Was Freud an diesem Traum vor allem interessierte, waren die beiden Schädel. Er kam immer wieder auf sie zu sprechen und legte mir nahe, in ihrem Zusammenhang einen Wunsch herauszufinden. Was ich denn über die Schädel dächte? Und von wem sie stammten? Ich wußte natürlich genau, worauf er hinauswollte: daß hier geheime Todeswünsche verborgen seien. Ja, was will er denn eigentlich? dachte ich bei mir. Wem soll ich denn den Tod wünschen ? - Ich empfand heftige Widerstände gegen eine solche Interpretation und hatte auch Vermutungen, was der Traum wirklich bedeuten könnte. Aber ich traute damals meinem Urteil noch nicht und wollte seine Meinung hören. Ich wollte von ihm lernen. So folgte ich seiner Intention und sagte: «Meine Frau und meine Schwägerin» - denn ich mußte doch jemanden nennen, dem den Tod zu wünschen sich lohnte!
Ich war damals noch jung verheiratet und wußte genau, daß nichts in mir war, das auf solche Wünsche hinwies. Doch hätte ich Freud meine eigenen Einfälle zu einer Deutung des Traumes nicht vorlegen können, ohne auf Unverständnis und heftigen Widerstand zu stoßen. Dem fühlte ich mich nicht gewachsen, und ich fürchtete auch, seine Freundschaft zu verlieren, wenn ich auf meinem Standpunkt beharrt hätte. Andererseits wollte ich wissen, was sich aus meiner Antwort ergeben und wie er reagieren würde, wenn ich ihn im Sinne seiner Doktrin hinters Licht führte. So erzählte ich ihm eine Lüge.
Ich war mir durchaus bewußt, daß mein Verhalten moralisch nicht einwandfrei war. Aber es wäre mir unmöglich gewesen, ihm einen Einblick in meine Gedankenwelt zu gewähren. Die Kluft zwischen ihr und der seinen war zu groß. In der Tat war Freud durch meine Antwort wie befreit. Ich erkannte daran, daß er solchen Träumen hilflos gegenüberstand und bei seiner Doktrin Zuflucht nahm. Mir aber lag daran, den wirklichen Sinn des Traumes herauszufinden.
Es war mir deutlich, daß das Haus eine Art Bild der Psyche darstellte, d. h. meiner damaligen Bewußtseinslage mit bis dahin unbewußten Ergänzungen. Das Bewußtsein war durch den Wohnraum charakterisiert. Er hatte eine bewohnte Atmosphäre, trotz des altertümlichen Stils.
Im Erdgeschoß begann bereits das Unbewußte. Je tiefer ich kam, desto fremder und dunkler wurde es. In der Höhle entdeckte ich Überreste einer primitiven Kultur, d. h. die Welt des primitiven Menschen in mir, welche vom Bewußtsein kaum mehr erreicht oder erhellt werden kann. Die primitive Seele des Menschen grenzt an das Leben der Tierseele, wie auch die Höhlen der Urzeit meist von Tieren bewohnt wurden, bevor die Menschen sie für sich in Anspruch nahmen.
Es wurde mir damals in besonderem Maße bewußt, wie stark ich den Unterschied zwischen Freuds geistiger Einstellung und der meinigen empfand. Ich war in der intensiv historischen Atmosphäre von Basel Ende des vorigen Jahrhunderts aufgewachsen
und hatte dank der Lektüre der alten Philosophen eine gewisse Kenntnis der Psychologiegeschichte erworben. Wenn ich über Träume und Inhalte des Unbewußten nachdachte, geschah es nie ohne historischen Vergleich; in meiner Studienzeit hatte ich mich dazu jeweils des alten Krugschen Lexikons der Philosophie bedient. Ich kannte vor allem die Autoren des 18., sowie diejenigen des angehenden 19. Jahrhunderts. Diese Welt bildete die Atmosphäre meines Wohnzimmers im ersten Stock. Demgegenüber hatte ich bei Freud den Eindruck, als ob seine «Geistesgeschichte» bei Büchner, Moleschott, Dubois -Reymond und Darwin begänne.
Zu meiner geschilderten Bewußtseinslage fügte der Traum nunmehr weitere Bewußtseinsschichten hinzu: das längst nicht mehr bewohnte Erdgeschoß im mittelalterlichen Stil, dann den römischen Keller und schließlich die praehistorische Höhle. Sie stellen verflossene Zeiten und überlebte Bewußtseinsstufen dar.
Viele Fragen hatten mich an den Vortagen des Traumes brennend beschäftigt: Auf welchen Prämissen beruht die Freudsche Psychologie? Zu welcher Kategorie des menschlichen Denkens gehört sie? In welchem Verhältnis steht ihr fast ausschließlicher Personalismus zu den allgemeinen historischen Voraussetzungen? Mein Traum gab die Antwort. Er ging offenbar zurück bis in die Grundlagen der Kulturgeschichte, einer Geschichte aufeinander folgender Bewußtseinslagen. Er stellte etwas wie ein Strukturdiagramm der menschlichen Seele dar, eine Voraussetzung durchaus unpersönlicher Natur. Diese Idee schlug ein, «it clicked», wie der Engländer sagt; und der Traum wurde mir zu einem Leitbild, das sich in der Folgezeit in einem mir unbekannten Maße bestätigte. Er gab mir die erste Ahnung eines kollektiven a priori der persönlichen Psyche, das ich zunächst als Spuren früherer Funktionsweisen auffaßte. Erst später, bei vermehrter Erfahrung und zuverlässigerem Wissen erkannte ich die Funktionsweisen als Instinktformen, als Archetypen.
Ich habe Freud nie recht geben können, daß der Traum eine «Fassade» sei, hinter der sich sein Sinn verstecke; ein Sinn, der schon gewußt ist, aber sozusagen boshafterweise dem Bewußtsein vorenthalten werde. Für mich sind Träume Natur, der keine Täuschungsabsicht innewohnt, sondern die etwas aussagt, so gut sie eben kann - wie eine Pflanze, die wächst, oder ein Tier, das seine Nahrung sucht, so gut sie es eben können. So wollen auch die Augen nicht täuschen, aber vielleicht täuschen wir uns,weil die Augen kurzsichtig sind. Oder wir hören falsch, weil die Ohren etwas taub sind, aber die Ohren wollen uns nicht täuschen. Lange bevor ich Freud kennen lernte, hatte ich das Unbewußte, sowie auch die Träume, dessen unmittelbaren Ausdruck, als einen Naturvorgang angesehen, dem keine Willkürlichkeit zukommt, und vor allem keine taschenspielerische Absicht. Ich kannte keine Gründe für die Annahme, daß die Listen des Bewußtseins sich auch auf die Naturvorgänge des Unbewußten erstreckten. Im Gegenteil belehrte mich die tägliche Erfahrung, welch hartnäckigen Widerstand das Unbewußte den Tendenzen des Bewußtseins entgegensetzt.
Der Traum vom Haus hatte eine eigenartige Wirkung auf mich: er rief meine alten archäologischen Interessen wach. Nach Zürich zurückgekehrt, nahm ich mir ein Buch über babylonische Ausgrabungen vor und las verschiedene Werke über Mythen. Dabei fiel mir die «Symbolik und Mythologie der alten Völker» von Friedrich Creuzer8 in die Hände, und das zündete! Ich las wie besessen und arbeitete mich mit brennendem Interesse durch einen Berg von mythologischem und schließlich auch gnostischem Material hindurch und endete in einer totalen Verwirrung. Ich befand mich in einem ähnlichen Zustand der Ratlosigkeit wie seinerzeit in der Klinik, als ich den Sinn psychotischer Geisteszustände zu verstehen suchte. Ich kam mir vor wie in einem imaginären Irrenhaus und begann, all die Kentauren, Nymphen, Götter und Göttinnen in Creuzers Buch zu «behandeln» und zu analysieren, als wären sie meine Patienten. Bei dieser Beschäftigung konnte ich nicht umhin, die nahe Beziehung der antiken Mythologie zur Psychologie der Primitiven zu entdecken, was mich zu einem intensiven Studium letzterer veranlaßte. Freuds gleichzeitige Interessen in dieser Hinsicht verursachten mir einiges Unbehagen, insofern ich darin ein Vorherrschen seiner Theorie gegenüber den Tatsachen zu erkennen glaubte.