Ich fühlte eine tiefe Enttäuschung in mir, daß man mit aller Anstrengung des forschenden Verstandes anscheinend nichts anderes in den Tiefen der Seele entdecken konnte als das nur allzubekannte «Allzumenschliche». Ich bin auf dem Lande unter Bauern
aufgewachsen, und was ich nicht im Stalle lernen konnte, das erfuhr ich durch den Rabelaisischen Witz und die ungenierte Phantasie der Folklore unserer Bauern. Inzest und Perversitäten waren für mich keine bemerkenswerten Neuigkeiten und keiner besonderen Erklärung wert. Sie gehörten mit der Kriminalität zu jenem schwarzen Niederschlag, der mir den Geschmack am Leben verdarb, indem er mir die Häßlichkeit und Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz nur zu deutlich vor Augen führte. Es war mir eine Selbstverständlichkeit, daß der Kohl auf dem Mist gedeiht. Ich mußte mir gestehen, daß ich darin keine hilfreiche Einsicht entdecken konnte. Das sind halt alles Stadtleute, die von der Natur und dem Menschenstall nichts wissen, dachte ich, dieser Widerwärtigkeiten längst überdrüssig.
Natürlich sind Menschen, die von der Natur nichts wissen, neurotisch, denn sie sind an die Wirklichkeiten nicht angepaßt. Sie sind noch zu naiv, wie Kinder, und müssen sozusagen aufgeklärt werden darüber, daß sie Menschen sind wie alle anderen. Damit sind Neurotiker allerdings noch nicht geheilt, und gesund können sie nur werden, wenn sie aus dem Alltagsschlamm wieder herauskommen. Aber sie bleiben nur allzugern im vorher Verdrängten stecken, und wie sollten sie auch daraus herauskommen, wenn sie die Analyse nicht eines Anderen und Besseren bewußt macht? Wenn selbst die Theorie sie darin verhaftet und ihnen nur den rationalen oder «vernünftigen» Entschluß, die Kindereien endlich aufzugeben, als Lösungsmöglichkeit offen läßt? Das ist ja eben das, was sie offenbar nicht können, und wie sollten sie es können, wenn sie nicht etwas entdecken, auf dem sie stehen können ? Man kann keine Lebensform aufgeben, ohne eine andere dafür einzutauschen. Eine total vernünftige Lebensführung ist erfahrungsgemäß in der Regel unmöglich, besonders noch, wenn man sozusagen von Hause aus so unvernünftig ist wie ein Neurotiker.
Es wurde mir jetzt klar, warum mir Freuds persönliche Psychologie von brennendem Interesse war. Ich mußte unter allen Umständen wissen, wie es um seine «vernünftige Lösung» stand. Das war für mich eine Lebensfrage, für deren Beantwortung ich vieles zu opfern bereit war. Jetzt stand es mir klar vor den Augen. Er hatte selber eine Neurose und zwar eine wohl diagnostizierbare mit sehr peinlichen Symptomen, wie ich auf unserer Amerikareise entdeckte. Er hatte mich damals belehrt, daß alle Welt etwas neurotisch sei und man deshalb Toleranz üben müsse. Ich war aber
keineswegs gesonnen, mich damit zu begnügen, sondern wollte vielmehr wissen, wie man eine Neurose vermeiden konnte. Ich hatte gesehen, daß weder Freud noch seine Schüler verstehen konnten, was es für Theorie und Praxis der Psychoanalyse bedeutet, wenn nicht einmal der Meister mit der eigenen Neurose fertig wird. Als er dann die Absicht kundgab, Theorie und Methode zu identifizieren und zu dogmatisieren, konnte ich nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten, und es blieb mir nichts mehr übrig, als mich zurückzuziehen.
Als ich bei meiner Arbeit an «Wandlungen und Symbole der Libido» gegen den Schluß an das Kapitel über das «Opfer» kam, wußte ich zum voraus, daß es mich die Freundschaft mit Freud kosten würde. Es sollten darin meine eigene Auffassung des Inzestes, die entscheidende Wandlung des Libidobegriffes und noch andere Gedanken, in denen ich mich von Freud unterschied, zur Sprache kommen. Für mich bedeutet der Inzest nur in den allerseltensten Fällen eine persönliche Komplikation. Meist stellt er einen hochreligiösen Inhalt dar, weshalb er auch in fast allen Kosmogonien und zahlreichen Mythen eine entscheidende Rolle spielt. Aber Freud hielt an der wortwörtlichen Auffassung fest und konnte die geistige Bedeutung des Inzestes als eines Symbols nicht fassen. Ich wußte, daß er dies alles niemals würde annehmen können.
Ich sprach mit meiner Frau und teilte ihr meine Befürchtungen mit. Sie suchte mich zu beruhigen, denn sie war der Ansicht, daß Freud meine Auffassungen großzügig würde gelten lassen, auch wenn er sie für sich nicht akzeptieren könnte. Ich selber war davon überzeugt, daß er dazu nicht imstande wäre. Zwei Monate lang konnte ich keine Feder anrühren und war von dem Konflikt gequält: Soll ich verschweigen, was ich denke, oder soll ich die Freundschaft riskieren? Schließlich entschloß ich mich zu schreiben, und es hat mich Freuds Freundschaft gekostet.
Nach dem Bruch mit Freud fielen alle meine Freunde und Bekannten von mir ab. Mein Buch wurde als Schund erklärt. Ich galt als Mystiker, und damit war die Sache erledigt. Riklin und Maeder waren die beiden Einzigen, die bei mir blieben. Doch ich hatte meine Einsamkeit vorausgesehen und mir keine Illusionen über die Reaktionen meiner sogenannten Freunde gemacht. Das war ein Punkt, den ich mir gründlich überlegt hatte. Ich wußte, daß es ums Ganze ging, und daß ich für meine Überzeugung einstehen mußte. Ich sah, daß das Kapitel «Das Opfer» mein Opfer bedeu
tete. Mit dieser Einsicht konnte ich wieder schreiben, obwohl ich voraussah, daß niemand meine Auffassung begreifen würde.
Rückschauend kann ich sagen, daß ich der Einzige bin, der die zwei Probleme, die Freud am meisten interessiert haben, sinngemäß weitergeführt hat: das der «archaischen Reste» und das der Sexualität. Es ist ein weitverbreiteter Irrtum zu meinen, ich sähe den Wert der Sexualität nicht. Im Gegenteil, sie spielt in meiner Psychologie eine große Rolle, nämlich als wesentlicher - wenn auch nicht einziger - Ausdruck der psychischen Ganzheit. Es war aber mein Hauptanliegen, über ihre persönliche Bedeutung und die einer biologischen Funktion hinaus ihre geistige Seite und ihren numinosen Sinn zu erforschen und zu erklären; also das auszudrücken, wovon Freud fasziniert war, was er aber nicht fassen konnte. Die Schriften «Die Psychologie der Übertragung» und «Mysterium Coniunctionis» enthalten meine Gedanken über dieses Thema. Als Ausdruck eines chthonischen Geistes ist die Sexualität von größter Bedeutung. Denn jener Geist ist das «andere Gesicht Gottes», die dunkle Seite des Gottesbildes. Die Fragen des chthonischen Geistes beschäftigten mich, seit ich mit der Gedankenwelt der Alchemie in Berührung gekommen war. Im Grunde genommen wurden sie in jenem frühen Gespräch mit Freud geweckt, als ich seine Ergriffenheit durch die Sexualität fühlte, ohne sie mir jedoch erklären zu können.
Freuds größte Leistung bestand wohl darin, daß er seine neurotischen Patienten ernst nahm und auf ihre eigentümliche und individuelle Psychologie einging. Er hatte den Mut, die Kasuistik sprechen zu lassen und auf diese Weise in die individuelle Psychologie des Kranken einzudringen. Er sah sozusagen mit den Augen des Patienten und gelangte auf diese Weise zu einem tieferen Verständnis der Krankheit, als es bis dahin möglich gewesen war. Hier besaß er Unvoreingenommenheit und Mut. Dies führte ihn dazu, eine Menge von Vorurteilen zu überwinden. Wie ein alttestament-licher Prophet hat er es unternommen, falsche Götter zu stürzen, den Vorhang wegzuziehen von einem Haufen von Unehrlichkeit und Heucheleien und mitleidlos die Fäulnis der zeitgenössischen Seele dem Tageslicht preiszugeben. Er hat es nicht gescheut, die Unpopularität eines solchen Unterfangens einzustecken. Der Antrieb, den er damit unserer Kultur gegeben hat, bestand in
seiner Entdeckung eines Zugangs zum Unbewußten. Mit der Anerkennung des Traumes als wichtigster Informationsquelle über die Vorgänge im Unbewußten hat er einen Wert der Vergangenheit und Vergessenheit entrissen, welcher unrettbar verloren schien. Er hat empirisch das Vorhandensein einer unbewußten Psyche bewiesen, die zuvor nur als ein philosophisches Postulat existiert hatte, nämlich in der Philosophie von Carl Gustav Carus und Eduard von Hartmann.