücherschrank, der unmittelbar neben uns stand, daß wir beide furchtbar erschraken. Wir dachten, der Schrank fiele über uns zu
5 «Wandlungen und Symbole der Libido», 1912. Neuauflage: «Symbole der Wandlung», Ges. Werke V, 1973.
sammen. Genauso hatte es getönt. Ich sagte zu Freud: «Das ist jetzt ein sogenanntes katalytisches Exteriorisationsphänomen.» «Ach», sagte er, «das ist ja ein leibhaftiger Unsinn!» «Aber nein», erwiderte ich, «Sie irren, Herr Professor. Und zum Beweis, daß ich recht habe, sage ich nun voraus, daß es gleich nochmals so einen Krach geben wird!» - Und tatsächlich: kaum hatte ich die Worte ausgesprochen, begann der gleiche Krach im Schrank!
Ich weiß heute noch nicht, woher ich diese Sicherheit nahm. Aber ich wußte mit Bestimmtheit, daß das Krachen sich wiederholen würde. Freud hat mich nur entsetzt angeschaut. Ich weiß nicht, was er dachte, oder was er schaute! Auf jeden Fall hat dieses Erlebnis sein Mißtrauen gegen mich geweckt, und ich hatte das Gefühl, ihm etwas angetan zu haben. Ich sprach nie mehr mit ihm darüber'.
Das Jahr 1909 wurde zu ein em entscheidenden Jahr für unsere Beziehung. Ich war eingeladen, an der Clark University (Wor-cester, Mass.) Vorträge über das Assoziationsexperiment zu halten. Unabhängig von mir hatte auch Freud eine Einladung erhalten, und wir beschlossen, zusammen zu reisen7. Wir trafen uns in Bremen, Ferenczi begleitete uns. In Bremen ereignete sich der viel diskutierte Zwischenfall, nämlich Freuds Ohnmacht. Sie wurde indirekt - durch mein Interesse an den «Moorleichen» provoziert. Ich wußte, daß in gewissen Gegenden Norddeutschlands sogenannte Moorleichen gefunden werden. Das sind z. T. aus der Prae-historie stammende Leichen von Menschen, die in den Sümpfen ertrunken oder dort begraben worden waren. Das Moorwasser enthält Humussäuren, welche die Knochen zerstören und zugleich die Haut gerben, so daß diese, wie auch die Haare, vollkommen erhalten bleiben. Es vollzieht sich also ein natürlicher Mumifizierungsprozeß, bei dem aber die Leichen durch das Gewicht des Moores vollständig platt gedrückt werden. Man findet sie gelegentlich beim Torfstechen in Holstein, Dänemark und Schweden.
Diese Moorleichen, über die ich gelesen hatte, fielen mir ein, als wir in Bremen waren, aber ich war etwas «durcheinander» und hatte sie mit den Mumien in den Bremer Bleikellern verwechselt!
• Vgl. Appendix pag. 370 ff. 7 Vgl. Appendix pag. 363 ff.
Mein Interesse ging Freud auf die Nerven. «Was haben Sie denn mit diesen Leichen?» fragte er mich mehrere Male. Er ärgerte sich in auffallender Weise und erlitt während eines Gespräches darüber bei Tisch eine Ohnmacht. Nachher sagte er mir, daß er überzeugt sei, dieses Geschwätz von Leichen bedeute, daß ich ihm den Tod wünsche. Von dieser Ansicht war ich mehr als überrascht. Ich war erschrocken und zwar über die Intensität seiner Phantasien, die ihm offenbar eine Ohnmacht verursachen konnten.
In einem ähnlichen Zusammenhang erlitt Freud noch einmal eine Ohnmacht in meiner Anwesenheit. Es war während des Psy-choanalytischen Kongresses in München 1912. Irgend jemand hatte das Gespräch auf Amenophis IV. gebracht. Es wurde hervorgehoben, daß er, infolge seiner negativen Einstellung zum Vater, dessen Cartouchen auf den Stelen zerstört habe, und daß hinter seiner großen Schöpfung einer monotheistischen Religion sein Vaterkomplex stünde. Das irritierte mich, und ich versuchte auseinanderzusetzen, daß Amenophis ein schöpferischer und tief religiöser Mensch gewesen sei, dessen Taten nicht aus persönlichen Widerständen gegen den Vater erklärt werden könnten. Er habe im Gegenteil das Andenken seines Vaters in Ehren gehalten, und sein Zerstörungseifer richtete sich nur gegen den Namen des Gottes Amon, den er überall tilgen ließ und darum wohl auch in den Cartouchen seines Vaters Amon-hotep. Überdies hätten auch andere Pharaonen die Namen ihrer wirklichen oder göttlichen Vorfahren auf Denkmälern und Statuen durch ihren eigenen ersetzt, wozu sie sich als In karnationen des gleichen Gottes berechtigt fühlten. Aber sie hätten weder einen neuen Stil noch eine neue Religion inauguriert.
In diesem Augenblick ist Freud ohnmächtig vom Stuhl gesunken. Alle standen hilflos um ihn herum. Da nahm ich ihn auf die Arme, trug ihn ins nächste Zimmer und legte ihn auf ein Sopha. Schon während ich ihn trug, kam er halb zu sich, und den Blick, den er mir zuwarf, werde ich nie vergessen. Aus seiner Hilflosigkeit heraus hat er mich so angeschaut, wie wenn ich sein Vater wäre. Was immer sonst noch zu dieser Ohnmacht beigetragen haben mag - die Atmosphäre war sehr gespannt - beiden Fällen ist die Phantasie vom Vatermord gemeinsam.
Freud hatte früher wiederholt Anspielungen mir gegenüber gemacht, daß er mich als seinen Nachfolger betrachte. Diese Andeutungen waren mir peinlich, denn ich wußte, daß ich nie imstande sein würde, seine Ansichten sozusagen korrekt, d. h. in seinem
Sinne, zu vertreten. Es war mir aber auch noch nicht gelungen, meine Einwände so herauszuarbeiten, daß er sie hätte würdigen können, und ich hatte zu großen Respekt vor ihm, als daß ich ihn zu einer endgültigen Auseinandersetzung hätte auffordern mögen. Der Gedanke, daß ich sozusagen über meinen Kopf hinweg mit einer Parteiführung belastet werden sollte, war mir aus vielerlei Gründen unangenehm. Etwas Derartiges lag mir nicht. Ich konnte meine geistige Unabhängigkeit nicht opfern, und dieser Zuwachs an Prestige war mir zuwider, weil er für mich nichts bedeutete als eine Ablenkung von meinen wirklichen Zielen. Es ging mir um die Erforschung der Wahrheit und nicht um persönliche Prestigefragen.
Unsere Reise nach den USA, die wir 1909 von Bremen aus antraten, dauerte sieben Wochen. Wir waren täglich zusammen und analysierten unsere Träume. Ich hatte damals einige wichtige Träume, mit denen Freud aber nichts anfangen konnte. Daraus machte ich ihm keinen Vorwurf, denn es kann dem besten Analytiker geschehen, daß er das Rätsel eines Traumes nicht zu lösen vermag. Das war ein menschliches Versagen und hätte mich nie veranlaßt, unsere Traumanalysen abzubrechen. Im Gegenteil, es lag mir sehr viel daran, und unsere Beziehung war mir überaus wertvoll. Ich empfand Freud als die ältere, reifere und erfahrenere Persönlichkeit und mich wie einen Sohn. Doch damals geschah etwas, das der Beziehung einen schweren Stoß versetzte.
Freud hatte einen Traum, über dessen Problem zu berichten ich nicht befugt bin. Ich deutete ihn, so gut ich konnte, fügte aber hinzu, daß sich sehr viel mehr sagen ließe, wenn er mir noch einige Details aus seinem Privatleben mitteilen wollte. Auf diese Worte hin sah mich Freud merkwürdig an - sein Blick war voll Mißtrauen - und sagte: «Ich kann doch meine Autorität nicht riskieren!» In diesem Augenblick hatte er sie verloren. Dieser Satz hat sich mir ins Gedächtnis gegraben. In ihm lag für mich das Ende unserer Beziehung bereits beschlossen. Freud stellte persönliche Autorität über Wahrheit.
Freud konnte, wie ich schon sagte, meine damaligen Träume nur unvollständig oder gar nicht deuten. Es handelte sich um Träume kollektiven Inhalts mit einer Fülle von symbolischem Material. Besonders einer war mir wichtig, denn er brachte mich zum ersten Mal auf den Begriff des «kollektiven Unbewußten» und bildete
darum eine Art Vorspiel zu meinem Buch «Wandlungen und Symbole der Libido».
Dies war der Traum: Ich war in einem mir unbekannten Hause, das zwei Stockwerke hatte. Es war «mein Haus». Ich befand mich im oberen Stock. Dort war eine Art Wohnzimmer, in welchem schöne alte Möbel im Rokokostil standen. An den Wänden hingen kostbare alte Bilder. Ich wunderte mich, daß dies mein Haus sein sollte und dachte: nicht übel! Aber da fiel mir ein, daß ich noch gar nicht wisse, wie es im unteren Stock aussähe. Ich ging die Treppe hinunter und gelangte in das Erdgeschoß. Dort war alles viel älter, und ich sah, daß dieser Teil des Hauses etwa aus dem 15. oder aus dem 16. Jahrhundert stammte. Die Einrichtung war mittelalterlich, und die Fußböden bestanden aus rotem Backstein. Alles war etwas dunkel. Ich ging von einem Raum in den anderen und dachte: Jetzt muß ich das Haus doch ganz explodieren! Ich kam an eine schwere Tür, die ich öffnete. Dahinter entdeckte ich eine steinerne Treppe, die in den Keller führte. Ich stieg hinunter und befand mich in einem schön gewölbten, sehr altertümlichen Raum. Ich untersuchte die Wände und entdeckte, daß sich zwischen den gewöhnlichen Mauersteinen Lagen von Backsteinen befanden; der Mörtel enthielt Backsteinsplitter. Daran erkannte ich, daß die Mauern aus römischer Zeit stammten. Mein Interesse war nun aufs höchste gestiegen. Ich untersuchte auch den Fußboden, der aus Steinplatten bestand. In einer von ihnen entdeckte ich einen Ring. Als ich daran zog, hob sich die Steinplatte, und wiederum fand sich dort eine Treppe. Es waren schmale Steinstufen, die in die Tiefe führten. Ich stieg hinunter und kam in eine niedrige Felshöhle. Dicker Staub lag am Boden, und darin lagen Knochen und zerbrochene Gefäße wie Überreste einer primitiven Kultur. Ich entdeckte zwei offenbar sehr alte und halb zerfallene Menschenschädel. - Dann erwachte ich.