Mitten in diesem Studium stieß ich auf das Phantasiematerial einer mir unbekannten jungen Amerikanerin, Miss Miller. Das Material war von meinem verehrten väterlichen Freunde Theodore Flournoy in den «Archives de Psychologie» (Genf) publiziert worden '. Ich war sofort vom mythologischen Charakter der Phantasien
beeindruckt. Sie wirkten wie ein Katalysator auf die in mir aufgestauten, noch ungeordneten Gedanken. Allmählich formte sich aus ihnen und aus der von mir erworbenen Kenntnis der Mythen das Buch über die «Wandlungen und Symbole der Libido». Während ich daran arbeitete, hatte ich bedeutsame Träume, welche schon auf den Bruch mit Freud hinwiesen. Einer der eind rucksvollsten spielte in einer bergigen Gegend in der Nähe der schweizerisch-österreichischen Grenze. Es war gegen Abend, und ich sah einen ältlichen Mann in der Uniform eines k. k. Zollbeamten. Etwas gebückt ging er an mir vorbei, ohne mich zu beachten. Sein Gesichtsausdruck war griesgrämig, etwas melancholisch und verärgert. Es waren noch andere Menschen da, und jemand belehrte mich, der Alte sei gar nicht wirklich, sondern der Geist eines vor Jahren verstorbenen Zollbeamten. «Das ist einer von denen, die nicht sterben konnten», hieß es.
8 Leipzig und Darmstadt, 1810—1823. • Über Th. Flournoy vgl. Appendix pag. 378 f.
Dies ist der erste Teil des Traumes.
Als ich daran ging, ihn zu analysieren, fiel mir zum Zoll gleich die «Zensur» ein; zur Grenze einerseits diejenige zwischen Bewußtsein und Unbewußtem, andererseits die zwischen Freuds Ansichten und den meinen. Die Untersuchung - hochnotpeinlich - an der Grenze schien mir auf die Analyse anzuspielen. An der Grenze werden die Koffer geöffnet und auf Konterbande geprüft. Dabei werden unbewußte Voraussetzungen entdeckt. Der alte Zollbeamte hatte offenbar in seiner Tätigkeit so wenig Erfreuliches und Befriedigendes erlebt, daß seine Weltanschauung ein saures Gesicht dazu machte. Ich konnte die Analogie mit Freud nicht abweisen.
Freud hatte zwar damals (1911) für mich die Autorität in einem gewissen Sinne verloren. Aber er bedeutete mir nach wie vor eine überlegene Persönlichkeit, auf die ich den Vater projizierte, und diese Projektion war zur Zeit des Traumes noch längst nicht aufgehoben. Wo eine solche Projektion vorliegt, ist man nicht objektiv, sondern hat ein gespaltenes Urteil. Einesteils ist man abhängig, und andernteils hat man Widerstände. Zur Zeit, als der Traum stattfand, schätzte ich Freud noch hoch, auf der anderen Seite aber war ich kritisch. Diese geteilte Einstellung ist ein Anzeichen dafür, daß ich in dieser Situation noch unbewußt war und sie nicht reflektiert hatte. Das ist charakteristisch für alle Projektionen. Der Traum legte mir nahe, hierüber Klarheit zu gewinnen.
Unter dem Eindruck von Freuds Persönlichkeit hatte ich, soweit wie möglich, auf mein eigenes Urteil verzichtet und meine Kritik
zurückgedrängt. Das war die Voraussetzung, unter der ich mitarbeiten konnte. Ich sagte mir: «Freud ist viel gescheiter und erfahrener als du. Jetzt hörst du einfach auf das, was er sagt, und lernst von ihm.» Und dann träumte ich zu meinem Erstaunen von ihm als griesgrämigem Beamten der österreichischen k. k. Monarchie, als verstorbenem und noch «umgehendem» Zollinspektor. Sollte das der von Freud angedeutete Todeswunsch sein? Ich konnte niemanden in mir nachweisen, der einen derartigen Wunsch normalerweise hätte hegen können, denn ich wollte, sozusagen ä tout prix, kollaborieren und in ungescheut egoistischer Weise am Reichtum seiner Erfahrung teilnehmen, und an unserer Freundschaft lag mir viel. So hatte ich keinerlei Anlaß, ihn tot zu wünschen. ' Wohl aber konnte der Traum eine Korrektur sein, eine Kompensation meiner bewußten Schätzung und Bewunderung, die - mir unwillkommenerweise - offenbar zu weit ging. Der Traum empfahl eine etwas kritischere Einstellung. Ich war sehr bestürzt darüber, obwohl der Schlußsatz des Traumes mir eine Andeutung der Unsterblichkeit zu enthalten schien.
Der Traum war mit der Episode vom Zollbeamten noch nicht zu Ende, sondern nach einem Hiatus folgte ein zweiter, bemerkenswerter Teil. Ich befand mich in einer italienischen Stadt, und es war um die Mittagsstunde, zwischen zwölf und ein Uhr. Eine heiße Sonne brannte auf die Gassen. Die Stadt war auf Hügel gebaut und erinnerte mich an eine bestimmte Stelle in Basel, den Kohlenberg. Die Gäßchen, die von dort ins Birsigtal, das sich durch die Stadt zieht, hinunterführen, sind zum Teil Treppengäß-chen. Eine solche Treppe ging hinunter zum Barfüßerplatz. Es war Basel, und doch war es eine italienische Stadt, etwa wie Bergamo. Es war Sommer, die strahlende Sonne stand im Zenit, und alles war erfüllt von intensivem Licht. Viele Menschen kamen mir entgegen, und ich wußte, daß jetzt die Läden geschlossen wurden und die Leute zum Mittagessen heimstrebten. Mitten in diesem Menschenstrom ging ein Ritter in voller Rüstung. Er stieg die ^ Treppe hinauf, mir entgegen. Er trug einen Topfhelm mit Augenschlitzen und einen Kettenpanzer. Darüber ein weißes Obergewand, auf dem vorne und auf dem Rücken ein großes rotes Kreuz eingewoben war.
Sie können sich denken, was für einen Eindruck es auf mich machte, als plötzlich in einer modernen Stadt, mittags um die Stoßzeit des Verkehrs, ein Kreuzfahrer auf mich zukam! Vor allem
fiel mir auf, daß keiner von den vielen Menschen, die unterwegs waren, ihn wahrzunehmen schien. Niemand kehrte sich nach ihm um oder schaute nach ihm; es kam mir vor, wie wenn er für die anderen vollkommen unsichtbar wäre. Ich fragte mich, was die Erscheinung zu bedeuten habe, und da war es, wie wenn mir jemand antwortete - aber es war niemand da, der es sagte - «Ja, das ist eine regelmäßige Erscheinung. Immer zwischen zwölf und ein Uhr geht der Ritter hier vorbei, und dies seit sehr langer Zeit (ich hatte den Eindruck, seit Jahrhunderten), und jedermann weiß darum.»
Der Traum hat mich tief beeindruckt, aber damals verstand ich ihn keineswegs. Ich war bedrückt und bestürzt und wußte mir keinen Rat.
Der Ritter und der Zollbeamte waren einander entgegengesetzte Figuren. Der Zollbeamte war schattenhaft, wie jemand, der «noch nicht sterben konnte» - eine abklingende Erscheinung. Der Ritter hingegen war lebensvoll und völlig wirklich. Der zweite Teil des Traumes war in hohem Maße numinos, die Szene an der Grenze nüchtern und an sich nicht eindrucksvoll, erst die Überlegungen darüber hatten mich betroffen.
Über die rätselhafte Figur des Ritters habe ich mir in der Folgezeit viele Gedanken gemacht, ohne jedoch die Bedeutung voll erfassen zu können. Erst viel später, nachdem ich lange Zeit über den Traum meditiert hatte, konnte ich seinen Sinn einigermaßen verstehen. Schon im Traum wußte ich, daß der Ritter ins 12. Jahrhundert gehört. Das ist die Zeit, wo die Alchemie anfing und die Quest nach dem Hl. Gral. Die Gralsgeschichten spielten für mich von Jugend an eine große Rolle. Als ich fünfzehn Jahre alt war, hatte ich sie zum ersten Mal gelesen, und das war ein unverlierbares Erlebnis, ein Eindruck, der mich nie mehr losgelassen hat. Ich ahnte, daß dort noch ein Geheimnis verborgen lag. So schien es mir ganz natürlich, daß der Traum die Welt der Gralsritter und ihrer Quest wieder heraufbeschwor, denn das war im innersten Sinne meine Welt, die mit derjenigen von Freud kaum etwas zu tun hatte. Alles in mir suchte ein noch Unbekanntes, das der Banalität des Lebens einen Sinn verleihen könnte.